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22/12/2015 06:13 CET | Aktualisiert 22/12/2016 06:12 CET

Warum Katar „lebensfeindlich" ist

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Kein Klimawandel in Katar

Die Vergabe der Fußball-WM 2022 nach Katar wird im Vorfeld scharf kritisiert. Die ausländischen Unternehmen würden "unterbezahlte Arbeiter ausbeuten" und wie "moderne Sklaven" ausnutzen, heißt es in einem am 16. Dezember in Brüssel veröffentlichten Bericht der Internationalen Gewerkschaftsunion ITUC.

Darin korrigiert der Verband seine Prognose, dass bis zum Start des Turniers im Emirat 4000 Bauarbeiter ums Leben kommen werden.

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"Bis zu 7000 Arbeiter werden sterben, bevor überhaupt ein Ball während der Weltmeisterschaft 2022 gespielt werden wird", so der Gewerkschaftsbund, der die Quelle dieser Angabe allerdings nicht belegt.

15 Milliarden Dollar Gewinn


Die in Katar mit Infrastrukturprojekten beauftragten Unternehmen würden etwa 15 Milliarden Dollar (13,8 Milliarden Euro) Gewinn machen, obwohl den Verantwortlichen bekannt ist, dass die Profite vor allem auf die niedrigen Löhne und geringe Sicherheitsvorkehrungen zurückzuführen sind.

Außerhalb von Katar profitierten Unternehmen ebenfalls vom sogenannten Kafala-System: Danach kann ein Unternehmen den Angestellten unter anderem untersagen, den Arbeitgeber zu wechseln oder das Land zu verlassen.

In den vergangenen Monaten verwies die Regierung in Doha auf Reformen, die eine fristgerechte Bezahlung der Arbeitskräfte sowie verbesserte Unterbringungs- und Sicherheitsbedingungen gewährleisten sollen. Unternehmen dürfen demnach auch nicht mehr die Pässe der Arbeiter einbehalten. Das Kafala-System soll verboten werden.

Dass Katar Kriterien der Nachhaltigkeit (Ökonomie, Ökologie und Soziales) nicht erfüllt, zeigt ein ganzheitlicher Blick auf das Wüstenemirat, das auch ein Sinnbild des Klimaproblems ist.

Hier wachsen ein paar Oasen - weiter nichts. Mit weniger als 70 Millimeter Regen im Jahr gehört Katar zu den trockensten Landschaften der Erde.

Katar als "lebensfeindliche" Halbinsel


Der Umweltjournalist bezeichnet diese Halbinsel sogar als „lebensfeindlich". Sie ist elfmal so groß wie Rügen. Anfang des 19. Jahrhunderts lebten hier weniger als 50.000 Menschen, darunter vor allem sehr arme Fischer.

Und dann? Öl und Erdgas wurden entdeckt und gefördert, „Städte und Autobahnen entstanden, Stahlwerke und Wasserentsalzungsanlagen, Walmarts und Wolkenkratzer, schließlich Wasserschlösser und Wiesen in der Wüste".

Dieser Reichtum, weist er in seinem Buch „Schlusskonferenz" nach, wurde durch das kostenlose Abladen von Treibhausgasen in der Atmosphäre erkauft.

Die Lebensweise der reichsten Menschen der Welt ist zugleich die klimaschädlichste: Statistisch gesehen, „ist jeder Katarer für mehr als 40 Tonnen Kohlendioxidäquivalente verantwortlich, viermal so viel wie ein Deutscher".

Der Blick auf Katar könnte hoffnungsvoll sein.

Dabei könnte der Blick auf Katar durchaus hoffnungsvoll sein - auch und gerade nach der erfolgreichen Klimakonferenz in Paris: Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien bescheinigt Katar nämlich beste Bedingungen für Sonnenkraft. Das Land sei mit 360 Sonnentagen im Jahr und täglich neun Sonnenstunden geradezu prädestiniert für die Produktion von Solarstrom.

Aber, fragt Nick Reimer, „warum sollten ausgerechnet die Scheichs mit ihren riesigen Vorräten an Erdgas und Erdöl irgendetwas ändern wollen am Energiesystem, das ihnen so viel Reichtum doch erst bescherte?"

Warum die Fifa Katar die WM entziehen soll


Umweltthemen waren auch Bestandteil der DFB-Ausrichtung unter dem damaligen DFB-Präsidenten Dr. Theo Zwanziger, der Gesellschafts- und Umweltthemen nicht getrennt hat. Für den Bereich Umwelt war Claudia Roth in der DFB-Kommission Nachhaltigkeit zuständig.

Damit verbunden war auch eine von ihr geleitete AG Umwelt. Die Kommission Nachhaltigkeit und die ihr zuarbeitenden AGs wurden zum DFB-Bundestag im Herbst 2013 „aufgelöst".

Bis Mai 2015 war Zwanziger Mitglied des Exekutivkomitees des Fußball-Weltverbandes Fifa und leitete dort die „Taskforce Katar". Nun hat auch er erneut die Zustände in Katar öffentlich kritisiert: Die Fifa sollte dem Wüstenstaat die WM entziehen:

„Ich hatte zwischenzeitlich die Hoffnung, dass sie sich aufraffen und tatsächlich etwas verändern. Sie wären auch in der Lage, aber sie wollen einfach nicht", sagte er im Gespräch mit der „Welt", in dem er auch die „Arroganz der Katarer" kritisierte, „ihre Vorstellungen ohne moralische und ethische Grundlagen durchbringen" zu wollen.

Die Versprechen sind nur Schönfärberei und der Glaube, mit Glanz und Gloria andere Menschen einnebeln zu können.

Er stellte resigniert fest, dass sich „unsere Maßstäbe nicht auf Katar anwenden lassen". Die Zusage des Regimes, das Arbeitsrecht reformieren zu wollen, hält er für wertlos:

„Die Versprechen sind nur Schönfärberei und der Glaube, mit Glanz und Gloria andere Menschen einnebeln zu können. Aber das funktioniert nicht."

Zwanziger regte einen Fan-Boykott des Turniers an. „Ich würde als Fan nicht zur WM nach Katar fahren. Ethisch ist ein solcher Besuch nicht zu begründen." Allerdings sei ein Boykott rechtlich nicht einfach - deshalb wäre es seiner Meinung nach am besten, „wenn die neue Fifa-Führung Katar die WM entzieht."

"Baustelle Menschenrechte: Die Fußball-Weltmeisterschaften in Russland und Katar"

Die Relevanz von Menschenrechten, Handlungsoptionen und Beschwerdemechanismen sowie etablierte Maßnahmen und Projekte werden auch Schwerpunkt Gegenstand des Akademie-Kongress Fußball und Menschenrechte (Nürnberger Gespräche zur Fußball-Kultur, No. 9) sein, der vom 15. bis 16. Januar 2016 in Nürnberg stattfindet.

„Vermittelt werden Informationen zur Relevanz von Menschrechten im Fußball und bringt Engagierte aus Sport, Zivilgesellschaft und Medien zusammen. Vier Workshops widmen sich den Themen Empowerment, Sportartikelindustrie, Fanrechte sowie Inklusion von Menschen mit Handicap", so Birgitt Glöckl von der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur.

Am 15. Januar 2016 findet um 19.30 Uhr im Historischen Rathaussaal Nürnberg eine Diskussionsveranstaltung mit dem Titel statt: "Baustelle Menschenrechte: Die Fußball-Weltmeisterschaften in Russland und Katar".

Begrüßung und Einführung: Dr. Ulrich Maly, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg

Podiumsdiskussion mit:

Claudia Roth, Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestags

Prof. Dr. Dr. hc. Mark Pieth, Strafrechtsprofessor und ehemaliger Leiter der FIFA-Reformkommission

Sylvia Schenk, Leiterin AG Sport Transparency International Deutschland

Helmut Spahn, Generaldirektor International Centre for Sport Security, Doha, Katar

Moderation: Jörg Jakob, Leiter Chefredaktion kicker-sportmagazin

Eingebettet ist die Podiumsdiskussion in den zweitägigen Kongress "Fußball und Menschenrechte" (15./16. Januar, Jugendherberge Nürnberg).

Die Veranstaltung ist öffentlich. Es wird allerdings um eine formlose Anmeldung an info@fussball-kultur.org bis zum 11. Januar 2016 mit dem Betreff „Baustelle Menschenrechte" gebeten. Informationen zum Kongress gibt es hier.

Weitere Informationen:

Theo Zwanziger: Katar sollte WM 2022 entzogen werden

Krankenakte Katar: „Krebsgeschwür" im System

Gelungener Demokratietest: Zum Sieg der Klimadiplomatie

Recht auf Menschenrecht

Nick Reimer: Schlusskonferenz. Geschichte und Zukunft der Klimadiplomatie. Oekom Verlag München 2015.

CSR und Energiewirtschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016.

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