BLOG
24/10/2014 15:23 CEST | Aktualisiert 24/12/2014 06:12 CET

Götzendämmerung in der Finanzwirtschaft - Das Spiel mit unserer Zukunft

thinkstock

Die Krise im Kopf

„Woran sollen wir uns halten?" Diese Frage von Wolfgang Scheunemann, Initiator des Deutschen CSR-Forums und Geschäftsführer der Unternehmensberatung dokeo in Stuttgart, ist heute umso drängender, weil das Vertrauen in alte Gewissheiten spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise und ihrer Blasenstory verloren gegangen ist.

Viele glaubten damals, am großen Wachstum teilzuhaben, doch in Wirklichkeit nahmen sie nur am „Zustrom heißer Luft" teil. Die Finanzkrise von 2008 mit ihren verheerenden Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft war zugleich auch eine Bewusstseinskrise, in der Menschen an ihre Grenzen gestoßen sind.

Es war die Zeit der „Götzendämmerung", in der die Geldreligion ihre Kinder fraß, wie es die Managementberaterin Gertrud Höhler in ihrem gleichnamigen Buch 2010 treffend zum Ausdruck brachte und die Finanzkrise als eine Systemkrise analysierte, die uns auch unsere persönlichen Grenzen führte: „Das System, dem die reichen Länder ihren Erfolg verdanken, die Geldvermehrung ohne Güterdeckung, ist uns ja nicht von Aliens verkauft worden, sondern es ist unsere Kreatur."

Vorteile, Privilegien und materielle Boni waren damals wichtiger als ernsthaftes „Nachdenken über die heranrollende Zukunft", das von großem Vorteil gewesen wäre. Dazu gehört auch die Aussage von Wolfgang Scheunemann, für den Nachhaltigkeit immer auch eine Strategie der Selbstbeschränkung war und ist: „Das langfristige Denken gibt Halt in einer haltlos erscheinenden Welt."

Die Börsenkurse haben sich inzwischen erholt, und auch die Banken erwirtschaften wieder Milliardengewinne. Dennoch werden trotz der positiven Entwicklung die kritischen Stimmen immer lauter: Welche Vorsorgemaßnahmen zur Vermeidung weiterer Krisen wurden ergriffen? Inwiefern können die Marktteilnehmer fachliche Kompetenz im Bereich Nachhaltigkeit vorweisen?

Der Finanzsektor ist vom steigenden Nachhaltigkeitsbewusstsein direkt betroffen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Schwierigkeiten des globalen Finanzmarktes, die 2007 begannen und das Bankengeschäft der Zukunft maßgeblich veränderten, wirken sich seither auf eine Vielzahl von Unternehmen aus und schaffen eine wesentliche Anzahl von Bilanzierungs- und Berichterstattungserfordernissen.

Zudem müssen sie flexibel auf Marktveränderungen reagieren, die ihre Finanzierungssituation, die operative Entwicklung, Cash Flows, aber auch ihre Unternehmensentwicklung nachteilig beeinflussen können.

„Hinzu kommen steigende regulative gesellschaftliche Anforderungen, Vorgaben von Ratingagenturen, steigende Ansprüche der unterschiedlichen Stakeholder an die Unternehmen sowie die Erkenntnis, dass herkömmliche betriebswirtschaftliche Instrumente für einen dauerhaften Unternehmenserfolg nicht mehr ausreichen.

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, sich systematisch gegen Nachhaltigkeitsrisiken abzusichern. Damit verbunden ist eine Zunahme an Planungs- und Investitionssicherheit und eine bessere Performance an den Kapitalmärkten", so Wolfgang Scheunemann.

Nachhaltiger Markterfolg braucht Klugheit

Dass die Philosophie in Zeiten der Unsicherheit eine besonders „tragende" Rolle in der Gesellschaft hat, zeigt sich in den aktuellen Bestsellerlisten und daran, dass sich weitsichtige Unternehmens- und Managementberater/innen immer wieder auf das ethische Alltagsgepäck besinnen, das zwar äußerlich nicht schwer ist, aber dafür inneres Gewicht hat.

So verweist auch Gertrud Höhler auf die Klugheit, die Thomas von Aquin die „Mutter aller Tugenden" genannt wurde und den täglichen Dreischritt lehrt: abwägen, urteilen, entscheiden. Ihre Begleiter sind Gerechtigkeit, Mut und Maß.

Damit hängt ein entscheidendes Kriterium für nachhaltigen Markterfolg zusammen - nämlich das, was Menschen mitbringen, um ihn verantwortlich zu gestalten: Überzeugungen und Wertvorstellungen. Hätte es ein solches inneres Gerüst vor der Finanzkrise gegeben, wäre die kollektive Gier als narzisstische Antreiber nicht in dem Maße verbreitet gewesen.

Warum Vertrauen führt

Die wichtigste Aufgabe einer Gesellschaft besteht für den Psychologen und Autor Hans-Joachim Maatz darin, die Gefahr narzisstischer Beschädigungen zu verringern und gute Möglichkeiten zur Regulation zu schaffen. Allerdings reichen Macht und Geld nicht aus, um Menschen in Organisationen und Unternehmen ins Handeln und die Verantwortung zu führen.

Es ist vielfach erwiesen, dass bei Aufgaben, die kognitive Fähigkeiten verlangen, niedrige bis moderate leistungsbezogene Anreize durchaus hilfreich sein können. Doch hohe Boni lenken Menschen durch Gedanken an das Entgelt von seiner Aufgabe ab. Dadurch kann Stress entstehen und das Leistungsniveau erheblich sinken (vgl. Dan Ariely: Wer denken will, muss fühlen. Die heimliche Macht der Unvernunft, 2012).

Die Schlüsselvariable erfolgreicher Unternehmensführung ist für Hans-Joachim Maatz Vertrauen - einer der wichtigsten Begriffe auf den Finanzmärkten, der auch die Analysten beschäftigt, wie Nils Heisterhagen kürzlich in der WirtschaftsWoche (29.9.2014) bemerkte.

„Nur eine transparente, verantwortungsvolle, authentische und nachhaltige Unternehmensführung schafft Vertrauen. Agieren muss kohärent sein - ohne Doppelzüngigkeit. Nichts untergräbt die Glaubwürdigkeit des Unternehmens und das Vertrauen seiner Mitarbeiter mehr als großes CSR-Engagement nach außen, gepaart mit schlechten Arbeitsbedingungen und Non-Compliance im Unternehmen. Feigenblätter werden heute sehr schnell erkannt."

So das Fazit von Wolfgang Scheunemann nach dem 10. Deutschen CSR-Forum, das am 7. und 8. Mai 2014 in Ludwigsburg bei Stuttgart stattfand. Im Mittelpunkt stand hier unter anderem das Thema „Finanzmarkt im Wandel - Hebel mit globaler Wirkung", denn auch der Kapitalmarkt erfordert eine Nachhaltigkeitsorientierung.

Das Geschäft mit der Zukunft

Unter dem Titel „Nachhaltigkeit und Banken - ein Widerspruch?" verwies auch der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) im Oktober 2014 in seinem Newsletter auf die Forderung der Vorsitzenden des RNE, Marlehn Thieme, dass Banken, Aktionäre und Kunden klare Belege dafür geben sollen, was ihr Beitrag zu einem nachhaltig funktionierenden Finanzmarkt ist.

Auch politisch bestehe weiter Handlungsbedarf, damit sich eine Finanzkrise wie 2008 nicht wiederhole. In ihren Reden vor dem Bundesverband Deutscher Banken und dem Bankenverband Bremen sagte sie: „Wir halten Wirtschaft und Finanzmarkt für wichtig zur Ausgestaltung nachhaltiger Entwicklung. Sie sollten Kapital aufbauen statt Kredit zu verspielen."

Banken müssten für sich klären, wie systemrelevant ihre Geschäftsmodelle der Zukunft sein sollen. Sie sollten Vorreiter für mehr konkrete und vergleichbare Messdaten zur Nachhaltigkeitsleistung werden. Der „ehrbare Kaufmann" habe im 19. Jahrhundert mit standardisierter Rechnungslegung Transparenz geschaffen und damit Vertrauen erworben.

Heute gehe die Anforderung zur Risikobewertung darüber hinaus. Thieme sieht weiteren Regelungsbedarf angesichts intransparenter Hedgefonds und damit unmöglicher Risikoanalysen. Mit freiwilligen Berichten könnten Banken jedoch schon heute einen eigenen Beitrag zur Transparenz zu leisten - bevor staatliche Regulierung einem „grauen Markt" Grenzen setze.

Diese Themen sind bereits beim 10. Deutschen CSR-Forums entsprechend vertieft und mit Fakten- und Zahlenmaterial belegt worden: So ist die weltweit tätige Organisation Carbon Disclosure Project (CDP) mit einem Kapital von 70 Billionen US-Dollar ausgestattet, die dieses Kapital nur in Unternehmen investieren, die eine schlüssige CO2-Vermeidungsstrategie offen legen.

Eine andere große Kapitalsammelstelle sind die Principles for Responsible Investments (PRI) mit 20 Billionen Dollar. PRI investiert z. B. nicht in Unternehmen der Verteidigungstechnik und der Tabakindustrie. Insgesamt 20 Prozent des weltweiten Börsenkapitals wird von Aktionären bzw. Investoren gehalten, die auf nachhaltige Unternehmensführung Wert legen.

Allerdings ist es Wolfgang Scheunemann ein Anliegen, diesen Einzelaspekt von Nachhaltigkeit nicht allein in den Fokus zu stellen, sondern die miteinander verbundenen ökonomischen, ökologischen, sozialen und kulturellen Zusammenhänge gleichzeitig in den Blick zu nehmen.

„Nachhaltigkeit muss in alle Organisationsbereiche Einzug halten und durch den Einsatz von Methoden des Nachhaltigkeitsmanagements operativ umgesetzt werden. Dazu müssen Nachhaltigkeitswirkungen gemessen, interpretiert und bewertet werden, denn nur wer Verbesserungspotenziale systematisch erschließt und nutzt, kann das Thema leben", sagte Scheunemann, dessen strategischer Ansatz sich mit dem der RNE-Vorsitzenden deckt.

Es lohnt, in diesem Zusammenhang auch einen Blick auf die Vorträge zum Thema im Rahmen des 10. Deutschen CSR-Forums zu werfen: So stellte Thomas Jorberg, Sprecher des Vorstandes der GLS Bank, die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Legitimationssicherung gerade für Banken heraus.

Für den „nachhaltigen Kunden" geht es nicht nur um Zinssatz, Verfügbarkeit und Sicherheit - entscheidend ist, wie sinnvoll das Geld in der Bank verwendet wird. Die GLS-Bank konnte in der Vergangenheit zeigen, dass sich Nachhaltigkeit in das Geschäftsmodell einer Bank integrieren lässt.

Betrachtet man die Finanzkrise der letzten Jahre, war die ökonomische Komponente der Nachhaltigkeitsmatrix nicht mehr gegeben. Auch Bundespräsident Joachim Gauck betonte in einer Rede, dass es in der Geschichte der Menschheit noch nie so viele Schulden gab und es noch nie so viel Vermögen gegeben hat.

Dementsprechend war die Rolle des Vermittlers zwischen Gläubigern und Schuldnern nie wichtiger. Jorberg berichtete, dass das Nettovermögen in den letzten zwölf Jahren um 100 Prozent gestiegen ist, während die Realwirtschaft nur um 50 Prozent gewachsen ist. Das zeigt, dass Schulden und Forderungen weitaus schneller steigen als die Realwirtschaft.

Dazu sei auch auf das Psychogramm von Hans-Joachim Maaz („Die narzisstische Gesellschaft", 2012) verwiesen, der kritisiert, dass Staats-, Wirtschafts- und Finanzpolitik dazu verführen, ja regelrecht dazu nötigen, Schulden zu machen, „damit Besitz geschaffen, Investitionen getätigt und materielles Wachstum gesichert werden."

So wurde ihm selbst nach der Wende geraten, Schulden zu machen, um beispielsweise eine Wohnung zu kaufen und damit Steuern zu sparen: „Aber die gesparten Steuern müsse ich doch als Zinsen an das Kreditinstitut zurückzahlen, lauteten meine kritischen Bedenken; unter dieser Vorgabe würde ich lieber Steuern für das Gemeinwohl als Zinsen für Bankenreichtum zahlen."

Für Thomas Jorberg ist die Frage entscheidend, was Nachhaltigkeit im Finanzsektor bedeutet, was das konkrete Ziel ist und ob Nachhaltigkeitsaspekte in die Entscheidungswege von Banken mitintegriert sind. So müsste in Beratungsgesprächen auch die Auswirkungen der Geldanlagen auf die Umwelt oder die Gesellschaft eingegangen werden.

Um mehr Nachhaltigkeit im Finanzsektor zu schaffen, braucht es für ihn zwei Dinge: Transparenz (welche Auswirkungen hat das Geschäft hinter der Geldanlage?) und Innovation in der Regulation von Finanzgeschäften.

Christian Strenger, Mitglied des Aufsichtsrats von DWS Investment, verwies beim Deutschen CSR-Forum ebenfalls darauf, dass die Finanzkrise zu einem massiven Vertrauensverlust gegenüber der Finanzbranche geführt hat. Durch die dabei stark zurückgegangene Kommunikation zwischen den Finanzmarktakteuren und der Politik kam es zu einer Regulierungswelle, die mehr quantitativer als qualitativer Natur war.

Trotz aller Regulierung sollte es seiner Meinung nach in den Unternehmen selbst zu einem Wandel kommen: So sollten Kundenbedürfnisse auch die Geschäftsstrategie leiten, Kulturwandel darf kein Lippenbekenntnis bleiben, die oberste Hierarchiestufe muss den Wechsel selbst einläuten - und dieser Wandel muss glaubhaft vermittelt werden.

Das Ziel dabei ist, dass „nicht nur ethische Dinge, sondern alle Dinge ethisch getan werden". Er berichtete, dass überzeugendes „CSR-Verhalten" vermehrt von allen Stakeholdern eingefordert wird, dass internationale Nachhaltigkeitsstandards immer mehr Beachtung finden, und dass eine glaubhafte CSR-Berichtserstattung kein „nice to have" mehr ist, sondern ein „must have".

Fünf Hebel können nach Strenger zukünftig zu einer positiven Veränderung der Finanzbranche führen:

• ein neues ethisches und nachhaltiges Führungsdenken

• freiwillige Selbstregulierung

• gezielte Regulierungen, die die richtige Balance mit selbstverpflichtenden Maßnahmen finden

• verbesserte und präzisere Berichtsstandards

• eine bessere und intensivere Überwachung durch unabhängige Aufsichtsgremien.

Kein Spiel ohne Regeln

„Vertrauen ist der Anfang von allem." Mit diesem Slogan warb einst die Deutsche Bank um Kunden. Doch das Vertrauen vieler Bürger in die Banken des Landes ist seit Jahren geschwunden. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung misstrauen inzwischen über 40 Prozent der Kunden sogar ihrem persönlichen Berater (Spiegel online, 22.3.2013).

„Es wäre hochinteressant zu sehen, ob die Kunden der Partnerschaft zur Bank dann mehr vertrauen würden, wenn sie das Spiel ‚sehen und verstehen' würden, und sich darauf verlassen könnten, dass versteckte Fouls, Notbremsen, Tätlichkeiten etc. auch entsprechend geahndet werden", sagt Dr. Dražen Mario Odak, Vorstand und Gesellschafter der Stephan Unternehmens- und Personalberatung.

Der Vergleich mit dem Fußball macht deshalb Sinn, weil sich hier die Bedeutung von Transparenz und Fairness am eindrücklichsten zeigt. Dazu gehören für ihn klare, verlässliche und belastbare Spielregeln, zu denen für ihn auch die tiefere Ebene des persönlichen Gewissens gehört - all das, „was schon als Voraussetzung gegeben sein muss, wenn Gesetze und Spielregeln überhaupt eingehalten werden sollen". Fairplay ist für ihn wie für Wolfgang Scheunemann eine Geisteshaltung, die die Spielregeln der Nachhaltigkeit auch innerlich bejaht.

"Das Leben geht weiter", zitiert Odak den Ex- Bundesligatrainer und Weltauswahlspieler Dragoslav Stepanovic („Steppi") nach einer dramatisch verlorenen Deutschen Meisterschaft: „Dass das Leben weitergeht, haben auch die Finanzdienstleister nach den Finanzkrisen und Skandalen der letzten Jahre gesehen.

Doch im Gegensatz zum Fußballplatz, wo klare Spielregeln (in Form von Sanktionen, gelben und roten Karten, Spielesperren, Lizenzentzügen und Stadionverboten etc.) für Mitwirkende und Zuschauer gelten, jedes neue Spiel ein fairer Neuanfang ist, ist der Start auf dem Finanzplatz in der öffentlichen Meinung immer noch ein Ort, der nicht mit Fairness, klaren Regeln und transparenter Sanktion in Verbindung gebracht wird.

Das Spiel auf dem Finanzplatz mutet häufig an wie ein Fußballspiel bei Nacht, ohne Flutlicht, ohne Durchblick für die Beteiligten und Zuschauer. Das Ergebnis wird entsprechend skeptisch und als wenig fair wahrgenommen. Denn zu häufig poppen Skandale hoch, die das Ergebnis von ‚Spielen' im Finanzbereich als unfairen und durch Eigeninteressen geleiteten Blindflug erscheinen lassen.

Deshalb ist der Kitt zwischen Finanzdienstleistern und Kunden brüchig. Ohne Vertrauen und Transparenz, die Nachvollziehbarkeit von Regeln (empfundenes Fairplay), gibt es keine solide Geschäftsbeziehung."

Machbare Anfänge

Wenn beim Deutschen CSR-Forum 2014 von der „Machbarkeit" von CSR gesprochen wurde, so steht das auch im Zusammenhang mit dem Vertrauensthema: Ein machbarer Anfang, ein Ausgangspunkt, ist nur möglich, wenn Vertrauen in einen sinnstiftenden Zusammenhang gegeben ist. Machbarkeit ist das, was übrigbleibt, wenn alle hemmenden Faktoren entfernt wurden, sodass „echte" Substanz erkennbar ist.

Wolfgang Scheunemann wählte als Initiator einen Begriff, der in allen Lebensbereichen greift. So bestätigt auch die deutsche Philosophin Dr. Ina Schmidt in ihrem aktuellen Buch „Auf die Freundschaft. Eine philosophische Begegnung oder Was Menschen zu Freunden macht" (2014), dass es einen „unbeirrbaren Wunsch nach Machbarkeit" gibt, der uns allerdings auch unsere Grenzen (den Rahmen unserer Möglichkeiten) aufzeigt:

„Dieses Maß, das bei den Stoikern eine so wichtige Rolle spielte, ist etwas in Misskredit geraten, weil es für uns nach Mittelmaß klingt und wir uns viel lieber im Rahmen des Übermäßigen aufhalten."

Auch der Machbarkeit von Nachhaltigkeit sind Grenzen gesetzt. Das bestätigte während des 10. Deutschen CSR-Forums auch Birgit Klesper, Group Transformational Change & Coroporate Responsibility bei der Deutschen Telekom: Sie verwies auf die über 40.000 Lieferanten und die Herausforderung, dass in der aktuellen Marktwirtschaft Preis und Qualität immer an erster Stelle stehen. Auch die Etablierung von eigenen Standards in anderen Ländern oder kulturelle Unterschiede setzen einer nachhaltigen Entwicklung gewisse Grenzen.

Alain Caparros, Vorstandsvorsitzender der REWE Group, stellte in seinem Vortrag heraus, dass die Machbarkeit von Nachhaltigkeit für ihn ein dringendes und letztlich entscheidendes Thema sei: REWE werde jeden Tag mit einer großen Anzahl von teils widersprüchlichen Ansprüchen konfrontiert, die nicht nur den niedrigsten Preis fordern, sondern z. B. auch soziale Fairness, Engagement für den Umweltschutz, Bioprodukte, Topservice, Sicherheit und höchste Qualität.

Für Caparros ist das die Quadratur des Kreises und tendenziell unmöglich. Zusätzlich steht das Unternehmen einem sich ständig ändernden Konsumtrend und schlechten Wachstumsprognosen für den Einzelhandel gegenüber.

Auch beim Verbraucher lässt sich noch eine Diskrepanz feststellen: Der klare Trend zu mehr (sozialer und ökologischer) Nachhaltigkeit in Untersuchungen spiegelt sich in den täglichen Einkaufsentscheidungen nicht unbedingt wider. Als Händler ist man deshalb umso mehr dazu aufgefordert, Produkte so zu entwickeln, dass diese den Ansprüchen nach sozialer und ökologischer Gerechtigkeit, aber auch nach günstigen Preisen gerecht werden.

Positiv sieht Caparros, dass Industrie, Händler und Kunden in der Geschichte des Handels erstmals ein gemeinsames Interesse verfolgen: Nachhaltigkeit. Jedoch sind Nachhaltigkeitsprodukte noch ein Nischen-Thema - Bio- oder Fair-Trade-Produkte spielen beim Umsatz immer noch eine marginale Rolle. Dementsprechend hat sich REWE das strategische Ziel gesetzt, Nachhaltigkeit in den Mainstream des täglichen Konsums zu bringen.

Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschlands, berichtete, dass für die meisten Handelsunternehmen in Deutschland gesellschaftliche Verantwortung kein Selbstzweck sei. Unternehmen können seiner Meinung nach nur dafür Verantwortung übernehmen, wofür sie tatsächlich verantwortlich sind.

Auch können die hochkomplexen Probleme einer immer globaleren Wirtschaftskette einzelne Branchen nicht ohne die Unterstützung weiterer Stakeholder (z. B. Politik, NGOs, Gewerkschaften, etc.) lösen. Der Wettbewerb innerhalb der einzelnen Stakeholdergruppierungen steht einer schnellen gemeinsamen Lösung allerdings häufig im Wege:

„Unternehmen wollen im Wettbewerb vorne liegen, Politiker wollen wiedergewählt werden, NGOs brauchen Sponsoren. Um eine gesellschaftliche Verantwortung aber wirklich realisieren zu können, müssen alle Beteiligten zukünftig einen differenzierteren und gemeinsamen Weg gehen, wobei der Eigenfokus in den Hintergrund treten muss."

Stefan Genth spricht hier ein weiteres wichtiges Thema an, das in instabilen Zeiten eine besonders „tragende" Rolle spielt: die Rückkehr zur Einfachheit bzw. Reduzierung der Komplexität. Um dies zu schaffen, braucht es die Fähigkeit zu vertrauen. Darauf verwies bereits der Soziologe Niklas Luhmann.

An dieser Stelle schließt sich der Kreis zum Ansatz von Wolfgang Scheunemann, dessen Deutsches CSR-Forum eine Folge dessen ist, wofür er sich kontinuierlich einsetzt: zu vermitteln, dass es darauf ankommt, die Dinge von Anfang an richtig zu machen.

Dazu gehört eine „Strategie". Während der Begriff früher als Dirigat von oben nach unten verstanden wurde, hat er sich heute gewandelt: Er bedeutet „machen" und ist mit der Fähigkeit verbunden, mit Veränderungen umgehen zu können.

Doch genügt es nicht, lediglich eine Idee für Veränderung zu haben oder Nachhaltigkeit nur zu wollen. Das Schwierigste daran ist die Umsetzung, die ein gemeinsames Handeln erfordert. Sie sollte nach dem Prinzip der Einfachheit erfolgen, so dass jeder auf seine Weise und auf seinem Platz mit dem Thema umgehen kann und sich dabei bewusst wird, dass Nachhaltigkeitsmanagement ein Prozess ist, zu deren wichtigster Währung Vertrauen und Transparenz gehört.

Weitere Informationen:

Karl Peter Sprinkart: Franz-Theo Gottwald: FairFinance. Das Kapital der Zukunft. München 2013.

CSR und Finance, CSR und Investment Banking, Responsible Investment Banking, CSR und Reporting bei Springer und Springer Gabler:

Literatur bei Springer

Nachhaltigkeit und Ethik

Responsible Investmentbanking

Humane Marktwirtschaft: Vom „Ehrbaren Kaufmann" zum verantwortungsvollen Manager im 21. Jahrhundert

Nachhaltigkeit und Ethik

Gesichter der Nachhaltigkeit