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13/09/2015 13:50 CEST | Aktualisiert 13/09/2016 07:12 CEST

Warum es wichtiger ist, etwas zu leisten, als etwas zu sein

thinkstock

Als der Sänger und Songwriter Mark Forster am 29. August 2015 den Bundesvision Song Contest 2015 für Rheinland-Pfalz mit seinem Lied „Bauch und Kopf" gewann, erhielten alle, die den Wettbewerb verfolgten, zugleich einen Einblick in die Seele der Generation Y. Mark Foster, Jahrgang 1984, sang sich in die Herzen der Zuschauer: „Bauch sagt zu Kopf ja, doch Kopf sagt zu Bauch nein / und zwischen den Beiden steh ich". Dann „schüttelt er sich", heißt es weiter, „und weiß nicht":

„... ich hab Flausen im Kopf und Hummeln im Arsch

ich hab immer was vor, bin immer verplant

doch wird's mal still um mich dann komm'n die Geister hoch".

Damit spricht er aus, was viele Menschen seiner Generation empfinden, aber nicht aussprechen können, weil sie sich zwischen Gefühl und Verstand gefangen fühlen.

Sie wollen auf ihr Bauchgefühl vertrauen, können aber nicht loslassen, weil ihnen oft vermittelt wurde, dass es besser ist auf das zu vertrauen, was sie von außen steuert.

Dass es wichtiger ist, etwas zu leisten als etwas zu sein oder zu werden.

Der „Autopilot-Modus" unterdrückt ihr Bauchgefühl. In solchen Momenten zeigen sich im Song die „Geister".

Resilienz-Experten wie Prof. Jutta Heller sind davon überzeugt, dass wir das Bauchgefühl brauchen, ja dass es sich sogar trainieren lässt, indem damit begonnen wird, mehr auf die eigenen „Gefühle und Bedürfnisse zu achten". Resilienz-Experten unterstützen Menschen darin, wieder „vom Kopf in den Bauch" zurückzukehren und zur Ruhe zu kommen.

Um das zu vermitteln, werden vielfach Tiermetaphern genutzt. Stellvertretend für viele seien hier zwei ausgewählt, weil die Botschaft ähnlich ist:

Es geht darum, die Natur in sich wiederzuentdecken, selbstbestimmt zu handeln und einen achtsamen Umgang mit sich selbst und anderen zu lernen. Aber auch, in der Gegenwart zu leben, was ohne Bauchgefühl nicht möglich ist.

Tierische Vorbilder

Für die Autorin Beate Pracht sind Lamas beispielsweise Vorbilder „an Herzfitness": Sie gehen tagelang ohne zu ermüden und verausgaben sich nicht. Und sie erreichen sogar den Gipfel.

Diese Herdentiere haben ein untrügliches Gefühl für die richtige Nähe und Distanz. Sie machen „einen kleinen Schwung zur Seite" und schauen sich dann die Situation erst einmal an. Sie gehen unvoreingenommen und vertrauensvoll auf andere zu, ohne sie zu bedrängen. Sie sind einfach nur da und aufmerksam.

„Interpretationen und taktische Spielchen" kennen sie nicht - sie bleiben immer natürlich, haben ihren eigenen Kopf (!) und lassen sich nicht bestechen.

Beate Pracht verweist darauf, dass das tibetische Wort „Lama" Lehrer oder Meister bedeutet. Auch wenn dieses Tier nicht aus Tibet kommt und mit dem Dalai Lama verwandt ist - für die Autorin ist das Lama ein großartiger Lehrer für alle, die ein erfülltes Leben führen möchten. Das von ihr entwickelte „LAMA-Prinzip" lautet: „Lebe Achtsam, Mutig und Authentisch."

All das sind Eigenschaften, die ein Lama nicht nur verkörpert, sondern wirklich ausmacht. Die Verbindung von Bauch, Kopf und Resilienz erklärt sie mit dem Bild einer Weide im Wind: „unten stabil und oben weich und nachgiebig. Der Körperschwerpunkt schwebt unterhalb des Bauchnabels in der Körpermitte und gewährleistet eine sichere Haltung."

Auch Jutta Heller verbindet mit einer Tier-Metapher ihr Herzensthema Resilienz in ihrem aktuellen Büchlein „Das wirft mich nicht um", das vom Illustrator Kai Pannen liebevoll und treffend in Szene gesetzt wurde.

Sie zeigt darin, dass es faszinierende und sympathische, aber auch standfeste und flexible Tiere sind. Bei den Menschen hilft hier Resilienz, die in der Psychologie mit der Fähigkeit beschrieben wird, „sich aus jeder beliebigen Lage wieder aufzurichten - durch den Rückgriff auf eigene Ressourcen".

7 Resilienz-Schlüssel und 7 Känguru-Qualitäten nach Jutta Heller

1. Akzeptanz:

Mit Unabänderlichem müssen sich Menschen abfinden. Vorbei ist vorbei.

Das Känguru ist ein Meister der Veränderungen, lange Zeit lebt es im Beutel der Mutter, bis es nicht mehr zurück kann und selbstständig wird.

2. Optimismus:

Auch wenn etwas schwierig ist, können Menschen darauf bauen, dass es wieder besser wird und sich auf Positives für die eigene Stärkung fokussieren.

Hoch aufgerichtet fühlt das Känguru sich stark, nichts kann es dann aus der Bahn werfen.

3. Selbstwirksamkeit:

Mit Anspannung und Entspannung können Menschen dafür sorgen, dass sie ihr Leben selbst steuern können. Wichtig sind dafür speziellen Stärken und das eigene Selbstwertgefühl.

Das Känguru balgt voller Lebensfreude mit seinen Artgenossen, kann aber auch mal entspannt „abhängen".

4. Eigen-Verantwortung:

Wenn Menschen bewusst wahrnehmen, was sie zu einer Situation beitragen und was der Beitrag und die Sichtweise anderer ist, dann können sie eher unterstützende Bewertungen und Glaubenssätze für sich nutzen.

Ein Känguru verlässt sich auf seine Sinne und schätzt deshalb die Situation immer wieder neu ein, reagiert also flexibel auf seine Umwelt.

5. Netzwerk-Orientierung:

Zusammen geht alles besser.

Kängurus leben in Gruppen zusammen und sorgen als Rudeltiere für guten Kontakt zu den anderen.

6. Lösungs-Orientierung:

Es gibt immer mehrere Möglichkeiten und Chancen, um Schwierigkeiten zu klären.

In den kargen Zonen Australiens nutzt das Känguru jede Chance zur Wassergewinnung, vertraut dabei aber auch immer wieder auf seine Fähigkeit, eine Lösung zu finden.

7. Zukunfts-Orientierung:

Mit Durchhaltevermögen können Menschen zur Realisierung ihrer Ziele beitragen.

„Auch Kängurus orientieren sich nach vorne, sie können nämlich gar nicht rückwärts laufen - ihr Schwanz ist dabei im Weg. Umso besser sind sie beim Vorwärtshüpfen, so dass sie locker auch längere Strecken zurücklegen können."

Dass beide Bücher zeitgleich erschienen sind, ist ein schöner Zufall, der zeigt, wie gedankenreich der „Zoo des Lebens" ist - und dass wir von Tieren mehr lernen können als nur ursprüngliche Gefühle.

Sie erinnern uns nämlich auch daran, dass es in der Evolution nicht vorgesehen war, dass wir ständig stressigen Situationen ausgesetzt sind, sondern dass wir gegen drohende Gefahren ankämpfen, aber dann auch wieder in ruhigeren Gewässern unterwegs sind.

„Stress ist in der Natur eigentlich als ein Ausnahmezustand gedacht, der schnell entsteht, aber auch wieder schnell endet." Auch wenn sie Lamas und Kängurus in ihrem aktuellen Buch „Anti-Stress-Yoga" nicht erwähnt, so ist die Botschaft von Anna Trökes ähnlich: Achtsamkeit und Bauchgefühl gehören zusammen.

Wirklich erfüllt ist, wer bewusst und nicht wertend wahrnimmt, was gerade jetzt geschieht und was wir dabei denken und fühlen. Resilienz ist jedem Menschen angeboren, „sonst wäre niemand in der Lage, mit schwierigen Situationen im Leben klarzukommen und in einen ursprünglichen störungsfreien Zustand ‚zurückzuspringen'".

Der Song von Mark Foster und die Fragen seiner Generation erinnern uns daran.

Literaturhinweise:

Jutta Heller. Das wirft mich nicht um. Mit Resilienz stark durchs Leben gehen. Kösel-Verlag, München 2015.

Beate Pracht: Das Herz unser Glücksmuskel. Mit der verborgenen Kraft des Herzens zu Lebendigkeit, Freude und Leichtigkeit. Integral Verlag, München 2015.

Anna Trökes: Anti-Stress Yoga. Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2015.

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