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03/01/2017 11:31 CET | Aktualisiert 04/01/2018 06:12 CET

Engagierte Bürgergemeinschaft: Wo Demokratie heute (ein)geübt werden kann

Bloomberg via Getty Images

Interview mit Dr. Martin Thomé, Präsident der Cusanus Hochschule Bernkastel-Kues

_ Herr Dr. Thomé, die Cusanus-Hochschule wurde vor etwas über einem Jahr in Bernkastel-Kues gegründet und bezieht sich ausdrücklich auf die Philosophie des frühen neuzeitlichen Denkers Nicolaus Cusanus und seinem Ausspruch: „Der freie Geist bewegt sich selbst". Welches Menschen- und Weltbild verbirgt sich dahinter?

Nikolaus von Kues versteht die freie Individualität des Menschen als Quelle von Wissenschaft und Kultur, von Gesellschaft und Gemeinschaft sowie des lebendigen Zusammenspiels von Theorie und Praxis. Für Cusanus ist der Mensch dazu bestimmt, sich selbst lebendig zu gestalten: Er hat nicht ein vorgegebenes „Programm" abzuspulen, sondern soll - um im Bild des Globus-Spiels des Cusanus zu sprechen - seine Lebenskugel immer neu in Freiheit in die Welt rollen, um nach und nach seine eigene Lebensgestalt herauszuformen.

Diese Freiheit zur Selbstgestaltung ist verwiesen auf die soziale Gemeinschaft, in der der Mensch verantwortlich mit den anderen nicht nur sich selbst, sondern auch das gemeinsame Umfeld prägen und gestalten muss. Und dazu gehören nicht nur Kenntnisse und Fertigkeiten, sondern vor allem auch die Fähigkeit, die Wert- und Sinndimension von Welt und Gesellschaft zu sehen und bewusst in das Handeln einzubeziehen.

_ Sie wollen sich konkret auf gesellschaftsrelevante Fragen unserer Zeit beziehen - welches Rüstzeug versuchen Sie dabei zu vermitteln und was genau verstehen Sie unter „guter Bildung"?

Sie haben das Schlüsselwort schon genannt: Fragen. Wir sind heute - gesellschaftlich, in der Wissenschaft und Forschung, in der Politik, in der Wirtschaft - vor allem auf Antworten ausgerichtet. Antworten auf drängende Probleme der Gegenwart und Zukunft sind notwendig und müssen gegeben werden - aber hinter jeder guten Antwort muss eine gute Frage stehen. Und eine gute Frage ist eine, die nicht schon im Vorhinein die Antwort mitbringt, sondern vielmehr einen Raum öffnet zum Denken und Diskutieren und Weiterfragen. Die Cusanus Hochschule will dieses Prinzip des Fragenden Denkens nicht nur als Methode, sondern als Haltung vermitteln - und gute Bildung wäre in unserem Sinne eine Bildung, die die Fähigkeit zum Entdecken guter Fragen vermittelt.

_ Worin unterscheidet sich die Cusanus-Hochschule von anderen Bildungsinstitutionen bzw. welche konkreten Probleme sehen Sie derzeit in der Bildungslandschaft?

Unter dem Diktat der Antworten ist Bildung inzwischen weitgehend zur bloßen Ausbildung mutiert: Zum Erwerb von Fertigkeiten, die junge Menschen befähigen sollen, möglichst punktgenau bestimmte Aufgaben erledigen und bestimmte Funktionen erfüllen zu können. Damit aber wird Bildung weitgehend unter dem Nutzenaspekt betrachtet, und die Ausrichtung am wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Nutzen bestimmt nicht nur ihre Inhalte, sondern auch ihre Formen: Der Streit um G8 oder G9 in der Schule wird ja nicht geführt mit Argumenten zur Wissbegier oder der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern, sondern mit Abwägungen zur möglichst ökonomischen Nutzung einer Lern-Lebens-Phase. Die Cusanus Hochschule setzt hier andere Akzente im Bildungsverständnis, sie untersucht gerade diese Nutzenfunktion von Bildung kritisch auf ihre Voraussetzungen und Konsequenzen hin. Und sie schafft einen Raum für freie Bildung in sozialer Gemeinschaft.

_ Welche Bedeutung hat in diesem Kontext das Ziel der „Sozialen Verantwortung"?

„Soziale Verantwortung" bedeutet nicht nur, gerechte Einkommensverhältnisse herzustellen oder sogenannte soziale Ungleichgewichte zu beheben. Soziale Verantwortung bedeutet, von der oben angesprochenen Idee des Cusanus her gedacht: Der Mensch als Einzelner ist zugleich ein Wesen in Gemeinschaft, und er muss befähigt werden, als gebildete Persönlichkeit in der Gesellschaft und für die Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Das greift viel weiter als Umverteilungsdebatten oder Rentendiskussionen: Das hat unmittelbar damit zu tun, wie wir gesellschaftliche Entwicklungen wahrnehmen, einordnen, bewerten und prägen wollen. Soziale Verantwortung heißt, dass ich mir in meinem individuellen Denken, Bewerten und Handeln bewusst bin, dass ich zugleich in einem komplexen Gefüge stehe und dieses - eben soziale - Gefüge dadurch mit gestalte.

Das kann man auch kurz und knapp mit dem Begriff „Demokratie" übersetzen. Denn Demokratie ist im besten Falle eine Praxis der sozialen Verantwortung, in der alle Akteure sich der Verpflichtung auf einen gerechten Ausgleich der Interessen bewusst sind. Das ist nun nicht ganz einfach, und deshalb braucht es Orte, an denen Demokratie geübt und eingeübt werden kann. Und ein solcher Ort ist die Cusanus Hochschule. Hier wird nicht nur über die philosophischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen einer gerechten Gesellschaft debattiert, hier wird versucht, dieser sozialen Verantwortung aller Individuen eine institutionelle demokratische Gestalt zu geben.

_ Welche gesellschaftliche Relevanz hat darin für Sie die Verbindung von Philosophie und Ökonomie?

Ich habe es schon angedeutet: Wir betrachten Gesellschaft und ihre Gestaltung nicht aus verschiedenen isolierten Perspektiven, sondern bemühen uns um einen integralen Blick auf die Phänomene. Menschliche Existenz heißt, sich zu entscheiden, also aus Erkenntnis zu handeln. Das ist eine Grundbedingung dafür, dass die alltäglichen Lebenszusammenhänge sinnvoll und tragfähig ausgestaltet werden können - zumal wenn diese Zusammenhänge mehr und mehr durch ein ökonomisches Paradigma geprägt werden. Erkennen und Entscheidenkönnen aber muss gelernt werden, es erfordert die geistige Auseinandersetzung mit den Denkvoraussetzungen, die unsere Lebenswelt geschichtlich geprägt haben und gegenwärtig ausmachen.

Damit aber sind wir mitten in der Philosophie, die mich darauf vorbereiten kann, die konkreten Aufgaben der Welt zu sehen, zu verstehen und in ihren Zusammenhängen zu deuten. Insofern gehören für uns an der Cusanus Hochschule Philosophie und Ökonomie tatsächlich zusammen: in einen Deutungszusammenhang, der geschichtliche Entwicklungen, normative Ideen, gesellschaftliche Veränderungen und ökonomische Ansprüche miteinander verbindet und als Gesamtgefüge verstehbar macht.

_ Inwiefern ist die Cusanus-Hochschule Teil einer engagierten Bürgergesellschaft?

Die Cusanus Hochschule ist zunächst einmal ganz praktisch eine Institution, die nur existiert, weil die Bürger sie wollen. Denn sie finanziert sich überwiegend aus Spenden, zu denen noch moderate Studienbeiträge kommen. Eine solche Finanzierungsform, die weder staatliche Zuschüsse erhält noch einen Großsponsor im Hintergrund hat, ist für eine Hochschule sehr ungewöhnlich. Das heißt: Die Hochschule und das Verständnis von Bildung, für das sie steht, muss von den Bürgern gewollt sein, es muss Menschen geben, die sie für wichtig und wertvoll ansehen und sie deswegen finanzieren. Auf diese Weise haben alle, die sie unterstützen, wiederum Anteil an der Hochschule, und die Hochschule ist Teil einer großen Bürger-Gemeinschaft.

Dann ist die Hochschule aber auch durch das, was ich eben beschrieben habe, ein integraler Teil engagierter Bürgergesellschaft. Denn das Herzstück, das eine solche Gesellschaft trägt, ist die Idee der demokratischen Gesellung reflektierter und sich in Freiheit für das Gemeinwohl einsetzender Menschen. Und die Cusanus Hochschule versteht sich ja - wie schon dargestellt - als Ort der Reflexion und der konkreten Einübung dieser Fähigkeit zur „Politie": zur verantwortlichen Teilhabe an der Gesellschaft der engagierten Bürger.

_ Was verstehen Sie unter einem modernen „Bürger"?

Kurz und das eben Gesagte aufgreifend: Ein Mensch, der sich in Freiheit selbst bildet, um in der und für die Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen - und der anderen (und sich selbst) die Erfahrungs- und Bildungsräume ermöglicht, in denen die Fähigkeit zur verantwortlichen Gestaltung der Gesellschaft erlebt und entwickelt werden kann.

Das Interview führte die Philosophin Dr. Ina Schmidt, die es freundlicherweise für diesen Blog zur Verfügung stellte. Hier können die Beiträge über sie und von ihr in der Huffington Post nachgelesen werden.

Zur Person:

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Dr. Martin Thomé

Dr. Martin Thomé, Dipl.theol. MA phil. ist seit 1. September 2016 Präsident der Cusanus Hochschule Bernkastel-Kues und seit 1996 Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen. Er ist Vorstandsmitglied des Katholisch-Sozialen Instituts der Erzdiözese Köln (KSI), Bad Honnef und Mitglied der Akademie Forum Führung (Düsseldorf) und Dozent des Rheinischen FührungsCollegs. Nach dem Studium der Katholischen Theologie (Diplom) und der Philosophie (Magister) in Saarbrücken, Wien, Freiburg und Jerusalem war er von 1992 bis 2005 Referent für Theologie und Philosophie an der Thomas-Morus-Akademie Bensberg, Katholische Akademie im Erzbistum Köln, 2005 bis 2009 Referent in der Geschäftsstelle der Leibniz-Gemeinschaft in Bonn, 2006 bis 2007 Organisator des „Jahres der Geisteswissenschaften" für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Bonn und 2008 bis 2009 Organisator des Wissenschaftsjahres „Forschungsexpedition Deutschland" für das BMBF, wo er seit 2009 Referent war, zunächst verantwortlich für Grundsatzfragen des Bildungssystems (Programm „Lernen vor Ort") und von 2013 bis 2016 für die Nationale Roadmap Forschungsinfrastrukturen und die Lindauer Nobelpreisträgertagungen. Dr. Martin Thomé ist verheiratet und hat vier Kinder.

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