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13/01/2016 12:15 CET | Aktualisiert 13/01/2017 06:12 CET

Die Dinge des Lebens: Wo wir heute Halt und Heimat finden

Sam Edwards via Getty Images

Je unsicherer wir die Welt und gesellschaftliche Umbrüche erleben, desto stärker suchen wir den Rückhalt in der gleichgesinnten Gemeinschaft. Diese Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch den Werte-Index 2016. Wir sehnen uns zunehmend in die Welt der Privatheit und des Bekannten zurück und orientieren uns an dem, was wir kennen.

„Ach, und ich nannte uns alle immer Heimatvertriebene. Die Heimat setzt sich aus lauter verlorenen, entzogenen, verschwundenen Dingen zusammen", sagt der Publizist Roger Willemsen.

Nostalgische Objekte symbolisieren einen „Mythos von Heimat, Ursprung und Authentizität" (Tilmann Habermas). Darauf verweist auch der Journalist Daniel Rettig in seinem erwärmenden Buch „Die guten alten Zeiten".

Dieses Buch gibt uns etwas zurück, das wir im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung zunehmend verloren haben: das Herz der Erinnerung, ohne das auch die Zukunft nicht schlagen kann.

Schon Odysseus schöpfte aus seinen Erinnerungen die Kraft, Widerstände zu überwinden und nach Hause zu finden. Er war „resilient", wie man heute sagen würde.

Nostalgie ist für Daniel Rettig das Gegenteil von Kleinbürgerlichkeit, Schwäche oder Angst: ein Gefühl, „das buchstäblich riecht, schmeckt und klingt".

Anhand zahlreicher historischer Rückblenden weist er nach, dass Nostalgie immer auf dem Boden des Wandels gedeiht - und zwar immer dann, wenn gesellschaftliche, politische, ökonomische oder kulturelle Entwicklungen dafür sorgen, dass Menschen ihre Heimat verlassen oder spüren, dass sie sich gerade grundlegend verändert:

„Egal ob Euro-Krise, Energiewende oder Klimawandel - die Welt scheint aus den sprichwörtlichen Fugen zu geraten, die Gegenwart hektischer, die Zukunft unsicherer."

Gute Erinnerungen machen glücklich

Was die fragile Gemeinschaft im Inneren zusammenhält, sind persönliche und kollektive Erinnerungen, die das Gemeinschaftsgefühl stärken.

Dass der Begriff "Gemeinschaft" derzeit auf dem Vormarsch ist, bestätigt auch der Werte-Index 2016, den die Trendforschungsagentur Trendbüro und das Marktforschungsunternehmen TNS Infratest veröffentlicht haben.

Wer sich allein oder im Austausch mit Gleichgesinnten häufig an früher erinnert, hat ein besseres Lebensgefühl als jene, die das nur selten tun.

Nostalgie bzw. nostalgische Erinnerungen sind identitäts- und sinnstiftend, sie stärken unser Selbstwertgefühl, verbessern unsere Stimmung und unterstützen uns darin, besser mit negativen Erlebnissen umzugehen. Ja, sie können sogar „wortwörtlich" unser Leben verlängern. Und sie sind ein schöner Trost in schwierigen Zeiten.

Das Buch von Daniel Rettig ist ein Versuch, die Vergangenheit sinnvoll in die Gegenwart zu integrieren.

Was er selbst gern besitzt, empfindet er nicht als Ersatz für fehlende Wärme oder Liebe. Seine Lebensdinge bilden für ihn eine Brücke zu seiner Vergangenheit. Sie stimmen ihn „nostalgisch".

Wer sich mit den Dingen des Lebens beschäftigt, widmet sich zugleich auch der Frage nach dem „Was bleibt".

So forderte der Designer und Photograph Foster Huntington Menschen aus aller Welt in seinem Onlineblog dazu auf, sich darüber Gedanken zu machen, welche Dinge sie mitnehmen würden, wenn das eigene Haus in Flammen stünde. Welche Kriterien bestimmen dann die Auswahl? Vor einer ähnlichen Frage stehen Menschen, die ins Altersheim gehen.

Ihnen widmet sich Anamaria Depner in ihrem Buch „Dinge in Bewegung", das sich wissenschaftlich mit dem Ende der Dinge und des Lebens beschäftigt.

Dinge erzählen Geschichten über ihren Besitzer. Beide sind miteinander verbunden. Der durchschnittliche Europäer besitzt etwa 10.000 Gegenstände. Die Frage ist, was uns davon wirklich etwas bedeutet, welche einen inneren (nicht nur finanziellen) Wert für uns haben.

Claudia Silber, Leiterin der Unternehmenskommunikation bei der memo AG, sagt:

„Nur ganz wenige! Die meisten gebrauchen wir, ohne darüber nachzudenken, und viele haben wir, ohne ihnen einen Wert beizumessen. Wenn ich nun überlege, welche meiner Dinge mir wirklich etwas Wert sind und an denen ich hänge, sind es nur ganz wenige."

Da ist zum Beispiel der Leuchtturm aus Porzellan, der eigentlich nur ein teures Deko-Objekt ist und ihrer Ansicht nach viel zu schade ist, ihn zu "gebrauchen". Auch wenn ihn andere Menschen vielleicht als „unnütz" bezeichnen würden, so liegt er ihr deshalb am Herzen, weil er ein Abschiedsgeschenk ihres ehemaligen Chefs „nach einem Praktikum bei einem renommierten Porzellanunternehmen war." Er bedankte sich damit für ihre Arbeit - „und das war das eigentliche Geschenk".

Die Nachhaltigkeitsexpertin achtet allerdings darauf, nicht zu viel "anzuhäufen". Für sie nutzlose Dinge verschenkt sie oder verkauft sie.

Neben den Gebrauchsgegenständen möchte sie vor allem nicht auf ihre Bücher verzichten:

„Ja, ich könnte einen Großteil davon auf einem E-Book-Reader speichern. Dann würden mir aber die Geschichten fehlen, die ich mit jedem meiner Bücher verbinde, und die Zeiten, in denen ich sie gelesen habe."

Sie möchte nicht auf Dinge verzichten, die ihr etwas wert sind, weil sie schöne Momente oder Lebensphasen oder auch Menschen damit verbindet, die ihr am Herzen liegen.

Greifbare Dinge haben für sie eine besondere Bedeutung, weil sie das Erklärbare, Bodenständige und Immobile braucht. Das gibt ihr Sicherheit, Halt und Schutz: „Wo das ‚Greifbare' ist, bin auch ich und mein zu Hause."

Warum sollten wir uns mit greifbaren und alltäglichen Dingen heute verstärkt beschäftigen?

Die Antwort ist so einfach und schön wie das Thema Nostalgie: All das hilft uns, Nachhaltigkeit zu spüren und gestärkt in die Zukunft zu gehen:

„Dann nämlich, wenn wir die Erinnerungen an die Vergangenheit nutzen, um geistige Kraft für die Gegenwart zu tanken." (Daniel Rettig)

Literaturempfehlungen:

Daniel Rettig: Die guten alten Zeiten. Warum Nostalgie uns glücklich macht. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2013.

Anamaria Depner: Dinge in Bewegung. Zum Rollenwandel materieller Objekte. Eine ethnographische Studie über den Umzug ins Altersheim. Transcript Verlag, Bielefeld 2015.

Insa Wilke (Hg.): Der leidenschaftliche Zeitgenosse. Zum Werk von Roger Willemsen. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015.

Michael Niehaus: Das Buch der wandernden Dinge: Vom Ring des Polykrates bis zum entwendeten Brief. Hanser Verlag, München 2009.

Theresa Steininger: Interview. „Selbstreduktion als Luxus." In: Peter Wippermann / Jens Krüger: WERTE-INDEX 2016. Deutscher Fachverlag, Frankfurt a.M. 2015., S. 40.

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