BLOG
03/12/2015 09:34 CET | Aktualisiert 03/12/2016 06:12 CET

Was die EU-Berichtspflicht zu nicht finanziellen Themen für den Mittelstand bedeutet

Thomas Barwick via Getty Images

Die EU-Berichtspflicht zu nicht finanziellen Themen wird kommen, so die Botschaft von Yvonne Zwick, Projektreferentin beim Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK).

Ab dem Geschäftsjahr 2017 müssen gemäß einer EU-Richtlinie Unternehmen des „öffentlichen Interesses" in Deutschland und der Europäischen Union einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen und veröffentlichen.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Doch wer wird von dieser Pflicht betroffen sein? Warum stehen vor allem Mittelständler vor einer besonderen Herausforderung? N-Kompass Magazin hat mit Yvonne Zwick gesprochen und die Fragen gestellt, die den Mittelstand zu diesem Thema aktuell bewegen.

Der folgende Auszug widmet sich der Frage, warum sich Unternehmen frühzeitig der CSR-Berichterstattung widmen sollten und sich dabei vor allem Ehrlichkeit und Transparenz auszahlen. Der Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Das Gespräch führte Marie-Lucie Linde, verantwortliche Redakteurin des N-Kompass Magazins.

________

„Damit die Berichtspflicht nicht überrascht"

N-Kompass Magazin: Frau Zwick, ab dem Geschäftsjahr 2017 müssen gemäß einer EU-Richtlinie einige Unternehmen in Deutschland und der EU einen nicht finanziellen Bericht erstellen. Mit dieser Berichtspflicht wird den Unternehmen zusätzliche Bürokratie auferlegt. Wird diese den Widerstand in Sachen Nachhaltigkeit in Unternehmen erhöhen?

Zwick: Wir müssen abwarten, was in dem Referentenentwurf stehen wird. Die EU-Kommission hat den Nationalstaaten bei der Adaptation in nationales Recht viel Gestaltungsspielraum gelassen, vor allem weil die Ausgangslage unter den Mitgliedsstaaten zum Thema nicht finanzielle Berichterstattung und bestehende Anforderungen unterschiedlich sind.

Zum Beispiel Frankreich hat eine relativ lange Entwicklungshistorie und weiß genau, wie berichtet und ob die Berichte verifiziert werden sollen. Hingegen ist in Deutschland, wo es eine solche Berichtspflicht bisher nicht gibt, die Lobby groß, die Anforderungen nicht zu hoch zu stecken. Daher wird der Gesetzgeber hier nach meiner Einschätzung mit viel Behutsamkeit vorgehen.

N-Kompass Magazin: Ist der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) als Reaktion auf die EU-Berichtspflicht entstanden?

Zwick: Der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) hat 2010 die Entwicklung eines Nachhaltigkeitskodex angestoßen, da man überzeugt war, dass es im Unternehmensinteresse liegt, gewisse Themen in einer bestimmten Qualität offenzulegen.

Unternehmen, die dies tun, generieren einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Unternehmen, die nicht nachhaltig handeln. Sie nehmen zukünftige Entwicklungen vorweg und erhalten sich so Gestaltungsspielräume.

Zudem haben viele mittelständische Unternehmen beklagt, dass sie bei europaweiten Ausschreibungen etwa nicht zum Zuge kommen, weil sie höherer Regulierungsdichte zu vergleichsweise höheren Preisen anbieten müssen. Vorreiter-Unternehmen haben ein großes Interesse, einen fairen Wettbewerb unter Vorzeichen der Nachhaltigkeit zu schaffen.

Mit der Berichtspflicht soll nun ein europaweiter Rahmen geschaffen werden. Fragen, die Unternehmen in diesem Zusammenhang umtreiben, sind: Bin ich betroffen? Wie soll ich berichten? Was kostet es mich? Kommt eine Prüfpflicht?

Die letzten beiden Fragen hängen von der Gesetzgebung ab. Um Unternehmen eine klare Orientierung zu geben, hat der RNE der Bundesregierung empfohlen, den DNK als Mindeststandard in die nationale Gesetzgebung zu integrieren.

N-Kompass Magazin: Wer wird von der Berichtspflicht betroffen sein?

Zwick: Betroffen sind Unternehmen mit einer gewissen Wirtschaftskraft, die mehr als 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben. Das Bundesjustizministerium spricht von circa 450 Unternehmen in Deutschland, die unmittelbar betroffen sein werden.

Wenn man berücksichtigt, dass bereits 133 Unternehmen in Deutschland zum Beispiel nach GRI berichten, dann relativiert sich die Summe. Es betrifft vor allem Großkonzerne und Dax-Unternehmen, die börsennotiert sind.

Die, die über die Lieferkette erfasst werden, haben die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und Berichtsprozesse anzustoßen. Die indirekte Betroffenheit ist in der Tat der häufigste Grund, weswegen sich Unternehmen bei uns melden. Sie fragen, wie sie einen solchen Prozess aufsetzen und ob sie ihn selber stemmen können.

Wir verweisen dann neben dem pragmatischen DNK auch gern auf Online-Tools, die den Unternehmen eine gewisse Hilfe bieten, um den Einstieg zu finden. Gerade Mittelständler leben die Nachhaltigkeitsperspektive oftmals ganz selbstverständlich und gehen mit Themen wie Innovationen, Energie- und Rohstoffeffizienz anders um, da für sie hier ein wichtiger Hebel liegt, um an der Preisschraube drehen zu können.

Daher ist jetzt die Zeit für Unternehmen, frühzeitig entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, damit die Berichtspflicht sie 2017 nicht überrascht und unter Zugzwang setzt.

N-Kompass Magazin: Inwiefern stellt die kommende Berichtspflicht Ihrer Meinung nach für den Mittelstand eine besondere Herausforderung dar?

Zwick: Eine Herausforderung wird sein, zu erkennen, ob sie betroffen sind. Das Argument „der Wettbewerber wird es machen" erzeugt am Markt einen gewissen Druck.

Dies ist genau der gewünschte Effekt der Berichtspflicht: Die Frage „was machst du in Sachen Nachhaltigkeit?" soll Einzug in den Marktmechanismus finden. Viele Unternehmen warten genau darauf, dass Nachhaltigkeitsberichte endlich interessieren.

Quelle: N-Kompass Magazin 4/2015, S. 28 bis 31.

Zur Person:

2015-11-30-1448888458-1099175-CFotoBrigitteBaumgart.png

Yvonne Zwick hat an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg katholische Theologie mit dem Schwerpunkt christliche Gesellschaftslehre und Moraltheologie studiert. Die Dipl.-Theologin ist Referentin der Geschäftsstelle des Rates für Nachhaltige Entwicklung und u.a. für die Themen nachhaltiger Konsum und Lebensstile, unternehmerische Verantwortung und den Deutschen Nachhaltigkeitskodex verantwortlich.

Weitere Informationen:

Was Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit beachten sollten

Führen - Leisten - Geben: Was ist richtiges Nachhaltigkeitsmanagement?

In unserer Macht. Warum sich Verantwortung auszahlt

Bilanzen im Gleichgewicht. Was wir wirklich brauchen

Geld und Geist

Auch auf HuffPost:

Video: Blick hinter die Fassaden: Das sind die Aufgaben der EZB

Sekundengenaue Schuldenuhr: So erschreckend ist Europas Verschuldung im Echtzeit-Überblick

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert:

Hier geht es zurück zur Startseite