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04/03/2016 11:40 CET | Aktualisiert 05/03/2017 06:12 CET

Das neue Fräuleinwunder: Zur Wiederkehr eines tugendhaften Begriffs

Wahrheit im Kern

Der Glanz der Tugendhaftigkeit zieht verstärkt wieder in unseren Alltag ein. So ist Höflichkeit das neue Parfüm, mit dem wir zeigen, dass wir nicht stinken. Und schöne Kleidung ein Statement gegen die Gräuel dieser Welt.

Wenn wir im Großen schon nichts ändern können, dann wenigsten im Kleinen, das sich vielfach in der „guten alten Zeit" findet, der sich seit Jahren auch der Musiker Max Raabe und sein Palastorchester widmet. Er singt Lieder von Textdichtern und Komponisten der Zwanziger und Anfang der Dreißigerjahre. Dazu gehören auch Gassenhauer der Comedian Harmonists.

Das ist keine Unterhaltung als „Masche", kein Nostalgiefimmel, sondern Wahrheit „im Kern", wie er sagt. Er lenkt in Krisenzeiten wie diesen nicht ab, sondern zu etwas hin: „Gelassenheit, Genauigkeit und Manieren." (Michael Zirnstein: Wahr im Kern, in: Süddeutsche Zeitung, 20./21.2.2016)

Dieses Anliegen verfolgt auch Miriam Dovermann, Chefredakteurin des Magazins „Der Vintage Flaneur", das im Verlag für Lebenskultur in Königswinter erscheint:

„Der Flaneur lebt davon, dass er seine Felder zwischen Polen aufspannt: zwischen früher und heute, digital und analog, innerer und äußerer Schönheit, Spaß und Nachdenklichkeit, Aussehen und Geist", schreibt sie im Editorial der aktuellen Ausgabe. Während die Schwerpunkthemen von Heft zu Heft wechseln, bleibt eines gleich: das Fräulein Dovermann.

Denn die Chefredakteurin unterschreibt grundsätzlich ihr Editorial mit „Ihr Frl. Miriam Dovermann". Das wirkt zunächst wie ein aus der Zeit gefallenes Relikt, denn der Begriff Fräulein verschwand irgendwann lautlos in den 1980er Jahren wie die „Fernsehansagerinnen".

Die neue Unschuld

Im Gegensatz zu den Fernsehansagerinnen scheint das Fräulein heute wieder „Karriere" zu machen, wenngleich der Salzburger Autor Karl-Markus Gauß in seinem aktuellen Buch „Vom Alltag der Welt.

Zwei Jahre, und viele mehr" (Paul Zsolnay Verlag, 2015) dem Fräulein bescheinigt, dass ihm der Glanz der Tugendhaftigkeit abhandengekommen sei:

„... denn alleine für sich zu leben heißt längst nicht mehr, sich in sexueller Selbstdisziplinierung zu üben; und die männerlose Existenz, die heute aus guten Gründen sogar mehr Frauen als früher anstreben, hat nichts mit der Hilfsbedürftigkeit zu tun, unter die das Fräulein gestellt war."

Für ihn war das Fräulein ein „Objekt", das ritterlichen Schutzes bedurfte. Und genau das wird sich die emanzipierte alleinstehende Frau von heute verbitten. Er sieht darin ein Opfer, „das der Emanzipation der Frauen dargebracht werden musste" und verweist darauf, dass „man" dem Fräulein heute eigentlich nur noch eher in der Gastronomie begegnet.

Mit dem Begriff ist bei Gauß auch die Unschuld vom Lande und eine bestimmte eine Lebenshaltung verbunden, der Berechnung fremd ist. Allerdings:

„Da die Metropolen heute in lauter Dörfer zerfallen und auf dem Land vierzig Programme des Satellitenfernsehens zu empfangen sind, hat die Unschuld vom Lande ihren gesellschaftlichen Ort verloren."

Dem Engagement von Menschen wie Miriam Dovermann ist es zu verdanken, dass sich Reinheit und Unschuld gerade nicht verlieren, sondern eine Heimat finden in unserem von der Globalisierung geprägten Alltag.

Wenn Karl-Markus Gauß in seinem Buch vom Glanz spricht, der auf unscheinbaren Gegenständen liegt, so gilt das auch für das Fräulein, wenngleich es ein Mensch und kein Objekt ist. Der Gegenstand ist hier das Thema an sich.

Was hat Miriam Dovermann veranlasst, wieder ein „Fräulein" zu werden? - Ihre erste Eingebung war, das Thema abzutun. Es war vornehmlich eine „gefühlsästhetische" Entscheidung, um dem Kunden ein bestimmtes Gefühl zu vermitteln, gleich wenn er auf ihr Unternehmen aufmerksam wird, den Hintergedanken an „Vintage" zu wecken.

Glanz im Alltag der Welt

Ihr wurde jedoch schnell klar, dass diese erste Eingebung, so sehr sie für die eigenen Anfänge stimmte, inzwischen nicht mehr zutrifft.

Oft ist sie auf den Begriff des Fräuleins angesprochen worden - auch vielfach kritisch:

„Ich habe zwar auch für Skeptiker die grundlegende Berechtigung, diesen ‚Titel' zu tragen, da ich nicht verheiratet bin. Jedoch bin ich über 30, habe eine kleine Tochter, lebe in einer Lebensgemeinschaft und überhaupt, sei der Begriff nicht furchtbar frauenfeindlich, die ‚kleine', nicht ernst zu nehmende Frau?!? Und wie vernünftig ist solch ein Spiel mit Worten in der Geschäftswelt, macht man sich dort nicht unseriös, eben nicht ernst zu nehmen, wenn man von den klassischen Anreden abweicht?"

Vielleicht waren es gerade diese Kritiken, die sie dazu bewogen haben, beim „Fräulein" zu bleiben, obwohl sie zwischendurch häufig darüber nachgedachte, das zu ändern und auf „Frau Dovermann" umzuschwenken. Aber das „Fräulein" steht für sie doch für mehr, als ihr zunächst bewusst war:

Nicht mehr für die profane Unterscheidung zwischen „jung" und „alt" oder „verheiratet" und „unverheiratet". Da stimmt sie mit den feministischen Bewegungen überein:

„Mein Stand geht niemanden etwas an und wir haben es Gott sei Dank nicht mehr nötig, uns über eine Heirat zu definieren."

Aber es ist das, was sie beim Flaneur-Magazin macht: Sie nimmt auf, was ihr das Leben an Material gibt und versucht unter Einbeziehung von allem, was ihr in den Weg kommt, das Schönste und Beste daraus zu machen (im Falle des Flaneurs v.a. auch unter Einbeziehung von Nostalgie).

Fräulein und neue Freiheit

Es ist für Miriam Dovermann wie mit Kleidern, die schön sind und in denen sie sich hübsch und weiblich fühlt. Im Gegensatz zu ihren Vorfahrinnen kann sie frei entscheiden, wie sie sich kleidet, ihre meine Freiheit ist grenzenlos, und sie muss auch keine untergeordnete Stellung zum Mann beziehen, wenn sie das Schöne von früher und das Schöne von heute vereint:

„Diese Freiheit empfinde ich übrigens als wahrhaft feministisch, denn erst wenn ich wirklich die Wahl - sagen wir zwischen Hose und Kleid treffen darf - und mir keiner (weder Mann noch Frau) dort hineinredet, bin ich wirklich frei."

Sie mochte das Wort Fräulein einfach - möglicherweise weil sie eine Träumerin ist und bleiben will und sich vor dem erwachsenen „Frau D." sträubt. Es entspricht ihrem Selbstbild am besten und ist ihre Art, „das Spiel, das sich Leben nennt, als solches zu begreifen und zu spielen".

Am Ende sammelt sich alles Namentliche (ob Frau oder Fräulein) in dem, was auch Max Raabe als Wahrheit im Kern bezeichnet und was dem Tun von „Fräulein Dovermann" zugrunde liegt: Ihre Antwort auf Kants Frage „Was soll ich tun?"

„Versuchen, glücklich zu sein".

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