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13/08/2014 04:46 CEST | Aktualisiert 13/10/2014 07:12 CEST

Die einfachen Dinge: Warum sie nie so wertvoll waren wie heute

Rückkehr zum menschlichen Maß

„Der Mensch ist klein, und daher ist klein schön. Wer auf Riesenhaftigkeit setzt, der setzt auf Selbstzerstörung." Auch nach über vierzig Jahren ist das Plädoyer des britischen Ökonomen Ernst Friedrich Schumacher gegen den Trend zum „Riesenhaften" unvermindert aktuell. In seinem Buch „Small is beautiful: Die Rückkehr zum menschlichen Maß" (1973, Oekom 2013) spricht er sich für ein Dasein in überschaubaren und damit beherrschbaren Strukturen aus - eine Qualität für sich.

Denkend und sinnstiftend tätig zu sein verbindet er mit den schönen Dingen des Lebens. Das Gegenteil von dem, was Thomas R. Fischer, 2004 bis 2007 Chef der WestLB, in einem Interview sagte: dass sich Intellektualität mit Unternehmensführung nicht verträgt, dass sie nicht „weiterbringt" und wie ein Geheimnis gehütet werden muss, um im System nicht aufzufallen, dass Sinnfragen zu stellen in einer Welt, in der das „pure Funktionieren" meistens über alles gestellt wird, bedeutet, Prozesse aufzuhalten und nicht schnell genug und entscheidungsfreudig zu erscheinen.

Er ist davon überzeugt, dass viel Energie, „die sich in das Hinterfragen gebunden hat, vergeudet war". So nachzulesen im Sammelband von Barbara Nolte und Jan Heidtmann: „Die da oben. Innenansichten aus deutschen Chefetagen" (2009). Nach Verlusten der Bank durch Fehlspekulationen wurde Fischer im Juli 2007 vom Aufsichtsrat entlassen.

Nein, ohne eine intellektuelle Auseinandersetzung können die drängenden Probleme und entscheidenden Fragen der Gegenwart nicht gelöst und beantwortet werden: Was ist „genug"? Was brauchen wir wirklich? Worauf können wir verzichten? Wächst mit der zunehmenden Kritik an einer Technologie, die immer komplizierter wird, auch der Wunsch nach Stabilität und Dingen, die einfach zu verstehen und leicht zu benutzen sind? Und dennoch alle komplexen Aufgaben erfüllen? Wie lassen sich Vorgänge reduzieren und komplexe Vorgänge besser steuern? Wie können wir die gegenwärtige Welt verstehen? Welche Größe im politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich ist angemessen?

Weil wir an einer nahezu umfassenden Vergötterung des Gigantischen leiden, müssen wir auf die Vorzüge der Kleinheit dringen, schreibt Ernst Friedrich Schumacher in seinem Plädoyer. Auch dazu gibt es ein passendes Beispiel im Managementbuch „Die da oben": Margret Suckale, Vorstandsmitglied und Arbeitsdirektorin bei der BASF und ehemaliges Vorstandsmitglied bei der Deutschen Bahn und bei der DB Mobility Logistics AG, verweist im Interview darauf, dass sie immer eher in kleinen Wohnungen gelebt hat und privat auch ein relativ kleines Auto fährt.

Der Liedermacher Rolf Zuckowski fühlt sich wiederum in kleinen Räumen am wohlsten, weil sie ihm Geborgenheit geben. Seine kleine und wachsende Familie hat sich aus einem verwinkelten Dachgeschoss heraus entfalten können. Vermutlich spürt er noch immer in kleinen Räumen diese Jahre der großen „seelischen und räumlichen Nähe" zu seinen Kindern und seiner Frau.

Das Kleine ist für ihn ein vollkommenes Universum. In seinen persönlichen Erinnerungen „5 Jahre Mai", die seiner CD „Leben ist mehr" (2007) beigelegt ist, findet sich dafür ein „einfaches" Beispiel: „Als wir schließlich vor 10.000 Menschen bei glühender Hitze auf dem Sommerfest von Antenne Bayern in Schweinfurt spielten, stellte sich das ungute Gefühl ein, eine Grenze überschritten zu haben.

Nicht musikalisch, nicht akustisch, sondern menschlich. Es wurde mitgesungen, der Applaus war da, aber das Gefühl für die einzelnen Kinder im Publikum ging unweigerlich verloren, der Blickkontakt beschränkte sich auf die vorderen Reihen... Seitdem waren meine Ambitionen, bei den ganz großen Events dabei zu sein, gezügelt."

„Einfach" selbst sein

In einer immer komplexer werdenden Lebenswelt und der oft unüberschaubaren Vernetzung vieler Elemente suchen Menschen heute auch verstärkt nach Einfachheit in allen Bereichen des Lebens - der Sport ist dafür lediglich ein Brennglas der Gesellschaft: „Die Schönheit des Fußballs besteht darin, dass er furchtbar einfach sein kann.

Anders als die Politik, die selten einfach ist", schreibt Juan Moreno in DER SPIEGEL (32/2014). Für Ferrari-Chef Luca di Montezemolo sind die Regeln der Formel 1 von heute „viel zu kompliziert, die Rennsportler fahren wie Taxifahrer. Sie sollen Sprit und Reifen sparen, statt schnell zu sein, halten andauernd an - das versteht kein Zuschauer mehr, weder vor den Fernsehern noch auf der Tribüne." (FOCUS 29/2014)

Was viele Menschen wollen, ist ein überschaubares und einfaches Prinzip, das das Notwendige mit dem Lebenswerten verbindet, und das ihnen hilft, eine Auslese zu treffen und sich zu entscheiden.

Bereits Homer, der Autor der Ilias und Odyssee, warnte Seeleute eindringlich, nicht dem Ruf der Sirenen zu folgen. Allerdings schadet die Sirene nicht den Seemännern, sondern die Tatsache, dass sie angesichts der Sirenen nicht mehr vernünftig denken können. So verhält es sich auch mit Komplexität: Es geht nicht darum, rückwärtsgewandt nur das Einfache zu wollen, sondern anders mit Komplexität umzugehen und beides nachhaltig zu verbinden.

Denn unterschiedliche Zwecke erfordern verschiedene Strukturen: kleine und große, überschaubare und umfassende. „Wir brauchen die Freiheit sehr vieler kleiner, unabhängiger Einheiten und zugleich das Ordnungssystem einer großen, möglichst erdumspannenden Einheit und Angleichung. Wenn es darum geht, zu handeln, sind offenbar kleine Einheiten erforderlich, weil das Handeln stark auf die Person bezogen ist und man zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht mit mehr als einer sehr begrenzten Anzahl von Menschen zusammen sein kann." (Ernst Friedrich Schumacher)

Denn „selbst sein" können Menschen nur in einem kleinen und überschaubaren Rahmen und verantwortbaren Strukturen.

Echte Taten lassen sich nicht von großen Organisationen durchführen - sie können nur vom Menschen selbst ausgehen. Vor diesem Hintergrund ist ein weiterer Satz von Schumacher zu verstehen: „Wenn wir das Gefühl dafür wiedergewinnen können, dass es für jeden in diese Welt Geborenen das Natürlichste ist, seine Hände produktiv einzusetzen, und dass es den Verstand des Menschen nicht überfordert, das zu ermöglichen, dann, glaube ich, ... werden uns bald fragen, wie wir all die Arbeit erledigen können, die getan werden muss."

Wie aktuell seine Aussage ist, bestätigen beispielsweise Reaktionen auf entsprechende Blogbeiträge in der Huffington Post: Am meisten gelesen und gepostet werden jene, die Trends zum Selfmade, greifbare Dinge, Nähe oder Heimat thematisieren sowie die Einfachheit und Schönheit des Lebens kommentieren und reflektieren. Themen also, die mit gesellschaftlichen und räumlichen stabilen Verankerungen im persönlichen und lokalen Bereich zu tun haben.

Die vernetzte und globale Welt mag es klein und überschaubar, wenn es ums „Be-Greifen" im besten Wortsinn geht. Die Beschleunigung in allen Lebensbereichen ist zugleich mit einer wachsenden Sehnsucht verbunden, zu den uns umgebenden Dingen wieder eine wertschätzende Beziehung aufzubauen.

Dieses Bedürfnis erfüllt beispielsweise die Manufactum GmbH & Co. KG (vormals Manufactum Hoof & Partner KG). Das Einzelhandelsunternehmen mit Versandhandel und stationärem Vertrieb, das mittlerweile zur Otto Group gehört, bietet ihren Kunden Dinge an, „die in einem umfassenden Sinne gut sind, nämlich nach hergebrachten Standards arbeitsaufwendig gefertigt und daher solide und funktionstüchtig, aus ihrer Funktion heraus materialgerecht gestaltet und daher schön, aus klassischen Materialien (Metall, Glas, Holz u.a.) hergestellt, langlebig und reparierbar und daher umweltverträglich", heißt es auf der Website des Unternehmens.

Die "einfachen Dinge" sind ein Thema, das Claudia Silber, Leiterin der Unternehmenskommunikation bei der memo AG, nicht nur beruflich, sondern auch persönlich interessiert: „Unser Leben und die notwendigen Informationen zu vielen gesellschaftlichen Themen werden immer komplexer.

Dank Internet, Smartphone, Tablet & Co. können wir uns zwar überall und jederzeit über alles Mögliche informieren, sind aber am Ende davon oft nicht befriedigt. Das ist wahrscheinlich der gleiche Effekt, als wenn ich im Supermarkt vor dem Kühlregal stehe und die Auswahl zwischen 25 Joghurtsorten habe.

Deshalb würdigen wir gerade die Überschaubarkeit, die Einfachheit und auch die Schlichtheit. Einfache Dinge und auch einfache Produkte sind auch deshalb wieder gefragt, weil wir dafür eben keine seitenlangen Bedienungsanleitungen benötigen, sondern auf einen Blick die Funktion und der Nutzwert erkennbar sind."

In seinem Buch „Einfach managen. Klarheit und Verzicht - der Weg zum Wesentlichen" (Redline 2002 und 2010) preist der ehemalige Aldi-Manager Dieter Brandes Einfachheit als Schlüssel für erfolgreiches Management. Dazu gehören für ihn drei Schritte:

1. Komplexität vermeiden: klare Ziele formulieren

2. Komplexität reduzieren: Elemente und Verbindungen eleminieren

3. Komplexität beherrschen: mit kluger Organisation und geeigneten Methoden

Einfachheit führt nach Brandes zum Wesentlichen. Die Frage nach dem Warum ist dabei von besonderer Relevanz: Warum ein Gutachten erstellen? Warum eine Mitarbeiterbefragung durchführen? Warum aufwendige PowerPoint-Charts? Warum wird etwas schon seit Jahren so gemacht? „Die Leute haben es immer noch nicht kapiert! Sie sollen einfach mal ihren gesunden Menschenverstand einschalten.

Dazu gehört zum Beispiel, dass jeder sein eigener Controller ist - das vereinfacht ungemein, dann kann ich diese Klugscheißerabteilung abschaffen. Außerdem unterstelle ich den meisten Firmen, dass alle Kompetenzen, die sie für eine Aufgabe brauchen, dort vorhanden sind" (18.11.2011, SPIEGEL online). Seine Erfahrungen und Beobachtungen bestätigen, dass kleine und mittlere Unternehmen meistens weniger bürokratisch als Großunternehmen arbeiten. Ihr Erfolg beruht wesentlich auf Einfachheit - „nur wird das kaum bemerkt, und es wird weniger darüber berichtet" (© Institut für Einfachheit GbR, Dieter Brandes & Nils Brandes). Deshalb ein konkretes Beispiel:

Bei der memo AG werden Hierarchien bewusst flach gehalten. „Jeder Mitarbeiter - auch alle Vorstandsmitglieder - sind jederzeit ansprechbar. Bei uns steht nicht die Funktion eines Kollegen im Vordergrund, sondern dessen Fachwissen und Expertise zu bestimmten Themen. Dies macht eine Kommunikation einfach und Entscheidungswege kurz. Je länger dieser Weg in Unternehmen ist, desto mehr leidet auch oft das Ergebnis darunter", bestätigt Claudia Silber.

Es wird auf Prozessbewusstsein und flache Hierarchien statt auf Abteilungsbewusstsein gesetzt. „Diese Vertrauenskultur zeigt sich z. B. darin, dass die Mitarbeiter jederzeit Zugriff auf wichtige Unternehmenszahlen haben: Jeder kann an seinem PC Umsätze und Verkaufszahlen einsehen, die Löhne sind für alle transparent. In regelmäßigen Personalversammlungen werden Probleme offen diskutiert. Oft entstehen aus diesen Versammlungen Vorschläge, die zeitnah umgesetzt werden: So wurden in der Lagerhalle nach einem Vorschlag zusätzliche Rolltore eingebaut, die verhindern, dass bei Warenlieferungen zu viel Wärme verloren geht."

1989 gründeten Jürgen Schmidt mit Ulrike Wolf, Helmut Kraiß und Thomas Wolf, die noch heute im Unternehmen tätig sind, einen ökologischen Versandhandel für Büroartikel - der „Firmenausstatter für Umweltbewusste". Zehn Jahre später entsteht daraus die memo AG.

Es war von Beginn an die Vision der Gründer, ein "ideales" Unternehmen aufzubauen, bei dem Ökonomie, Ökologie und Soziales in der Unternehmensphilosophie gleichberechtigt nebeneinander stehen. „Das größte Hindernis für ökologisches Verhalten ist vielmehr, dass sich Menschen mit Veränderungen generell schwer tun", sagt Helmut Kraiß, Mitbegründer und Vorstandsmitglied von memo.

„Meist schon von Kindheit an eingeübte Handlungsmuster und liebgewordene Gewohnheiten haben eine äußerst starke Beharrungskraft. Daher halten wir es für äußerst wichtig, den Umstieg auf nachhaltige Produkte so selbstverständlich und einfach wie möglich zu gestalten - und durch ein umfassendes Sortiment die Frage nach konventionellen Alternativen gar nicht mehr aufkommen zu lassen."

Bei der Beschaffung orientiert sich memo konsequent am Prinzip des „local sourcing" - soweit möglich werden Lieferanten aus Deutschland und Europa bevorzugt. Dabei ist es nicht nur möglich, auch als kleines Unternehmen die meisten der Lieferanten persönlich zu besuchen, sondern Transportwege werden möglichst kurz gehalten und damit klimaschädliche Emissionen vermieden. Um sie auf ein Minimum zu reduzieren, bietet das Unternehmen eine besondere Versand-Variante an: Statt doppelt eingeschweißt und im Karton, können die Kunden die Waren in der "memo Box" bestellen. Viele nutzen das Mehrweg-Versandsystem bereits - auch um ge- und verbrauchte Produkte, die hier gekauft wurden, „einfach" zurückzuschicken.

Einfachheit, Schönheit und Komplexität

Das Thema Einfachheit bleibt allerdings leer, wenn es nur im „Managementmodus" kommuniziert wird und nicht mit Ästhetik verbunden ist. Verwiesen sei deshalb auf John Maeda, Professor am Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Der Grafikdesigner und Autor ist ein Verfechter von „Simplicity!" (Spektrum Akademischer Verlag, 2007), einer Lebensphilosophie der Einfachheit, die durch Reduktion, Zeiteffizienz und Funktionalität geprägt ist.

Er formulierte zehn Gesetze, die dabei helfen können, komplexe Sachverhalte einfacher erscheinen zu lassen. Dabei gelingt ihm der Spagat zwischen „so einfach wie möglich, so kompliziert wie nötig". Zu den 10 "Simplicity"-Gesetzen, mit denen sich Einfachheit, Schönheit und Komplexität in Einklang bringen lassen, gehören:

1. Reduzieren (Einfachheit durch bewusstes Weglassen)

2.Strukturieren

3. Zeit (ihre sinnvolle Nutzung ist zugleich mit einem positiven Gefühl verbunden)

4. Lernen

5. Differenz (Einfachheit und Komplexität stehen in Beziehung zueinander)

6. Kontext (die Einfachheit eines Dings ist oft weniger wichtig als seine Umgebung)

7. Mehr (lieber zu viel Gefühle als zu wenig)

8. Vertrauen (einfache Dinge erzeugen mehr Vertrauen)

9. Grenzen (die Erkenntnis, dass sich nicht alles vereinfachen lässt)

10. das eine Gesetz (Wichtiges zufügen, Offensichtliches weglassen)

„Katjes ist klein, die Welt ist groß."

Differenz. Das 5. Gesetz von John Maeda ist „für unsere Zeit besonders relevant". Sagt Tobias Bachmüller, der seit 1996 gemeinsam mit Bastian Fassin geschäftsführender Gesellschafter der Katjes Fassin GmbH + Co. ist. Die Bedeutung von „Einfachheit", Unternehmertum und Nachhaltigkeit zeigt sich in besonderer Weise an seinem Wesen und seiner Biographie: Bereits im Alter von 45 Jahren machte sich Katjes-Gründer Klaus Fassin Gedanken über seine Nachfolge.

Sein Sohn Bastian kam gerade in die Schule, als er ihm ein Vorrecht auf die Übernahme der Geschäftsführung einräumte - allerdings unter der Voraussetzung, dass sich der Junge als qualifiziert erweisen würde. Dies ließ er im Gesellschaftsvertrag festschreiben. Als Fassin zwanzig Jahre später ins Rentenalter kam, war der Sohn noch nicht in der Lage, die Erwartungen zu erfüllen, denn er hatte gerade sein Betriebswirtschaftsstudium begonnen.

Kompetente Unterstützung fand Fassin schließlich in Tobias Bachmüller. Was als Interimslösung geplant war, entwickelte sich zu einem nachhaltigen Glücksgriff für die Firma: „Ich wollte schon immer Unternehmer werden", sagt der Geschäftsführer, der bewusst auf eine Karriere als Milka-Manager bei Suchard in Bremen verzichtete: „In derartigen Riesenläden geht es ja vor allem darum, sich als Manager zu schützen." Als Deutschland-Chef von Suchard hatte er fünf Ebenen unter sich - aber auch fünf Ebenen über sich. Bei Katjes sind die Wege sehr viel kürzer, auf Termine muss niemand tagelang warten, und außer E-Mails werden keine internen Briefe geschrieben. „Ein klar gesprochenes Wort muss reichen."

Heute muss er nicht wie früher an internen Konzernschranken haltmachen. Das Prinzip in einem Großkonzern ist für ihn doch immer dasselbe: „... man fragt sich, wie bewege ich mich nach oben, ohne anzuecken." Viele Manager definieren sich hier über Status, Funktion und Komfortzonen (die Büromöbel bei Katjes sind aus Bauholz). Auch braucht Tobias Bachmüller „weder Kofferträger, Kaffeekocher oder zeitfressende PowerPoint-Präsentationen". All das hält er für „überflüssiges Tamtam". Kurze Wege sind ihm am liebsten, denn sonst verliert man den einzigen Vorteil, „den man als Kleiner gegenüber den Großen hat - Geschwindigkeit." (WirtschaftsWoche, 25.6.2014)

Sein gelebtes Prinzip der Einfachheit sieht er in der Kunst von Paul Klee „vollkommen" ausgeprägt. Denn er verstand es, Aussagen auf wenige Stufen zu reduzieren. Der primitive Eindruck gehe also auf „letzte professionelle Erkenntnis" zurück, was „das Gegenteil von wirklicher Primitivität" sei, schrieb er 1909 in sein Tagebuch. Wenn es um Bachmüllers Verständnis von Vollkommenheit geht, verweist er auch auf den französischen Schriftsteller Antonine de Saint-Exupéry, der in seinem Erlebnisbericht "Wind, Sand und Sterne" (1939) schreibt, dass Vollkommenheit offensichtlich nicht dann entsteht, „wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann." Das sagt zugleich Wesentliches über sein Führungs- und Managementverständnis aus.

Bachmüller wurde beim Eintritt ins Unternehmen zunächst mit fünf Prozent beteiligt, später kamen noch einmal mal fünf Prozent hinzu. „Beim zweiten Schritt hat sich in der Tat ein sehr langfristiges Engagement abgezeichnet. Dass die Marke sehr viel Potenzial hat, habe ich schon bei Vertragsunterschrift erkannt.

Ja, ich bin gekommen, um zu bleiben." (Wirtschaftswoche, 25.6.2014) Mit seiner Beteiligung am Unternehmen ist Tobias Bachmüller auch sein „eigener Stamm geworden", was er hervorragend findet, weil er nun seinen Anteil auch an seine Kinder weitergeben kann. Das ist für ihn gelebte Nachhaltigkeit, was vielleicht banal klingen mag - aber genau das unterscheidet ihn von einer Heuschrecke, „die nur kauft und dann meistbietend wieder verkauft".

Familienunternehmer legen Wert auf langfristige Absicherung und Weiterentwicklung des Unternehmens über den eigenen, persönlichen Horizont hinaus. Das ist für ihn das Reizvolle: „Theoretisch haben wir hier eine Zeitlinie von 100 Jahren, wenn es mir gelingt, das Prinzip der Unternehmensführung auf unsere vier Kinder zu übertragen. Das heißt allerdings auch, dass es von außen manchmal so aussieht, als ob wir uns langsamer bewegen. Das könnte schon sein. Wir sind eben keine Heuschrecken, sondern vielleicht Schildkröten." (17.12.2006, Handelsblatt)

Unverstellte Existenzweisen

Der wachsende Markt der „einfachen Dinge" geht gesellschaftlich einher mit der Sehnsucht nach dem „Echten" und Unverstellten - dazu gehören bei den meist gelesenen Blogbeiträgen auch Führungs- und Managementthemen, die von bodenständigen Menschen wie Tobias Bachmüller handeln, die an das glauben, was sie sagen und sind, was sie tun. Und die direkt zur Sache kommen, die nicht darüber sprechen, wie die Dinge liegen - sondern konkret zeigen, wie sie stehen.

Kaum jemand mag mehr von austauschbaren, stromlinienförmigen Unternehmern und Managern lesen, die in unterschiedlichen Fassaden erscheinen, die ihre instabile Persönlichkeit und ihre Angst vor einer Charakteroffenbarung zum Ausdruck bringen. „Man muss einfach ehrlich und aufgeschlossen sein. Speziell in einem Zeitalter, in dem die Leute ohnehin alles über das Internet herausfinden können.

Ich selbst komme ja mit authentischen Leuten auch viel besser klar." Sagt Tommy Hilfinger im Interview mit VOGUE (August 2014). Nahbarkeit ist auch für Opel-Vorstand Tina Müller keine Phrase: sie beantwortet ihre Mails persönlich, antwortet Kunden via Twitter und besucht Autohändler vor Ort. Kurz: „Sie nimmt Dinge gern selbst in die Hand" (WirtschaftsWoche, 11.8.2014).

Auch realitätsferne Wissenschaftler, die ihre Lehre hinter Abstraktionen und einer komplizierten Gebildetensprache verstecken, haben heute kaum mehr eine Chance, sich abgehoben und scheinbar groß zu geben, weil das Bedürfnis nach Klarheit und lebenspraktischen Bezügen Bodenständigkeit verlangt.

Zu erkennen sind sie unter anderem daran, dass sie immer „zu den Dingen" wollen. Der Soziologe Bruno Latour hat mit seiner Theorie, dass Menschen vernetzt mit Dingen aktiv sind und nicht allein handeln, das Denken seit den 1970er Jahren weltweit inspiriert.

Mit seinem neuen Buch „Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen" (2014) möchte er dazu beitragen, den abgehobenen Menschen wieder zu erden und erinnert an europäische Vorfahren: „Man braucht kluge Praktiker wie im 16. Jahrhundert Michel de Montaigne oder wie zur Zeit der Humboldtschen Naturphilosophie um 1800 erfahrene Vulkanologen, Meteorologen, Ingenieure." Ihm geht es um eine bodenständige Auslegung des menschlichen Daseins, das nicht auf Stelzen steht oder auf einer Leiter, „sondern auf den bloßen Füßen" (Ludwig Wittgenstein).

Das Erbe des Diogenes

Eine im Leben verankerte Philosophie kann helfen, die Rückbesinnung auf das Eigentliche besser zu verstehen, indem uns ihre Inhalte „ergreifen" und bewegen. Zehn Jahre nach Schumanns „Small is beautiful" erschien Peter Sloterdijks „Kritik der zynischen Vernunft", in dem er auch auf Erbe des griechischen Philosophen Diogenes Bezug nimmt. Dabei geht es um nichts anderes als das, was ein einfaches und glückliches Leben ausmacht:

_ Abschied vom Geist der Fernziele zu nehmen

_ Handlung, Zeit und Ort als Einheit zu sehen

_ Ansprüche und Machtwünsche einzuschränken

_ geistesgegenwärtig zu sein und auf das hinzuhören, was der Augenblick bietet fernab des „Ich-müsste-noch", durch das eine Struktur des Aufschubs und des indirekten Lebens entsteht.

Diogenes ist für Sloterdijk auch Urvater des Selbsthilfegedankens, ja ein Asket in dem Sinn, dass er ein Selbsthelfer war „durch Distanzierung und Ironisierung von Bedürfnissen, für deren Befriedigung die meisten mit ihrer Freiheit bezahlen." Er brachte die ursprüngliche Verbindung zwischen Glück, Rückkehr in den Augenblick, Bedürfnislosigkeit und Klugheit in die westliche Philosophie und prägte die europäische Tradition des intelligenten Lebens mit.

Wenn Sloterdijk an ihn erinnert, dann hat das nichts mit „Armutsdogmatik" zu tun - vielmehr geht es um das Abwerfen von falschen Gewichten, die die eigene Beweglichkeit einschränken. Warum nach Reichtum streben, wenn sich damit nicht mehr anfangen lässt als das, „was in den elementaren Genüssen des kynischen Philosophen eine täglich wiederkehrende Selbstverständlichkeit ist: in der Sonne liegen, dem Weltbetrieb zusehen, seinen Körper pflegen, sich freuen und auf nichts zu warten haben."

Damit ist zugleich eine Brücke geschlagen zur Geschichte vom armen Fischer und dem erfolgreichen Unternehmer, die Heinrich Böll 1963 als „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral" erzählte, und die nun erstmals als Bilderbuch erschienen ist. Émilie Bravo hat die Geschichte ganz in der Tradition des Comics „Tim & Struppi" des Belgiers Hergés grandios umgesetzt (Heinrich Böll/Émilie Bravo: „Der kluge Fischer". Bilderbuch, Carl Hanser Verlag). Die Handlung ist „einfach" erzählt: In einer Hafenstadt liegt ein Fischer in seinem Boot und schläft. Ein Unternehmer, der gerade Urlaub macht, fotografiert dies und weckt dadurch den Fischer auf. Die beiden kommen ins Gespräch und unterhalten sich über den Fischfang und die Arbeitsphilosophie in dieser Gegend.

Als der Unternehmer erfährt, dass der Fischer nur einmal täglich ausfährt und den Rest des Tages sich selbst widmet, fragt er ihn, warum er denn nicht ein zweites oder drittes Mal ausfahre? Könne er nicht seinen Fang damit vervielfachen? Der Fischer versteht allerdings nicht, was ihm das bringen solle.

Darauf entgegnet der Unternehmer: „Sie würden sich spätestens in einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten und dem Kutter würden sie natürlich viel mehr fangen ... Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und ihren Kuttern per Funk Anweisungen geben."

Der Fischer fragt daraufhin: „Was dann?" - „Dann", sagt der Unternehmer, „dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen - und auf das herrliche Meer blicken." Aber genau das tue er doch längst, antwortet der Fischer und fügt hinzu: „nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört." Der Unternehmer ist auch im Urlaub „laut" - der Fischer aber ist achtsam, leise, drängt sich nicht auf und ist „einfach" glücklich, weil er das, was er tut, überschauen kann und sich nicht der immer schnelleren und komplexeren Managementwelt des reisenden Unternehmers anpasst. Nähe bedeutet hier Verantwortung - und Verantwortung ist Nähe.

Für Claudia Silber ist dies auch erzählte Nachhaltigkeit, die einen Menschen beschreibt, der mit sich und den Naturgesetzten übereinstimmt und zufrieden ist mit dem, was er hat - und für den weniger mehr ist.

„Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass dieser Mensch der Natur nur das entnimmt, was er zum Leben benötigt und was auch wieder nachwachsen kann".

Das Erbe des Diogenes ist auch in der Gegenwart vielfach präsent - etwa, wenn der 30-Jährige Andreas Bourani, der mit der Hymne „Auf uns" die Fußball-WM besungen hat, in einem Interview sagt: „Unsere Generation erschafft bloß immer neue Technologien, die uns eigentlich mehr Zeit schenken sollen.

Wir nutzen sie dann aber nicht, um uns auszuruhen oder uns selbst zu finden, sondern um noch mehr zu arbeiten." (MADAME, August 2014) Er plädiert dafür, den Dingen wieder mehr Tiefe und Bedeutung zu geben, in die Natur zu gehen, zu genießen und Dinge bewusst wahrzunehmen. „Ich gebe kaum Geld aus. Habe kein Haus, kein Boot, keinen Besitz. Ich versuche, das zu reduzieren, weil es Verpflichtung bedeutet. Ich brauche nicht viel." Wer das sagt, wird auch dann noch eine Haltung und Reserven für die Zukunft haben, wo aller Halt verloren ist. Ganz einfach.