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09/04/2015 08:09 CEST | Aktualisiert 09/06/2015 07:12 CEST

BILD Dir Deinen Sinn! Warum wir ohne vernetztes Denken kein ganzes Leben haben

thinkstock

Alles ist heute digital miteinander vernetzt. Aber wir selbst tun uns oft so schwer, in Zusammenhängen zu denken, was nach Ansicht von Prof. Fredmund Malik, CEO und Chairman des Malik Management Zentrum St. Gallen, auch an der Art liegt, wie Schulen und Universitäten die Welt präsentieren.

Das ist auch Thema in der WirtschaftsWoche (4.4.2015). Der Beitrag „Auf Karriere ausgerichtet" kritisiert, dass die Wirtschaftswissenschaften zu einseitig auf abstrakte Modelle setzen und zuweilen den Bezug zur Realität verloren haben. Es dominiert eine Mainstream-Ökonomie, die durch die Konzepte „Effizienz, Wettbewerb und rationales Verhalten sowie mathematische Modellierung zusammengehalten wird", sagt die Ökonomin Lisa Großmann. Sie fordert in Forschung und Lehre mehr methodische Vielfalt - vor allem aber ein Heranrücken an die Wirklichkeit und einen Diskurs über Handlungsalternativen.

Bereits 2013 kritisierte Benedikt Herles aus Sicht der Generation Y, dass die betriebswirtschaftliche Ausbildung einer Gehirnwäsche gleicht. Psychologie, Soziologie und Philosophie hatten in seinem Lehrplan keinen Platz. Die Methodik bestimmte den Inhalt seiner akademischen Ausbildung.

2009, schreibt er, gab es in Deutschland weniger als zehn BWL-Professoren, die sich mit Corporate Social Responsibility beschäftigten. Dies sei in der Ausbildung des Managementnachwuchses bis heute vielerorts zu spüren. Im Buch finden sich allerdings auch Beispiele für eine positive Entwicklung (z.B. Leuphana und die Zeppelin University).

Die Ganzheit der Dinge

Einzelmaßnahmen sind immer nur Tropfen - um etwas zu verändern, braucht es einen kräftigen Regen, damit auch der Geist immer wieder zum Blühen gebracht wird. Dabei kann es hilfreich sein, sich an Menschen zu erinnern, für die das vernetzte Denken und Handeln in ihrem Leben eine Selbstverständlichkeit war.

Dazu gehört auch der kybernetische Denker und Umweltexperte Prof. Frederic Vesper. Er verwies auf die Gefahren des unvernetzten Denkens, „den Grad der allgemeinen Unfähigkeit, die Natur komplexer Systeme zu verstehen und das Versagen des Bildungssystems, Einsichten in das Grundverhältnis von Mensch, Natur und Technik als Einheit zu entwickeln". Sein letzter Artikel „Biokybernetik und der Weg zur Nachhaltigkeit" (2003) erschien in der Malik-Reihe „forum".

In seinem Vorwort verwies Fredmund Malik auf die heterogene Menge getrennter Komponenten, „die wir zwar alle einzeln kennen, bis zum Exzess studieren", doch kennen wir nicht die Beziehungen und können das Wechselspiel zwischen nicht erfassen". Für Malik war er ein Meister der Verständlichkeit und Klarheit, weil es ihm gelang, Fachdisziplinen und Ressortkompetenzen mühelos zu überschreiten und auf unmittelbar griffige Weise abstrakte Erkenntnisse der Biokybernetik lebendig zu veranschaulichen, erfahrbar und methodisch anwendbar zu machen.

Im Nachhaltigkeitsbereich braucht es viele von diesen Menschen, die eher als Übersetzer ihrer Disziplinen statt als Experten auftreten und dafür sorgen, dass die Luft aus den Wortballons entweichen kann, um ihre Substanz zu sehen.

Lernen. Macht. Sinn.

Eine „sinnvolle Neubesinnung in unserer Lebensweise und Wirtschaftsweise und die damit verbundenen neuartigen Anforderungen an Planung, Strategie und Design unserer Umwelt" braucht Praxisbezüge. Daraus ergibt sich für Vester die Folgerung, dass die Art der Wissensvermittlung für die Bewältigung unserer Zukunft eine wichtige Bedeutung hat.

Viele Vertreter der Generation Y kritisieren heute, dass ihnen Auswendiglernen und Wissen anwenden endlos gepredigt worden ist, Stoff, für den sie keinen Nutzen im Leben sehen, weil die Vermittlung des Sinns dahinter fehlt. Und sie fragen sich (wie Philipp Riederle 2013 in seinem Buch „Wer wir sind und was wir wollen"), was es ihnen dieses Schulwissen, aneinandergereihte Fakten ohne inneren Zusammenhang, eigentlich gebracht hat außer einer Abiturnote.

Lernen hat für Riederle mit Neugier, Interesse oder der Beschäftigung mit einer Sache zu tun, die ihn einnimmt. Nur wenn er den richtigen Fokus setzen kann, ergibt sich für ihn eine stimmige Linie für sein Leben. Deshalb fragt er, was relevant für ihn ist, was einen inneren Wert hat. Das führt dazu, dass er „sehr effizient" (selbst) denkt und handelt, sich Themen - wenn auch zuweilen unstrukturiert - aneignet und sich hineinarbeitet.

Mit diesen Themen und der Frage, was unternehmerische Verantwortung für eine nachhaltige Zukunft auch für das Bildungssystem bedeutet, beschäftigte sich das "Deutsche CSR-Forum - Internationales Forum für Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit" ebenfalls im Jahr 2013. Zu Gast war u.a. der Publizist und Autor Richard David Precht, der eine Revolution des Bildungssystems forderte.

Die Hauptthemen des Deutschen CSR-Forums, das am 20. und 21. April 2015 in Ludwigsburg bei Stuttgart stattfindet, sind: "Wie entscheidend für den Geschäftserfolg CSR und Nachhaltige Unternehmensführung heute schon sind" und "CSR in der weltweiten Textil-Lieferkette".

Kernfragen sind: Wie fair kann Handel sein? Wie kann man für faire und gerechte Arbeitsbedingungen an den Produktionsstandorten in der Dritten Welt eintreten? Und wie arbeiten die Unternehmen daran, dass sie nicht nur über CSR und Nachhaltigkeit reden, sondern sie auch intern auf der Prozessebene umsetzen?

Die Veranstaltung spricht aber auch examensnahe SchülerInnen an: Wie sehen sie die Nachhaltigkeitsaktivitäten von Unternehmen? Auf früheren Foren stellten die Veranstalter Videos der Unternehmen vor, in sie diese präsentierten. Auf dem diesjährigen CSR-Forum sind wieder mehrere Schulklassen dabei.

Es sind Schüler, die an dem Fach "Wirtschaft" teilnehmen, und das auch Nachhaltigkeitsthemen lebendig vermittelt. Es wird insbesondere in Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg vereinzelt an Gymnasien angeboten. Diesmal werden sie sich an den über 45 Ständen von Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen informieren und Fragen stellen.

Unterstützt wird diese Aktion von der Fairtrade Agendagruppe Ludwigsburg, ein Zusammenschluss von bürgerschaftlich Aktiven, die sich im November 2009 bildete und Carolin Weiß, einer zertifizierten Ernährungsberaterin.

"Schüler erkennen heute sehr leicht, was authentisch und ernst gemeint ist, und was nur Fassade oder Greenwashing ist. Wir sind gespannt darauf, zu welchen Ergebnissen die Schüler kommen und werden diese gerne an die Unternehmen weiterleiten. Schließlich kann man immer lernen", sagen Susanne Schreiner und Wolfgang Bohusch, Ansprechpartner im Agendabüro der Stadt Ludwigsburg.

Wolfgang Scheunemann, Initiator und Veranstalter des Deutschen CSR-Forums, freut sich ebenfalls: "Meine eigene Tochter hat durch das Fach Wirtschaft in der Schule den Zugang zu ihrem Beruf gefunden. Es ist gut, diese ganz eigene Welt mit ihren Sonnen- und Schattenseiten frühzeitig kennen zu lernen."

Ziel ist es, ihnen einen tieferen Einblick in die Aspekte nachhaltiger Entwicklung und CSR zu geben, und sie dadurch zum Nachdenken und zum Hinterfragen ihrer täglichen Handlungen anzuregen. Der Besuch kostet drei Euro pro Schüler inklusive Workshopunterlagen und Teilnahmebescheinigung. Eine Begleitperson hat freien Eintritt. Angeboten werden didaktisch aufbereitete Workshops (ca. 1, 5 h, 21.04.2015: 9:00 Uhr oder 10:00 Uhr, 14:00 Uhr) mit interaktiven Sequenzen zu diesen Themen mit anschließendem Gang über die „Expo".

Erstmals öffnet sich das Deutsche CSR-Forum für alle Bürger: Der Besuch der "Expo" im Bürgersaal des "Forums am Schlosspark" mit über 50 Ständen von Unternehmen und Organisationen der Zivilgesellschaft sowie mit folgenden Diskussionen ist kostenlos möglich.

An den kostenpflichtigen Veranstaltungsteilen, hier die Diskussionen im Theatersaal, können sich alle Bürger online engagieren. Sie können schon jetzt Fragen, Informationen und Kommentare einsenden, die der Moderator den Diskutanten stellen kann. Die Online-Plattform ist bereits freigeschaltet.

Die Sinnmacher

Auch wenn dies viele kleine Einzelmaßnahmen sind - sie tragen dazu bei, dass sich unser Gehirn für das Erkennen komplexer Vorgänge öffnet, und dass auch junge Menschen die Möglichkeit haben, durch Ausprobieren, Gestalten und Erleben Lernen als Lust empfinden. Eine Grundvoraussetzung für das spätere „Können".

An dieser Stelle verbinden sich das Kleine und das Große, das Einzelne und das Ganze, Riederle, Herles, Großmann, Scheunemann, Vester und Malik, der das, was alle eint, auf wunderbare Weise zusammenfasst. Seine Sätze enthalten aber noch viel mehr - nämlich das, was die Beschäftigung mit Nachhaltigkeit und CSR ausmachen sollte:

„Als Manager können wir nur eines tun, nämlich den Menschen Möglichkeiten zu schaffen, ihren Sinn zu finden. Das aber müssen wir auch tun, damit so viele Menschen wie möglich Sinn in unseren Organisationen und ihrer Arbeit finden können. Suchen und finden muss ihn jede und jeder selbst, aber die Voraussetzungen dazu sind vom Management, von jedem einzelnen Chef auf jeder Stufe in jeder Organisation für jede Person zu schaffen. Das ist der einzige Weg zu etwas, was dann die Bezeichnung ‚Motivation' verdient."

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