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08/05/2015 07:06 CEST | Aktualisiert 08/05/2016 07:12 CEST

Darf man mit Tieren wie mit Waschmaschinen umgehen?

Thinkstock

Die Wegwerfkuh

Der Titel des aktuellen Buches von Tanja Busse verweist nicht nur darauf, wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert und Ressourcen verschwendet, sondern auch auf uns selbst und eine Hochleistungsgesellschaft, in der Effizienz das Ergebnis einer falschen Rechnung ist.

Unterm Strich bleiben gehetzte und erschöpfte „Mitglieder einer Leistungsgesellschaft", die im Burn-out enden. Das Buch lädt dazu ein, sich wieder mehr darüber Gedanken zu machen, ob es vielleicht nicht klüger sein könnte, etwas Leistungsdruck aus dem System zu nehmen, um damit effizienter, nachhaltiger und tiergerechter zu wirtschaften. Der Schlüssel dafür liegt in einer Entkopplung von Wertschöpfung und Naturverbrauch.

Eine Kultur, die die Natur nutzt, ohne ihr Schaden zuzufügen, ist an Effizienzsteigerung gar nicht interessiert, denn ihre Mitglieder befinden darüber, was sie für ihre Vorstellung von einem guten Leben brauchen und bestimmen danach, was sie für einen Mitteleinsatz benötigen. Nachhaltiges Wachstum beginnt zuerst im Kopf: „vom Denken in linearen Produktionsketten zum Design von Stoffkreisläufen" (Ralf Fücks).

Die gezüchteten „kraftfutterverwertende Hochleistungskühe", von denen jede einzelne mehr Milch gibt als ihre vier Urgroßmütter zusammen, sind zugleich das Spiegelbild einer Gesellschaft, in der das Wegwerfen zum Prinzip gehört:

„Alles, was nicht in die Handelsklassen passt, sortieren Verarbeiter und Händler aus. Und am Ende der Kette stehen die Konsumenten, die jedes achte gekaufte Lebensmittel in den Müll werfen."

Das war der Anlass für das Buch von Tanja Busse, in dem sie sich der Frage widmet, ob die Wegwerfkuh ein Managementfehler ist oder die Folge einer Wirtschaftsform, deren Akteure auf der Jagd nach neuen Leistungsrekorden vom Weg abgekommen sind:

„Rechnet es sich in der modernen Landwirtschaft, Tiere wegzuwerfen? So wie es sich in der modernen Konsumgesellschaft rechnet, kaputte Waschmaschinen wegzuwerfen und sich neue zu kaufen, weil sich die Reparatur nicht lohnt?"

Natürliche Stoffkreisläufe: Mist statt Müll

Immer wieder wird im Buch darauf verwiesen, dass die alte Landwirtschaft Stoffkreisläufe kannte, in der es Mist gab, aber keinen Müll. „Etwa zehntausend Jahre lang haben die Menschen eine solare Landwirtschaft betrieben, die weder Energieinput von außen brauchte noch Abfälle produzierte. Dann fanden die Chemiker Haber und Bosch heraus, wie man Stickstoff aus der Luft gewinnen und zu Kunstdünger verarbeiten kann.

Damit begann die große Energieverschwendung der Landwirtschaft, die bis zum heutigen Tag anhält. Längst sind die Böden so überdüngt, dass überall dort, wo zu viele Tiere gehalten werden, Stickstoff ins Grundwasser sickert."

Nein, Tanja Busse plädiert nicht dafür, die Vergangenheit wieder heraufzubeschwören, in der das Vieh im Winter im Stall beinahe verhungert wäre. Vielmehr geht es ihr darum, sich heute auch an das bäuerliches Erbe zu erinnern, zu dem es beispielsweise auch gehört, dass junge Kälber nicht einfach getötet werden.

Verstärkt berichten auch die Medien über das Thema, aber leider nicht immer differenziert (mit Ausnahme der Fachmedien im Biobereich): „Antibiotika-Gefahr aus dem Stall" (Schrot & Korn 5/2015), „Aufbruch im Stall" (DIE ZEIT 14/2015) oder „Kälber für die Tonne" (DER SPIEGEL 18/2015).

Das Buch von Tanja Busse ist vor diesem Hintergrund besonders wichtig, weil es auch dazu einlädt, sich mit Begriffen und Themen tiefer auseinanderzusetzen und sich nicht mit ihrer Oberfläche zufriedenzugeben. Dazu gehören auch viel gebrauchte Begriffe aus der Managementsprache - beispielsweise Resilienz.

Das Wort bezeichnet im Kontext von Tanja Busse nämlich das Gegenteil von dem, was die Intensivlandwirtschaft mit ihren vielfältigen Risiken praktiziert: „Ein Kalb, das im Alter von wenigen Wochen über Stunden und Tage transportiert wird, um dann mit vielen anderen Kälbern aus vielen anderen Ställen auf engem Raum eingepfercht zu werden, ist nicht resilient, sondern anfällig.

Es braucht Antibiotika, um auf den Beinen zu bleiben. Und wenn die neue, schärfere Gesetzgebung die Antibiotikagaben einschränkt, hat die Branche ein Problem (das Kalb sowieso). Eine Kuh, die sehr jung ihr erstes Kalb bekommt, um als Hochleistungssportlerin in der Produktion zu gelten, ist Krankheiten gegenüber nicht widerstandsfähig."

Die Lösung liegt im Herzen

Das Buch ist nicht nur hervorragend recherchiert, sondern bereichert auch die Nachhaltigkeitsdebatte und ist zugleich eine Gebrauchsanweisung zum guten Leben. Niemals phrasenhaft, niemals mit erhobenem Zeigefinger, sondern berührend im Erzählen von Geschichten, auf die wir nicht verzichten können, weil wir sonst auf uns selbst verzichten würden.

Bloße Fakten reichen nach Ansicht von Tanja Busse nicht aus, um Nachhaltigkeitsthemen zu vermitteln. Ohne starke Bilder im Kopf und wahrhaftige Geschichten, wie Ernährung und Landwirtschaft in Zukunft sein sollten und „welche Rolle wir alle dabei spielen möchten", spüren wir nicht, dass sie uns persönlich angehen.

Sie ist davon überzeugt, dass kleine Schritte der richtige Weg sind. Dazu gehört es beispielsweise, einmal in der Woche gutes Fleisch zu essen, statt jeden Tag Billigwürste in sich hineinzustopfen. Das ist für viele Menschen überzeugender als ein Verbot. Der ökologische Gestus des „Du darfst nicht" bewirkt eher das Gegenteil.

Nein, eine Lösung liegt nicht im technischen Bereich. Sie ist viel einfacher zu finden: in unserem Herzen. „Wir sollten Überlegungen zur Finanzierbarkeit und ökonomischen Machbarkeit einen Moment ausblenden und von dem ausgehen, was wir uns wünschen", schreibt Tanja Busse.

Ihrer Ansicht nach sind es gerade Tierrechtler und Veganer, die eine große Erzählung von der Zukunft unseres Essens und der Landwirtschaft haben: „Kein Tier soll mehr leiden. Die Tiere sind unsere Freunde. Wir werden sie nicht mehr quälen. Sie haben ein Recht darauf, anständig behandelt zu werden."

Leider gibt es allerdings einen „rhetorischen Dreiklang", den die Autorin in ihren Recherchen und Vorträgen immer wieder spürte und auch heute noch erlebt. Die fortschritts- und technikorientierten Anhänger der modernen Landwirtschaft wehren alle kritischen Bemerkungen geradezu reflexhaft ab:

1. Der Landwirt ist realistisch und sachlich.

2. Der Kritiker ist emotional, unsachlich und hat keine Ahnung.

3. Er urteilt aufgrund von romantischen Vorstellungen und/oder Ideologien, die nichts mit der echten Welt zu tun haben.

Nach Ansicht von Tanja Busse sind die Verbände und viele Landwirte sehr damit beschäftigt, Kritik aus den Medien und der Öffentlichkeit abzuwehren, „dass sie darüber den kritischen Blick auf ihre Branche völlig verloren haben".

Dennoch macht dieses Buch Hoffnung, denn es kommen auch die verantwortungsbewussten Konsumenten ins Spiel, die ihren Teil zu einer nachhaltigen Wende beitragen und als Wähler „Rahmenbedingungen für diesen Wandel von der Politik einfordern müssen".

In diesem Spannungsfeld muss nach Tanja Busse auch die Debatte über die Zukunft unserer Landwirtschaft angesiedelt werden - nicht vor den Hoftoren eines einzelnen Landwirts.

Ihr Buch sollte im besten Wortsinn „aufgelesen" werden - es findet sich auch in den Zeilen des Philosophen Peter Sloterdijk: „Das bloße Weitermachen ist kriminell, die bloße Verzichtsethik ist naiv. Dazwischen liegen die intelligenten Wege."

Zur Person:

Tanja Busse, Jahrgang 1970, studierte Journalistik und Philosophie on Dortmund, Bochum und Pisa. Sie promovierte 2000 mit einer Arbeit über die Massenmedien ("Weltuntergang als Erlebnis. Apokalyptische Erzählungen in den Massenmedien vor der Jahrtausendwende"). 2001 erschien "Melken und gemolken werden. Die ostdeutsche Landwirtschaft nach der Wende". Sie moderiert die Sendung „Neugier genügt" auf WDR 5 und schrieb wichtige Artikel über Verbraucherschutz und Landwirtschaft in der DIE ZEIT, für das „Greenpeace Magazin" und für utopia.de. Ihr Buch „Die Einkaufsrevolution" (2006) wurde ein Longseller. Auch „Die Ernährungsdikatur" (2010) erlangte hohe Resonanz. „Die Wegwerfkuh. Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert, Ressourcen verschwendet und was wir dagegen tun können" erschien im Blessing Verlag.


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