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24/01/2015 13:57 CET | Aktualisiert 26/03/2015 06:12 CET

Freundschaft und Liebe. Was wirklich wichtig ist

Thinkstock

Unterm Strich

Was wirklich zählt, hat immer mit Nachhaltigkeit zu tun, weil es eine Investition von Zeit und Leidenschaft ist, verbunden mit dem Wunsch, dass es flüchtige Momente überdauert. Das bedeutet auch, sich um etwas zu kümmern, im Hier und Jetzt zu sein. Doch je weniger Zeit wir bewusst nutzen, desto weniger können wir uns Menschen und Dingen widmen, die uns etwas bedeuten. Wenn sie uns fehlt, hören wir auch auf, das uns Liebgewordene ernst zu nehmen.

In seinem Lied „Was wichtig ist" zieht Udo Jürgens wie in vielen seiner Lieder Bilanz: „Was wichtig ist, ist nicht, was man so nennt. / Nicht, was man ist und wen man alles kennt. / Ich kenn die Regeln, ich beherrsch das Spiel, / doch all das Wissen nützt nicht viel..." Was hier bleibt, ist ein Fehlbetrag: Das Erreichte wird gewogen, aber es hat kein Gewicht, denn dem Wesentlichen im Leben wird eine Absage erteilt, und das Streben nach Ruhm und Anerkennung für nutzlos erklärt. „Unterm Strich steht das Wort Einsamkeit." (Bastian Sick) Von einem gelingenden Leben wird deshalb immer dann gesprochen, wenn man sich auf das konzentrieren kann, was wichtig ist.

Das erfordert eine Scheidekunst, die Fähigkeit, wählen zu können, die auch mit Verantwortung verbunden ist - und mit Macht. Denn „Fürsein", also „für" etwas verantwortlich zu sein, ist auch eine Machtbeziehung.

Katja Kraus: Als wär's ein Stück von ihr

Der Psychologe Gary Klein spricht von der „Macht von Geschichten". Eine gute Geschichte zeichnet sich für ihn durch Dramatik, Empathie und Weisheit aus, sie ist auf das Wesentliche beschränkt, einzigartig und bleibt in schöner Erinnerung. „Wir lieben nur das Individuelle; daher die große Freude an Porträten, Bekenntnissen, Memoiren, Briefen und Anekdoten abgeschiedner selbst unbedeutender Menschen", schreibt Goethe.

In den Büchern von Katja Kraus ist all das zu finden: Und so ist es kein Zufall, dass ihrem Erstlingswerk „Macht. Geschichten von Erfolg von Scheitern" (2013) das Buch „Freundschaft. Geschichten von Nähe und Distanz" folgt (ab 19. Februar im Buchhandel). Es widmet sich unter anderem den Fragen: Gibt es die „Freundschaft fürs Leben"? Wie ist es, wenn eine Freundin plötzlich zur Konkurrentin wird? Und was ist eigentlich das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz?

Der Philosoph (philos) als Freund der Weisheit (sophia) findet die Freundschaft in verschiedenen Ansätzen bereits in seiner traditionellen Bestimmung verankert. In der Philosophiegeschichte ist freundschaftliche Zugewandtheit in der Regel die Basis für Erkenntnis, die sich besonders gut in der Unterhaltung, im Dialog entwickeln kann.

Schreiben ist eine der einsamsten Tätigkeiten - es braucht das Gespräch als Gegengewicht, um herauszufinden, was man denkt. Die Essayistin und Publizistin Susan Sontag hat nie interessiert, was die die Leserschaft denkt, weil sie eine abstrakte Größe für sie war. Aber es interessierte sie sehr wohl, was der Einzelne dachte - „und dazu bedarf es der Begegnung von Angesicht zu Angesicht", schreibt sie im Rolling-Stone-Interview mit Jonathan Cott.

Episodische Begegnungen und Gespräche sind auch der rote Faden im neuen Buch von Katja Kraus, in dem Roger Willemsen, Maria Höfl-Riesch, Barbara Auer, Jürgen Flimm, Egon Bahr, Jürgen Klopp, Gregor Gysi, Claudia Roth, Ali Mahdjoubi, Sahra Wagenknecht, Rene Adler, Manfred Bissinger, Sylvia Bovenschen, Jean Remy von Matt, Benjamin Lebert, Christoph Metzelder, Marina Weisband, Joseph Vogl, Bettina Böttinger, Herbert Hainer und Andrea Fischer Auskunft über ihr Verständnis von Freundschaft und deren Bedeutung in ihrem Leben geben.

Es ist undenkbar für die Autorin, sich dem Thema ohne Empathie zu nähern. Sie verwebt den behandelten Stoff immer auch mit ihrer eigenen Geschichte - nah und distanziert. Als wär's ein Stück von ihr. Liebe zu ihrem Stoff ist vorhanden, aber nicht zu viel, und auch nicht zu wenig. Er verbrennt nicht durch ein überdrehtes Gefühl, eine alles bestimmende Leidenschaft, wie sie Verliebte haben. In einem Interview mit der WELT zu ihrem ersten Buch „Macht" sagte sie: „Ich habe mich dabei in das Schreiben verliebt".

Verliebt zu sein ist ein schönes Gefühl, aber ihm fehlt die Nachhaltigkeit. Kürzlich sagte die Schauspielerin Heike Makatsch dem Magazin „Emotion", dass das „ver" ja schon andeutet, dass etwas nicht stimmig ist: „So wie ‚ver-rückt', ‚ver-wirrt' oder ‚ver-knotet'. Erst wenn die Hormone nicht mehr verrücktspielen, sich die Projektionen auflösen, kann man den anderen erkennen."

Das Freundschaftsbuch von Katja Kraus ist ein Produkt der Liebe, nicht mehr der Verliebtheit. Das zeigt sich auch an ihrem Gegenstand selbst, denn Freundschaft kommt der Liebe am nächsten - aber ohne Verführbarkeit durch eine alles verzehrende Leidenschaft. Der Kulturhistoriker und Publizisten Hermann Glaser bezeichnet Freundschaft deshalb als „Liebe mit Verstand". In Katja Kraus' Buch sagt Egon Bahr: „Freundschaft ist unauslöschliche Liebe ohne Sex."

Diese Freundschaftsformeln drückt auch die Etymologie des Wortes „Freund" aus: Es gehört zum gotischen Verb „frijon" (lieben), steht auch für Verwandter, LiebhaberIn, Vertrauter. Die Definition, die übergreifend den „Freund" charakterisiert, meint eine Person, die man liebt, deren Bestes man zu befördern sucht - ohne Rücksicht auf das Geschlecht. Auf die Frage: „Was ist ein Freund?" soll Aristoteles geantwortet haben: „Eine Seele in zwei Leibern wohnend." Eine Vielzahl populärer Freundschaftsmotive leiten sich daraus ab. In der Antike galt Freundschaft als hohe Tugend, in der christlichen Moraltheologie des späten Mittelalters wurde sie zum Inbegriff der reinen Gottesliebe.

Im 18. Jahrhundert war Freundschaft vor allem ein Bindeglied zwischen Individualisierung und der Gemeinschaft. Und was bedeutet sie heute? Die Situation ist kaum anders als die von Stefan Zweig in seinen Erinnerungen eines Europäers beschriebene. Seine „Welt von Gestern" ist sehr gegenwärtig: „Denn eben durch das Unerwartete, dass das einstmals Stabilste, das Geld, täglich an Wert verlor, schätzten die Menschen die wirklichen Werte des Lebens - Arbeit, Liebe, Freundschaft, Kunst und Natur - um so höher, und das ganze Volk lebte inmitten der Katastrophe intensiver und gespannter als je..."

Gedanken entwickelten sich bei ihm ausnahmslos an Gegenständen, Geschehnissen und Gestalten - alles rein Theoretische blieb ihm zeitlebens unerlernbar und fremd. So ähnlich ist es auch mit Freundschaftsbüchern. Viele von ihnen sind umfangreicher, detaillierter, philosophischer und wissenschaftlicher als das von Katja Kraus. Aber all das ist nicht wichtig, wenn ein Buch wie ein Freund ist. Es öffnet sich dem, der darin etwas sucht und deshalb auch mehr findet.


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