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13/11/2015 07:07 CET | Aktualisiert 13/11/2016 06:12 CET

Rund sein: Warum der DFB eine Revolution seiner Verbandskultur braucht

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Amateure statt Profis

Seitdem das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel" vor einigen Wochen massive Vorwürfe gegen den DFB erhoben hat, sind der Verband und dessen Verantwortliche massiv unter Druck geraten. In der Kritik stehen auch das Krisenmanagement und die Kommunikation.

Der „PR Report" berichtete kürzlich, dass der DFB den Markt nach einer Agentur für Krisenkommunikation „sondiert". Es seien erste Kontakte („informelle Gespräche") zu den PR-Beratungen CNC („Nothelfer beim ADAC" und der Vatikanbank) und WMP Eurocom geknüpft worden, auch wenn ein Auftrag bislang nicht vergeben sei.

Medienberichten zufolge wird zudem erwogen, ein eigenes Ethik-Reglement beschließen und eine nationale Ethik-Kommission zu installieren. Dies solle auf dem DFB-Bundestag im kommenden Jahr geschehen, berichtete die "Welt am Sonntag".

Allein diese Erwägungen zeigen, wie hilflos der Verband und sein Management jetzt sind und vor den wirklichen Mechanismen kapitulieren. In satten Zeiten werden Inkompetenz und Unsicherheit durch dicke Luftpolster verdeckt - in Krisenzeiten reicht ein Piekser, um sie zum Platzen zu bringen. Dann zeigt sich, wer in der Lage ist, Probleme zu lösen und nachhaltig zu handeln.

Nein, es geht nicht nur um die WM-Vergabe 2006 - die Probleme sind komplexer und dadurch auch intern unüberschaubarer. Und so ist es sehr leicht, das Problem auf die Ebene der Ethik zu legen, „die jeder versteht".

Dass wir so nicht weiterkommen in einem System, beschreibt der Volkswirt Hans-Werner Sinn im Rahmen des Nachhaltigkeitskontextes sehr treffend: Denn das ist nicht die wirkliche Erklärung des Geschehens, „weder bei der Finanzkrise noch bei den Umweltthemen".

Wer etwas erreichen will, muss erkennen, „was wirklich die Gründe sind, aber nicht irgendeine angenommene, vermutete Wirkungsweise über die Ethik in den Vordergrund stellen". Oder Krisenkommunikation externen PR-Beratern zu überlassen, deren Honorar im Amateurbereich sicher nachhaltiger angelegt ist.

Worauf es wirklich ankommt

Von 2010 bis 2013 gab es beim DFB eine Kommission Nachhaltigkeit, die allerdings unmittelbar nach dem Ausscheiden von Theo Zwanziger handlungsunfähig „gemacht" wurde. Und das nicht nur vom damaligen Präsidium.

Das mittlere Management wird in Großorganisationen oft unterschätzt - aber es ist der Klebstoff, der alte Strukturen zusammenhält und alles kompliziert macht, was dazu führt, dass das ganze System dümmer ist als „die Summe der Intelligenz der Einzelnen", sagt der Mathematiker und Autor Gunter Dueck.

Die Ergebnisse des „Schwarms" fasst er so zusammen: „... dann kommt etwas zwischen lieblos einfach (funktioniert nicht gut) und komplex-umständlich (funktioniert, verlangt aber zu viel Bedienaufwand) heraus... Warum hört keiner den anderen an? Sie alle verharren in Teilsichten auf das Ganze, sie können im Grunde nicht zusammenarbeiten, weil sie alle etwas anderes sehen." Oder sehen wollen, weil es die eigene Macht sichert.

Solche Führungskräfte bevorzugen häufig mittelmäßige Mitarbeiter, die ebenfalls nicht verstehen, was gute (Nachhaltigkeits-)Arbeit ausmacht, was wiederum dazu führt, dass ein System nicht mehr „exzellent", sondern „mäßig" ist. Und Mittelmaß bleibt unter sich, weshalb in Kommissionen, Arbeits- und Steuerungsgruppen auch kaum von Inhalten und Strategien die Rede ist.

Für die Medien sind die Gesichtslosen „dahinter" uninteressant, aber sie prägen das System und sind die eigentlichen Verhinderer: Direktoren und Abteilungsleiter, die Ergebnisse vor Meetings schon vorher festlegen, die Protokolle bereinigen und in keinerlei Weise an der Entwicklung des Gesamtsystems interessiert sind, sondern an der Bewahrung ihres Status quo.

Die kleinen „Mächtigen" sind nicht zu unterschätzen, weil sie im Hintergrund ungestört ihr internes Wurzelwerk wachsen lassen können. In Krisenzeiten lässt es sich dann nicht so leicht entfernen.

Auch wenn die „lückenlose" Aufklärung der WM momentan im Fokus steht, so wird man nicht umhinkommen, nun auch verstärkt die Organisationsstrukturen des DFB in den Blick zu nehmen, die zugleich Denkstrukturen der „Systemarbeiter" sind. Natürlich gehören interne Kontrollmechanismen überarbeitet - aber es sollte dabei zuerst der Blick aufs Ganze gerichtet werden.

Der DFB ist gleichzeitig unternehmerisch und gemeinnützig. Seinen Organisationsebenen sind national (Bund), regional (Regional- und Landesverbände, Kreise) und lokal (Vereine, Mannschaften/Sportgruppen) verankert. Zu seinen Aufgaben gehört nicht nur die Organisation von Länderspielen und die Begleitung der Nationalmannschaften, sondern auch die Organisation von Wettbewerben, die Frauen-Bundesliga oder der Pokalwettbewerb. Der Verband ist zuständig für die Talentförderung, das Schiedsrichterwesen und die Vermarktung.

Aus diesen Parallelgesellschaften (gemeinnütziger Verein und Wirtschaftsorganisation) ergeben sich verschiedene Probleme. Der Vermarktungs- und Wirtschaftsbereich bewegt sich schneller, vernetzt aber nicht durchgehend das Thema Nachhaltigkeit im Kerngeschäft, das in den vergangenen Jahren auf Direktions-, Abteilungsleiter- und Assistentenebene im „Ehrenamtsbereich" lag, der das Thema nicht ganzheitlich integrierte und rückständig agierte.

Die Beschreibung dieser Parallelwelt bringt das Thema auch in weiteren Zusammenhängen auf den Punkt: „Noch immer fürchten Amateurverbände um ihre Pfründe, während die A-Nationalmannschaft auf ihr Eigenleben besteht. Und noch immer bestimmen zu viele Männer-Bündnisse den Kurs."

Auf der Suche nach Lösungen braucht es keine PR- und Krisenagenturen, die nur bestätigen würden, dass sich der DFB alles leisten kann (nur nicht selber denken) - es genügt ein Blick in aktuelle Nachhaltigkeitsliteratur, die nicht einmal den Fußball als Gegenstand haben, aber das System im übertragenen Sinne hervorragend beschreiben.

So heißt es im Buch „Selbstverbrennung" des Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber:

„Unsere Welt ist voller Systeme mit diesen verschärften Komplexitätseigenschaften; die Beispiele reichen von den selbst organisierten Mustern von Schleimpilzen bis hin zu den subtil strukturierten Ringen des Saturn."

Zivilisatorische Systeme neigten dazu, auf krisenhafte Erscheinungen mit der Verstärkung genau jener Strategien und Praktiken zu reagieren, „welche die Krise überhaupt hervorgebracht haben!"

Wenn etwas aus dem Ruder zu laufen droht, ist die Systemantwort in der Regel von der Voreinstellung geprägt, „dass man sich nicht etwa auf dem falschen Entwicklungspfad befinde, sondern dass man den richtigen Weg nicht entschlossen genug verfolgt habe".

Von Schwarmdummheit zur Schwarmintelligenz

Am System DFB zeigt sich gerade besonders deutlich der gescheiterte Versuch, Komplexität zu begreifen und zu beherrschen. Die längerfristige Zukunft (auch des Fußballs) braucht vor allem „Systemintuition". Was das ist, und welche Maßnahmen es braucht, um das System zeitgemäß anzupassen, damit es sich nicht selbst zerstört, hat DFL-Geschäftsführer Christian Seifert treffend im Bundesligamagazin (11/2015) beschrieben.

Es geht darum, Dinge grundsätzlicher einzuordnen und das Ganze im Blick zu haben. Es geht nicht um einzelne Skandale, sondern um die Rückgewinnung des Vertrauens. Dieser Passus ist richtungsweisend:

„Nicht nur in Deutschland nimmt der Fußball zu Recht die sogenannte Verbandsautonomie für sich in Anspruch, also die Möglichkeit, sich selbst Regeln zu geben. Dieses aufgrund der Vielfältigkeit des Sports sinnvolle, aber auch anspruchsvolle Prinzip hat sich durchaus bewährt. Für mich ergibt sich daraus aber auch die Verpflichtung, die Dinge dann auch eigenständig so zu regeln, dass öffentliche Glaubwürdigkeit und Akzeptanz nicht in Zweifel gezogen werden können. Daran muss gearbeitet werden. Und das beginnt, unabhängig von Größe und Art der Institution, mit der Analyse und dem Überdenken von Management-, Gremien- und Aufsichtsstrukturen."

Das Aufräumen beginnt innen: bei der Führung, Kommunikation und dem Personalmanagement - dabei kann keine Ethikkommission helfen und auch keine Agentur, sondern nur gesunder Menschenverstand. „Schwarmdummheit muss in Schwarmintelligenz gewandelt werden. Dazu muss man gegen die Dummen kämpfen, nicht immer nur gegen die Banditen." (Gunter Dueck)

Literatur:

CSR und Sportmanagement: Jenseits von Sieg und Niederlage: Sport als gesellschaftliche Aufgabe verstehen und umsetzen. Hg. von Alexandra Hildebrandt. SpringerGabler Verlag Heidelberg-Berlin 2015.

Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff. C. Bertelsmann Verlag, München 2015.

Gunter Dueck: schwarmdumm. So blöd sind wir nur gemeinsam Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015.

Nachhaltig führen mit gesundem Menschenverstand. Hg. von Sebastian Gradinger und Robert Rösch. Goldegg Verlag, Wien 2015.

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