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20/12/2013 07:54 CET | Aktualisiert 19/02/2014 06:12 CET

Die kaputte Elite

Durchschnitt und Standardisierungen in der Arbeitswelt verhindern Spitzenleistungen und nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum. Vor diesem Hintergrund erwartet die Generation Y von ihrem Arbeitgeber ein Umdenken und Rahmenbedingungen, die Sinnvermittlung und Selbstverwirklichung gewährleisten.

Benedikt Herles, Jahrgang 1984, studierte Volks- und Betriebswirtschaftslehre und promovierte über die Entstehung ökonomischer Werte. Er schrieb das jüngst erschienene Buch: "Die kaputte Elite", in dem er die Zustände in den deutschen Führungsetagen kritisiert. Sein „Schadensbericht" ist zwar stellenweise eine Aneinanderreihung von Pauschalisierungen und unreflektierten geistigen Steinbrüchen, aber um ein neues Denken für einen Klimawechsel in der Arbeitswelt in Gang zu setzen, ist es wichtig.

Denn fast alle Publikationen und Studien zur Generation Y sind von ihren Vorgängergenerationen verfasst. Das mag daran liegen, dass sie die neue Generation doch noch nicht sehr gut verstehen und das liquide Leben der Jungen nicht greifen und einordnen können. Unbedenklich überschreiten sie Grenzen von Disziplinen und Organisationen.

„Das Humboldt'sche Bildungsideal hat seinen Weg hingegen nicht nach Vallendar gefunden", schreibt Herles über die private Wirtschaftsuniversität WHU in Vallendar, wo er BWL studierte. Der Universalgelehrte sah die Erscheinung der Dinge in ihren Zusammenhängen und erkannte „in der Mannigfaltigkeit die Einheit, die unter der Decke der Erscheinungen verhüllt liegt".

Natur war für ihn ein belebtes Ganzes und Wissenschaft nichts Statisches, sondern ein dynamischer und lebendiger Prozess. Der Weg zu einer nachhaltigen Gesellschaft gelingt nur durch einen solchen ganzheitlichen Ansatz und nicht durch „Technokraten-Manager" und „Folien-Akrobaten", wie sie Benedikt Herles beschreibt. Schon Erich Kästner porträtierte jene „Zeitgenossen, haufenweise":

„Es ist nicht leicht, sie ohne Haß zu schildern,

und ganz unmöglich geht es ohne Hohn.

Sie haben Köpfe wie auf Abziehbildern

und, wo das Herz sein müßte, Telefon."

In der Regel sind sie äußerlich unauffällig, aber ihr Herz ist kalt. Das brauchen sie, weil sie oben in der Gipfelregion niedrige Temperaturen ertragen müssen. Vermutlich sind bei ihnen deshalb Berg- und Bergsteiger-Analogien besonders beliebt. („Reinhold Messner und Co. sind wahre Helden in der Welt der Chefetagen", so Herles.) In ihnen sammeln sich Kälte und Kleinheit, auch im Denken. Solche Menschen können nie ganz bei sich sein - auch nicht mit ihren Ausdrucksmitteln.

Antrainierte Gesten und ihre Hingabe an neueste Managementtools machen sie deshalb aber nicht glaubwürdiger. Sie wollen Unternehmen und Menschen führen, können ihnen aber niemals begegnen. Viele von ihnen verbinden Führung mit Freiheitsverlust - sie arbeiten 18 Stunden täglich, fliegen um die Welt und sehen aus wie Menschen, die keine Freude am Leben haben.

Sie sind stolz darauf, dass sie so hart arbeiten und kommunizieren es auch ständig. Sie sind auf Verzicht programmiert und Profis - immer und überall: Ausgestattet mit Pulsfrequenzmesser und Stoppuhr laufen sie auch in der „Freizeit" ihrer (Lebens-)Zeit davon und sich selbst hinterher. Doch ihre Gefühle haben sie vorher abgelegt.

Diese Führungskräfte stellen folglich nur Menschen ein, die ihren vorgegebenen Prozessen, Methoden und Normen entsprechen. Anders Denkende werden in dieser „effizienten Organisation" wie Fremdkörper im Immunsystem schon an der Eingangstür zurückgewiesen - denn sie kennen den Code der eigenen Unternehmenssprache nicht.

Er schützt die Verwalter des Systems gegen Eindringlinge und Gestalter von außen. Zwischengeschaltet sind häufig Personalberater, die nicht nur am Auftraggeber verdienen, sondern auch an Computerprogrammen, psychologischen Messverfahren, mit denen sie potenzielle Bewerber „testen". Dazu gehören Intelligenz-Anpassung, Intelligenz-Organisation, Umstellungsbereitschaft, Leistungsmotivation, Stressstabilität und Hartnäckigkeit. Der Bewerber soll auswählen zwischen Rundem und Eckigem, möglichst immer beides im Wechsel, Rechenaufgaben lösen und die Reaktion von Straßenbahnfahrern auswerten.

Dabei kommt es darauf an, sich immer in der Mitte zu bewegen, denn gesucht wird der Durchschnittsmensch. Die PC-Stimme verabschiedet den Bewerber am Ende mit den Worten: „Extreme Ausprägungen in die eine oder andere Richtung stellen in jedem Fall ein Risiko dar." Gerade in hierarchisch geprägten Großunternehmen ist das keine Seltenheit - Wirtschaftsunternehmen sind nicht wirklich vorbereitet auf die neue Generation, die die Mitte eher meidet und die Ränder der Existenz sucht. Dass sie abstürzen könnte, ist jederzeit möglich. Risiko und Vertrauen gehören für sie zusammen. Goethes Diktum: „Niemand weiß, wie weit seine Kräfte gehen, bis er sie versucht hat", gilt für sie in besonderem Maße. Sie handeln lieber selbst, bevor sie sich „be-handeln" lassen.