BLOG
13/04/2016 06:01 CEST | Aktualisiert 22/04/2017 12:43 CEST

Berlin und Moskau suchen wieder Dialog

POOL New / Reuters

Die Ukraine-Krise ist noch lange nicht überstanden und die Sanktionen in Kraft, aber mit den deutsch-russischen Beziehungen geht es wieder aufwärts. Die deutsche Politik und Wirtschaft gibt sich in Russland die Klinke in die Hand. Eine hochrangige Delegation des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft erschien zu Gesprächen bei Vladimir Putin und überlegte den "Einstieg in den Ausstieg aus den Sanktionen".

Zur gleichen Zeit diskutierte in Sotschi der Petersburger Dialog über eine gemeinsame europäische Architektur von Lissabon bis Wladiwostok. Und das Deutsch-Russische Forum brachte eine größere Delegation deutscher Bundestagsabgeordneter in die russische Staatsduma, um vertrauensbildende Maßnahmen zu besprechen.

Arbeitsgruppe "Politisches Lexikon"

Gerade die letztere Veranstaltung hatte es in sich. Der russische Parlamentsvorsitzende Sergei Naryschkin schlug vor, eine bilaterale Arbeitsgruppe für die Ausarbeitung eines "politischen Lexikons" zu gründen. In den politischen Debatten sind viele Missverständnisse entstanden. Ein und derselbe Sachverhalt, oder politischer Begriff, hat in dem jeweils anderen Land eine andere Bedeutung.

Manche Metaphern, Aussagen, Anekdoten, die ein russischer Politiker gebraucht, klingen schrill und befremdlich in den Ohren eines Deutschen. Die russischen Zuhörer können wiederum aufgrund eigener historischer Traditionen mit der political correctness deutscher Politiker und Politologen wenig anfangen.

Politiker und Experten aus beiden Ländern sollen nun die Unterschiede in den Begriffen herausstellen und dann versuchen, einen gemeinsamen Nenner für die Begriffe festzuschreiben - in Form eines "politischen Lexikons". Ein "gemeinsames Wörterbuch" wird aus der Arbeitsgruppe nicht entstehen, zu unterschiedlich sind die sogenannten Narrative in Russland und Deutschland bezüglich der aktuellen politischen Ereignisse.

Aber eine Sensibilität für die Denkweise und Begrifflichkeit des Gegenübers kann durchaus entwickelt werden. Dies ist ein entscheidender Punkt, damit Kommunikation und Verständigung gelingen.

Beispielsweise ergibt in Deutschland und Russland der Begriff Zivilgesellschaft einen unterschiedlichen Sinn. Wenn Deutschland sagt, es müsse die Zivilgesellschaft in Russland unterstützen, hegt Russland den Verdacht, der Westen wolle eine orangene Revolution in Russland durchführen. In Deutschland wird die Pegida-Bewegung nicht als Teil der Zivilgesellschaft betrachtet, in Russland ist die Bürgergesellschaft jedoch stark national geprägt.

Ein anderes Beispiel ist die Pariser Charta von 1990, die die Friedensordnung in Europa nach dem Kalten Krieg festschrieb. Für den Westen ist sie das Fundament eines freien Europas, für Russland eher ein Abkommen zur europäischen Sicherheit.

Diskutiert soll auch über Begriffe wie Mittelstand, Modernisierungspartnerschaft, Perestroika, Menschenrechte, Vergangenheitsbewältigung. Die Russen lehnen eine Vergangenheitsbewältigung nach deutschem Vorbild wie nach 1945 ab.

Pussy Riot versus Böhmermann

Gerade was Menschenrechte anbetrifft, herrschen auf beiden Seiten unterschiedliche Auffassungen. Die Russen fragten, warum Bundeskanzlerin Angela Merkel den Schmähsong der Gruppe Pussy Riot auf den russischen Präsidenten als Freiheit der Kunst bezeichnete, das Schmähgedicht von Jan Böhmermann auf den türkischen Präsidenten jedoch als geschmacklos verurteilte.

Warum wird Böhmermann in Deutschland vor Gericht gestellt, die Pussy Riot Aktivistinnen dagegen im Westen auf Händen getragen? Wird hier mit zweierlei politischem Maß gemessen, oder herrscht im Fall der Türkei eine besondere Staatsräson vor, die über den Werten steht?

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz: "Angela Merkel handelt vollkommen irrational"

Lesenswert: