BLOG
20/01/2017 13:50 CET | Aktualisiert 21/01/2018 06:12 CET

Die geistige Einheit Europas: Was wir in der Welt von gestern finden

Muriel de Seze via Getty Images

„Make Europe Great Again!" Dafür ist es höchste Zeit, schreibt die Huffington Post Deutschland, die für ein Umdenken plädiert, um Europa wieder so stark machen, wie es einst war. Doch die Welt hat sich verändert, und unsere Gegenwart ist „unlesbar" (Mark Lilla) geworden.

Es lassen sich lediglich Bewegungen und Gegenbewegungen von Entgrenzung und Begrenzung beobachten. Das „historische Wechselspiel hat keine erkennbare übergeordnete Richtung, weder in den Verfall, noch in eine bessere Welt", schreibt der Historiker Andreas Rödder in seiner lesenswerten kurzen Geschichte der Gegenwart, die voller Dilemmata und Überraschungen ist. Und so bleibt die Frage, wie mit der Ungewissheit des historischen Wandels umzugehen ist.

Rödder verweist in seinem Buch „21.0" auch auf den Weltbürger und Schriftsteller Stefan Zweig, der ein wichtiger Orientierungsanker auf der Suche nach Antworten ist.

Der unter der Regie von Maria Schrader entstandene Spielfilm „Vor der Morgenröte" erzählt episodisch aus dem Leben des österreichischen Publizisten im Exil. Auf dem Höhepunkt seines internationalen Ruhms emigiert er und verzweifelt angesichts des Wissens um den Untergang Europas.

Am 2. Juli 2016 veröffentlichte "Die Presse" im Internet erstmals den Text „Die geistige Einheit Europas", den Stefan Zweig, auch Autor der "Neuen Freien Presse", 1936 im brasilianischen Exil geschrieben hat. Darin beklagt er die Atmosphäre der Welt, die vergiftet ist von Misstrauen, Uneinigkeit und Angst:

„Mit Unruhe nimmt man jeden Morgen die Zeitung zur Hand, mit einem Seufzer der Erleichterung legt man sie nieder, wenn nichts besonders Gefährliches sich ereignet hat. Das Misstrauen gegen die Nachbarn ist heute bei vielen Völkern nach und nach zu einer pathologischen Erscheinung geworden; überall schließen sich die Grenzen ängstlich ab..."

Er erwähnt auch das Misstrauen eines Volks gegen das andere: „Welche Trauer für unsere Seelen, die den Hass als den furchtbarsten Feind der Menschheit hassen und wehrlos, machtlos vor dieser Verwirrung unserer Brüder in allen Ländern stehen!"

Seine Sicht von Europa wird verständlicher, wenn man sich auch mit seinem Buch "Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers" beschäftigt. Er schrieb daran aus dem Gedächtnis und ohne Unterlagen zwischen 1939 bis 1941 im brasilianischen Exil, wo er sich überall als Fremder und bestenfalls Gast fühlte. Europa war ihm verloren, „seit es sich zum zweitenmal selbstmörderisch zerfleischt im Bruderkriege".

Auf den Abdruck seines Essays im Internet gab es viele gespaltene Reaktionen: die einen meinten, dass Welten zwischen dem Europa-Bild der EU und "seinem" Europa lägen, und dass es unpassend sei, unsere Situation mit der von 1936 zu vergleichen, für andere ist es ein zeitloser Text, der noch immer den Geist eines vereinten Europas atmet und zeigt, wie heute mit neuen innovativen Ideen ans Werk gegangen und Europa als Anliegen im Herzen getragen werden kann.

Ja, es ist einer der wichtigsten Texte in dieser Zeit, weil er auch Mut macht in scheinbar ausweglosen Situationen und uns eine innere Richtung weist, in der Pessimismus keinen Raum haben sollte, weil er ein „destruktives Element" ist und Energien schwächt, da er unschöpferisch ist.

Wir können uns Pessimismus nicht leisten in einer Zeit, die auch heute vielfach gegen die Gesetze der Vernunft handelt. Wo immer auch im Dunkeln ein leiser Schein der Hoffnung sichtbar ist, sollten wir darauf verweisen und den zerstörenden Kräften der Uneinigkeit Verbindendes entgegensetzen.

Es macht Sinn, seinen Gedanken einer einheitlichen Konzeption und Formung unserer Welt zu folgen, die mit Rom beginnt. Er betont nicht die Eroberungen und das Barbarische, sondern die Zivilisierung und Entwicklung zu einer höheren Stufe der gemeinsamen Kultur: Sprache, Recht, Baukunst, Wissen und Dichtkunst. All dies war auch mit einer Klarheit der Begriffe auf allen Gebieten verbunden.

Gerade im postfaktischen Zeitalter sollte man sich daran erinnern, aber auch an die Schriften Platos und Homers, die für Zweig mit dem Gefühl der Welteinheit (Weite und Schönheit des Kosmos) verbunden sind.

Wir sollten wieder denken wie die Humanisten, die zwar immer in der Minderheit waren, zu früh kamen und zu schwach waren, aber noch immer „unsere Ahnen im Geiste" sein sollten, weil sie uns den unerschütterlichen Glauben an die Notwendigkeit einer „Verständigung zwischen den Völkern" lehren, und was es bedeutet, optimistisch zu sein in dunklen Zeiten. Als Stefan Zweig seinen Text schrieb, war er nicht mehr so enthusiastisch wie in seiner Jugend, als man an die Technik als Erlöserin der Menschheit glaubte:

„Sie mögen sich unsere Enttäuschung denken, unsere Verzweiflung, als der Krieg dann plötzlich begann, und überdies der fürchterlichste Krieg der Geschichte. Die Technik hatte uns verraten und die Wissenschaft." Das Vertrauen in sie verschwand mit der Zerstörung der Welt. Vieles erinnert an aktuelle Themen wie die Digitalisierung in all ihren Ausprägungen.

Dieser Satz von Stefan Zweig ist dabei richtungsweisend:

„Nicht von der äußeren Technisierung kann eine wahrhafte Wandlung unserer Menschheit erfolgen - nur vom Geiste her und von dem leidenschaftlichen Willen zu besserer Verständigung. Unendlich viel ist für jeden von uns im Stillen zu tun: Wir müssen uns jedes Wortes enthalten, welches das Misstrauen zwischen Menschen und Nationen steigern könnte; im Gegenteil, wir haben die positive Pflicht, jede Gelegenheit zu ergreifen, um die Leistung anderer Rassen, Völker und Länder nach ihrem Verdienst zu rühmen."

Dazu gehört für Stefan Zweig vor allem:

... die Jugend zu lehren, den Hass zu hassen, weil er unfruchtbar ist, Daseinsfreude und Lebenssinn zerstört

... Menschen anzuregen, in größeren Dimensionen zu denken und zu fühlen (Engherzigkeit und Absperrung bedeutet Begrenzung des Selbst)

... sich auch fremden Werten zu widmen und daraus innere Kraft zu schöpfen

... den jugendlichen Enthusiasmus zu entfachen und stets zu erneuern

... gleichsam entschlossen und geduldig sein

... den Optimismus nicht zu verlieren.

Ein Optimist nimmt die negativen Seiten durchaus zur Kenntnis, aber er weigert sich, sich diesen Seiten zu unterwerfen. Er fragt sich, was er jetzt tun kann. Dabei setzt er nicht auf große Vorhaben, sondern auf kleine Taten - ganz im Sinne von Stefan Zweig:

„Lassen wir uns nicht beirren durch alle Unvernunft und Unhumanität der Zeit, bleiben wir dem zeitlosen Gedanken der Humanität treu - es ist nicht so schwer! Überall können einige Menschen, die guten Willens sind, das Wunder vollbringen, sich zu verstehen."

Literatur:

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Severus Verlag, Hamburg 2014.

Stefan Zweig: „Erst wenn die Nacht fällt". Politische Essays und Reden 1932 - 1942. Hg. von Klaus Graebner und Erich Schirhuber Wien: Edition Roessner 2016.

Andreas Rödder: 21.0 Eine kurze Geschichte der Gegenwart. Verlag C.H. Beck. München 2015.

Alexandra Hildebrandt: Manieren 21.0: Warum gutes Benehmen heute wieder salonfähig ist. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2016.

Alexandra Hildebrandt: Kleine Handlungen, große Wirkung. Ganz nah! Wo die Kraft der Gemeinschaft am besten gedeiht. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2016.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.