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19/04/2016 10:46 CEST | Aktualisiert 20/04/2017 07:12 CEST

Update für eine bessere Welt! Warum komplexe Systeme ein neues Betriebssystem brauchen

Nick David via Getty Images

Update statt Kollaps


Die Welt befindet sich heute im ständigen Wandel. Unternehmen und Organisationen stehen vor einschneidenden Umwälzungen. Mit alten Navigationsinstrumenten kann die Komplexität der Probleme nicht mehr bewältigt werden. Benötigt werden deshalb neue Hilfsmittel, "um die Intelligenz, Kreativität, Daten, Fähigkeiten und Netzwerke unserer Gemeinschaft besser zu nutzen". Voraussetzung dafür ist jedoch, dass sich in allen gesellschaftlichen Bereichen unser Betriebssystem ändert. "Je komplexer die Probleme, desto komplexer müssen die Hilfsmittel sein. Das gilt auch für das Betriebssystem der Gesellschaft. Man hätte keine Freude, würde ein Arzt mit den Enzyklopädien und Hilfsmitteln des 19. Jahrhunderts Hand an einen anlegen", schreibt der Ökonom Joël Luc Cachelin in seinem Buch "Update!" Probleme entstehen zwangsläufig, wenn das System von seiner Umwelt überfordert ist. Sie "können nicht mit der gleichen Denkweise gelöst werden, durch die sie entstanden sind", sagte schon Albert Einstein. Um sich an die Komplexität anzupassen, muss die technologische, soziale und ökonomische Vernetzung der Gesellschaft durch Updates erhöht werden. Dazu braucht es Veränderungsbereitschaft, die nicht gerade zur DNA von Unternehmen und Organisationen gehört, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zu groß und selbstgefällig geworden sind, die den Blick für das große Ganze verloren haben. Wird zu lange auf ein veraltetes Betriebssystem gesetzt statt das Update zu programmieren, droht der Kollaps.

Spielregeln der Zukunft


Überfordert waren die Betriebssysteme beispielsweise im Rahmen der Aufarbeitung der Vergabe der WM 2006 oder der Dieselaffäre von VW. Das führte zu zahlreichen Nebenwirkungen (Vertrauensverlust) und erhöhte den Druck von außen nach einem grundlegenden Reformbedarf. Hinzu kam, dass in beiden Fällen "Affären" als eigenständige Themen betrachtet wurden, aber nicht als Teil eines größeren Ganzen, was wiederum dazu führte, dass vor allem auf die Behebung von Symptomen gesetzt wurde. Die Spielregeln der Zukunft brauchen aber den ganzheitlichen Blick. Gefragt ist zudem eine "nachhaltige Digitalisierung", weil sie die technologische, soziale und ökonomische Vernetzung inklusive deren Wechselwirkungen optimiert und nach Cachelin materielle und immaterielle Knappheiten antizipiert. Nebenwirkungen der Transformation übersetzt sie in Lernprozesse. Kein anderer Megatrend wird unsere Zukunft so prägen wie die Digitalisierung, die der "Zivilisierung eines neuen Kontinentes" gleicht. Analoge und digitale Welt werden in der nächsten Zeit noch viel stärker miteinander verwoben sein.

Bereitschaft zum Strukturwandel


Am Umgang mit diesem Thema zeigt sich zugleich die generelle Bereitschaft zum Strukturwandel von Systemen. Wer nur das Entweder-Oder sieht, aber nicht die Vernetzung, wird den digitalen Transformationsprozess der Gesellschaft kaum wirksam mitgestalten können. Der neue DFB-Präsident Reinhard Grindel überreichte vor einigen Tagen in der Sporthalle des TSV Schott Mainz vor 150 Schülerinnen und Schüler aus sieben Mainzer Grundschulen das so genannte DFB-Paule-Schnupper-Abzeichen und erklärte zur Übergabe der Ansteckpins: "Mich freut besonders, dass die Kinder heute nicht mit ihrem iPhone oder iPad gespielt haben, sondern ein bisschen Lust auf Fußball bekommen haben." Ohne Computer oder Smartphone ist das lebensbegleitende Lernen allerdings kaum vorstellbar. Der Umgang mit digitalen Medien gehört heute zu einer Schlüsselkompetenz.

Veränderung ist wichtig


Die Vielfalt des Denkens schließt die analoge und digitale Welt gleichermaßen ein. Gerade für gleichförmig gewachsene Organisationen mit einer ausgeprägten Bindungskultur ist es besonders wichtig, sich zu verändern, um den digitalen Transformationsprozess mitzugestalten. Mit mehreren Strukturreformen will der neu gewählte DFB-Präsident nun die Konsequenzen aus der WM-Affäre ziehen und den Verband neu ausrichten. "So soll es bis November eine DFB-Ethikkommission geben. Zudem sollen die operativen Geschäfte von den hauptamtlichen Verbandsmitarbeitern - statt wie bisher vom DFB-Präsidium - geführt und die Marketingaktivitäten in eine Gesellschaft ausgelagert werden." Warum Nachhaltigkeitsmanagement überlebenswichtig für Organisationen ist Dass Nachhaltigkeit (der Überbau aller Einzelmaßnahmen) ins strategische Zielsystem des DFB integriert werden soll, wurde nicht erwähnt. Für viele Unternehmen, darunter etliche DFB-Sponsoren wie Daimler, ist das heute eine Selbstverständlichkeit. Beispiele dazu finden sich im Buch "Strategisches Management" von Franz Xaver Bea und Jürgen Haas, das alle wichtigen Bausteine des Strategischen Managements behandelt: Planung und Kontrolle, Information und Organisation, Unternehmenskultur sowie Leistungspotenziale. Zitiert wird beispielsweise aus dem Daimler-Nachhaltigkeitsbericht von 2010: "Damit unterstreichen wir noch einmal klipp und klar: Ökonomische, ökologische und soziale Verantwortung gehören zusammen." Bereits im Herbst 2008 richtete die Telekom ein neues Vorstandsressort ein, das neben dem Datenschutz auch die Bereiche Recht, Compliance und Wirtschaftsstrafrecht umfasst. Im Sommer 2009 schuf Deutsche Bahn ein Vorstandsressort für Compliance. Von 2010 bis 2013 gab es beim DFB eine Kommission Nachhaltigkeit, in der diese Aspekte thematisiert wurden, aber kraftlos blieben, weil die strukturelle Verankerung des Gesamtthemas fehlte. Seine Relevanz als Führungs- und Managementaufgabe wurde nicht erkannt und der fremde Blick aufs System ignoriert. Im Suhrkamp Verlag ist gerade ein Buch des Soziologen Niklas Luhmann (1927-1998) neu aufgelegt worden, das sich generell mit Organisationen beschäftigt, die auf einer formalen Autoritätshierarchie basieren und die Tendenz haben, alte Bindungen beizubehalten. Dem Fremden wird hier misstraut, weil es "nicht unter sozialer Kontrolle der Gruppe gebildet" wurde. Damit sich Organisationen verändern können, müssen sie aus den Silos ihrer Bereiche hinausstreben. Vernetzung ist dabei eine der großen Herausforderungen. Auch wenn hochrangige DFB-Funktionäre davon sprechen, dass der Verband "einen Präsidenten und keinen Top-Manager" braucht, so steht außer Frage, dass jede Führungskraft - ob im Ehrenamt oder Profibereich - professionelle Managementfähigkeiten braucht, denn alle sind heute mit hoher Komplexität konfrontiert. Deren Management von - oder eben sein Fehlen - ist "gewissermaßen der Brennpunkt, an dem alle treibenden Kräfte der Transformation zusammenkommen", sagt der Managementexperte Fredmund Malik, nach dessen Ansicht das Komplexitätszeitalter fundamental andere Lösungen auf Basis eines anderen Denkens, neue Methoden und Instrumente erfordert. Richtiges Nachhaltigkeitsmanagement liefert beispielsweise handfeste Instrumente, die Organisationen auch darin unterstützen können, mit Krisensituationen besser umzugehen, indem unklare Zuständigkeiten und Versickerungseffekte in der Hierarchie durch professionelle Strukturen und Regeln aufgelöst werden. Es gibt dazu keine Alternative, um heute gleichzeitig Kontinuität und Flexibilität zu garantieren, weil Organisationen sonst nicht überlebensfähig sind. Bereits 2011 zeigte Peter Senge, wie Organisationen richtig zusammenarbeiten, um eine nachhaltige Welt zu schaffen: 1. Kluge, nachdenkliche Menschen erkennen entstehende Probleme früher als andere. 2. Sie fangen an zu verstehen, wie ernst diese Probleme sind. 3. Die Mischung aus tiefer Besorgnis und dem Gefühl, dass eine bessere Zukunft möglich ist, veranlasst sie, anders über die Probleme und deren wechselseitige Zusammenhänge nachzudenken. 4. Andere Denkweisen führen zu anderen Handlungsweisen. Durch die Konzentration auf langfristige Strategien fangen Gruppen und Organisationen allmählich an, die größeren Systeme, in denen sie arbeiten, zu berücksichtigen, anstatt sich auf die Lösung einzelner Probleme zu fokussieren. Weitere Informationen:"Der DFB sollte sich selbst zerlegen..." Interview von Günter Klein mit Dr. Alexandra Hildebrandt, Münchner Merkur (14.4.2016) Literaturempfehlungen: Franz Xaver Bea, Jürgen Haas: Strategisches Management. Praxisausgabe. UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2016. Joël Luc Cachelin: Update! Warum die digitale Gesellschaft ein neues Betriebssystem braucht. Stämpfli Verlag AG, Bern 2016. Joël Luc Cachelin: Offliner. Die Gegenkultur der Digitalisierung. Stämpfli Verlag AG, Bern 2015. Niklas Luhmann: Der neue Chef. Suhrkamp Verlag Berlin 2016. Fredmund Malik: Navigieren in Zeiten des Umbruchs. Die Welt neu denken und gestalten. Campus Verlag Frankfurt am Main 2015. Peter M. Senge: Die notwendige Revolution. Wie Individuen und Organisationen zusammenarbeiten, um eine nachhaltige Welt zu schaffen. Heidelberg 2011. 2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg
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