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18/12/2015 06:30 CET | Aktualisiert 18/12/2016 06:12 CET

Gelungener Demokratietest: Zum Sieg der Klimadiplomatie

Thinkstock

Schlusskonferenz: Wendepunkt für die Welt


„Lest es!" Diese Aufforderung von Prof. Dr. Hartmut Graßl, der Mitglied im „Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen" war, betrifft nicht nur die Empfehlung des Buches „Schlusskonferenz", sondern auch das, was bis heute durch die Klimadiplomatie auf den Weg gebracht wurde.

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Erfolg und Niederlagen hängen stets auch von der Öffentlichkeit ab, die von ihren Regierungen immer wieder etwas einfordern muss: „Helmut Kohl wollte Umweltthemen hochfahren, weil es in Deutschland eine Bevölkerung gab, die das wollte", so Graßl.

Deshalb sei ein Ruf aus der Gesellschaft für mehr Klimaschutz wichtig: „Es ist die Allgemeinheit, die die politische Agenda bestimmt."

Diese Sätze finden sich im aktuellen Buch „Schlusskonferenz" des Umweltjournalisten Nick Reimer, der erstmals 1995 von einer Klimakonferenz berichtete. Darin gibt er einen lesenswerten Überblick über die „Meilensteine der globalen Völkerverständigung" und 25 Jahre Klimadiplomatie.

Die Verhandlungen in Paris werden hier als großer Demokratietest beschrieben. Wären sie gescheitert, hätte sich die Klimadiplomatie selbst in die „Bedeutungslosigkeit manövriert".

Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte sei ein Prozess über zwei Jahrzehnte transparenter verlaufen als die Klimadiplomatie unter dem Dach der Vereinten Nationen. Nein, es gab keinen anderen Prozess mit solchen nachhaltigen Einflussmöglichkeiten der Zivilgesellschaft auf die Regierungen dieser Welt:

„Jede Interessengruppe hat Zugang zu den Verhandlungen und kann Despoten kontrollieren, Partikularinteressen aufdecken, die Verhandlungen am Rande zu beeinflussen versuchen."

Bei einem Scheitern der Delegierten hätte sich das bewahrheitet, „was am Ende einer jeden Epoche auf die Spezies zukam: Verteilungskämpfe, Überlebenskämpfe, kriegerische Auseinandersetzungen oder Weltkrieg". Doch es kam zum Glück anders.

Große Bescherung in Paris


Erstmals ist es gelungen, ein internationales Klimaschutzabkommen mit 195 Staaten abzuschließen. Industrie- und Schwellenländer sowie die Länder des Südens haben sich verpflichtet, ihre klimaschädlichen Gase zu mindern.

Ab 2020 werden die Staaten alle fünf Jahre neue, ambitionierte Klimaschutzpläne vorlegen. Dafür gilt das verbindliche Prinzip, dass sie nicht abgeschwächt werden dürfen (sondern „ehrgeizig" sein müssen).

Zudem muss jedes Land über seine Treibhausgasemissionen berichten, damit die Fortschritte nicht nur auf dem Papier dokumentiert sind, sondern auch der Realität entsprechen.

Paris wurde nach dem Terroranschlag zum Symbol für Kooperation und Transformation. "Wendepunkt für die Welt", "Zeichen der Hoffnung" oder "historischer Erfolg" zitierten die Medien Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon sprach sogar von einem "monumentalen Triumph für die Menschheit und unseren Planeten".

Wenn das Abkommen umgesetzt wird, „bedeutet das eine Senkung der Treibhausgasemissionen auf Null in wenigen Jahrzehnten", sagt Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Im Buch von Nick Reimer, das unmittelbar vor der Klimakonferenz erschien, ist von der Strahlkraft, die von Paris ausgeht, noch nicht so viel spürbar - es überwiegt zuweilen auch eine Grundtraurigkeit.

Und das ist gut so, denn es hilft, die Euphorie der Freude auf den Boden des Machbaren zu holen und sich immer wieder bewusst zu werden, dass die Erwartungen an solche Konferenzen nicht zu hoch sein dürfen. Denn beschlossen werden kann immer nur, was von allen Staaten mitgetragen wird und was den Statuten der UNO entspricht:

„Bei den Vereinten Nationen besteht die Pflicht zum Konsens. Der kleinste gemeinsame Nenner ist so auch beim internationalen Klimaschutz zum Taktgeber geworden."

Es kann also nur das vereinbart werden, was alle Staaten mittragen. Nach der gescheiterten Klimakonferenz von Kopenhagen entbrannte eine Debatte darüber, ob dies systembedingt war. Das Vertrauen in die Lösungsfähigkeit des UN-Apparates war ebenso gesunken wie die Bereitschaft der nationalen Regierungen zur globalen Kooperation.

Die Frage von Nick Reimer schien vor diesem Hintergrund berechtigt: „Vielleicht können Klimakonferenzen ja gar nicht zu weltweitem Klimaschutz führen?"

Dass die Klimadiplomatie durchaus in der Lage ist, globale Probleme zu lösen, zeigte sich nun auf der COP 21 in Paris. Das ist allerdings erst einmal nur die halbe Wegstrecke, denn alle Staaten müssen den neuen Klimaschutzvertrag in nationales Recht überführen.

Bis spätestens 2050 müssen wir in Deutschland „aus den fossilen Energien aussteigen", sagte Umweltministerin Barbara Hendricks und betonte, dass wir beim Kohleausstieg „ehrgeiziger" und schneller werden müssen.

Darauf zu warten, dass die Politik etwas tut, reicht nicht


Jeder Einzelne kann einen Beitrag leisten. So ruft auch Hans Joachim Schellnhuber zu „persönlicher Teilhabe" auf:

„Gerade die Mobilisierung des Einzelnen auf den unterschiedlichen Ebenen der Gesellschaft wird mit darüber entscheiden, ob der Wandel an Schwung gewinnt oder die Trägheit bestehender Strukturen die Dynamik im Keim erstickt."

Wie aber gehen Unternehmen und Organisationen mit diesen Themen um - jene Systeme, die durch den Einzelnen geprägt werden und die wiederum Einfluss auf ihn ausüben? Nachhaltigkeitsberichte und Broschüren sind keine Garantie dafür, dass sie Mitarbeiter und Führungskräfte auch innerlich erreichen und sie zu Überzeugungstätern machen.

Einen interessanten Ansatz wählte Dr. Sebastian Gradinger, von 2010 bis 2015 Geschäftsführer der Wöhrl Akademie, der Unternehmensakademie der Rudolf Wöhrl AG: Er setzte sich für firmeninterne Haustrainer ein, die zugleich Botschafter und Multiplikatoren anstehender Neuerungen waren. Dabei lag ihm sehr daran, auch „Nachhaltigkeit in den Führungsalltag zu integrieren" (Harvard business manager, Sonderheft 2016).

Im Wort Handel steckt für Gradinger vor allem „Aktion" - und die braucht es, um innere und äußere Veränderungen anzustoßen.

Unternehmen, deren Kern die Nachhaltigkeit ist (wie beispielsweise die memo AG), sind Partner verschiedenster Umweltorganisationen, Unternehmensverbände und Initiativen, die das Thema gemeinsam bewegen. Seit 2008 ist der Öko-Pionier Unternehmenspartner von Utopia und war 2009 Erstunterzeichner des Changemaker-Manifests.

Es enthält zehn Versprechen, sogenannte „Commitments", die alle Schlüsselthemen nachhaltigen Wirtschaftens umfassen: von der Energieeffizienz über Klimaschutz bis hin zu Sozialstandards in der Wertschöpfungskette.

„Zu allen Commitments werden konkrete, messbare Ziele und Maßnahmen hinterlegt. Das Anspruchsniveau der Selbstverpflichtungen wird durch ein unabhängiges Experten-Netzwerk der Utopia Stiftung überprüft", sagt Claudia Silber, Leiterin der Unternehmenskommunikation beim Öko-Versender.

Im Rahmen der eigenen Möglichkeiten wird regelmäßig die Entwicklung innovativer Lösungskonzepte zur Förderung des Nachhaltigkeitsgedankens unterstützt. Dazu gehören öffentliche Forschungsprojekte, Veranstaltungen und Aktionen zu den Thema Klima und Umwelt.

Der Schwerpunkt liegt vor allem auf Projekten, „die im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung jungen Menschen das Thema näherbringen und sie für die Bedeutung von Umwelt und Klimaschutz sensibilisieren", so Silber.

Handel(n) und Teilhaben


Zwischen Beruf und Privatleben trennt die Nachhaltigkeitsexpertin Claudia Silber nicht, wenn sie sagt, dass jeder einzelne Mensch (vor allem in den hochentwickelten und Schwellenländern) durch sein tägliches Verhalten zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen kann. Damit schlägt sie die Brücke zum Ansatz der Teilhabe, wie ihn Hans Joachim Schellnhuber versteht.

Allerdings müssen dafür „gewohnte Routinen geändert, Entscheidungen sorgfältig getroffen sowie ökologische und soziale Folgen unseres Handels für nachfolgende Generationen bewusst gemacht werden".

Diesem Ansatz folgt das Projekt „2050 - Dein Klimamarkt" der gemeinnützigen Klimaschutzagentur für das Land Bremen: Energiekonsens. Das innovative Ausstellungs- und Kommunikationskonzept zeigt, wie wir in lokalen Strukturen klimafreundlicher im Alltag handeln können - ohne erhobenen Zeigefinger, sondern durch sinnliche Zugänge und haptische Vermittlung.

Hinterfragt werden Alltagsroutinen der Besucher: Kennen wir die klimarelevanten Auswirkungen unseres Einkaufs auf die Umwelt? Wie gelingt es, Erkenntnisse in klimaschonendere Einkaufsroutinen zu überführen? Woran sind ökofaire Textilien zu erkennen? Was muss beim Wechsel zu einem Ökostromanbieter beachtet werden?

Herzstück ist ein Pop-up-Laden aus Pappe, der als Zwischennutzung durch leer stehende Geschäfte tourt: Warenmodule zu verschiedenen Themenbereichen (Lebensmittel, Kleidung, Haushaltswaren, elektronische Produkte), Sitzlandschaften, Kassentresen, Stempelstationen bilden das Innere des Ladens, der von Stadtteil zu Stadtteil wandert.

Das Prinzip des Einkaufens wird auf eine CO2-Sparausstellung adaptiert. Aktionsschilder im Laden vermitteln nützliche Tipps zum Klimaschutz.

Das sind zwar kleine Schritte im Vergleich zum Meilenstein in Paris, aber sie machen uns klar, wie groß unsere Aufgabe ist.

Literatur:

Nick Reimer: Schlusskonferenz. Geschichte und Zukunft der Klimadiplomatie. Oekom Verlag, München 2015.

Shoppen für das Klima. Wie „2050 - Dein Klimamarkt" nachhaltigen Konsum erlebbar macht. Hg. von energiekonsens - die Klimaschützer. Oekom Verlag, München 2015.

Umweltsünder USA: So versucht Obama mit seinem Volk das Klima zu retten

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