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06/01/2016 10:34 CET | Aktualisiert 06/01/2017 06:12 CET

Monogamie: Ein großes Missverständnis

fotostorm via Getty Images

Eine Beziehung, in der (sexuelle) Treue eingefordert wird, ist in den meisten Fällen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die aufgeklärte Gesellschaft sollte sich endlich auch von einem anderen Überbleibsel der (christlichen) Religion befreien: nämlich jenem der Monogamie.

Monogamie als falsch verstandene Treue

Monogamie endet früher oder später in Monotonie, zu diesem Urteil kommt der deutsche Philosoph Franz Josef Wetz in seinem Buch „Lob der Untreue".

Die Evolutionsbiologie scheint ihm dabei recht zu geben: Denn tatsächlich ist der Mensch als Halbtrockennasenaffenart eher der Polygamie zugeneigt. Und so scheint es auch nicht verwunderlich, dass der Großteil der monogamen Beziehungen (zumindest in einer offenen Gesellschaft wie der unseren) ein Ablaufdatum haben.

Für Klatschblätter, Paartherapeuten, Bücher und andere Ratgeber ein gutes Geschäft. So werden eine Menge an Ressourcen investiert, um Menschen in Beziehungen Tipps für das Treu-Sein zu geben. Freilich ist dabei in erster Linie meist nur sexuelle Treue gemeint. Diese allein sagt allerdings noch gar nichts über die Qualität einer Beziehung aus.

Denn in vielen Fällen kann nicht mehr von einer qualitativ guten emotionalen Beziehung gesprochen werden, wenngleich sich das Paar sexuell treu dabei bleibt. Treue hat bei genauerer Betrachtung nämlich überhaupt nichts mit Sex zu tun.

Sexuelle Auslebung ist vielmehr ein Produkt der evolutionsbiologischen Prozesse, denen sich der Mensch nur sehr schwer entziehen kann. Dass dennoch viele Menschen Sex mit Beziehung vermischen ist den Sozialisationsprozessen (Disney und Hollywood lassen grüßen) unserer Gesellschaft geschuldet.

Der Partner als Freund

Für eine gelungene und nachhaltige Beziehung scheinen vielmehr andere Dinge als (sexuelle) Treue ausschlaggebend zu sein. Ehrlichkeit und Vertrauen können in einer offenen Partnerschaft viel besser gedeihen.

Denn es gibt nichts, worüber nicht geredet werden kann. Es gibt keinen Grund den Partner zu belügen oder Dinge zu verschweigen. Wenn dies konsequent von beiden Seiten umgesetzt wird, wird die Beziehung antifragil und krisensicher werden.

Durch totale Offenheit kann somit totales Vertrauen erwachsen, denn wenn es keine Geheimnisse mehr geben muss, kann das Vertrauen zueinander auch viel besser aufgebaut werden.

Die Befreiung von der Eifersucht

Neben dem absoluten Vertrauen gibt es noch einen weiteren Vorteil der offenen Beziehung, nämlich die Abwesenheit von Eifersucht. Alle Dramen, mit denen eine monogame Partnerschaft sich oftmals plagen muss, würden den beteiligten Personen erspart bleiben.

Es würde keinen Grund mehr geben, eifersüchtig zu sein - im Gegenteil: Man könnte sich für den Partner freuen, wenn er bspw. sexuelle Vorlieben mit einer anderen Person nachgehen kann, die einem selber vielleicht nicht so gut gefallen.

Dies zeigt sich auch in der Semantik, denn für dieses „sich für den Partner freuen" (als Gegenstück zur Eifersucht) gibt es bis dato kein adäquates Wort. Werden eifersüchtige Gedanken verabschiedet, dann ist dies der beste Weg zu einer Gelassenheit, die letztlich sogar in dieser „Mitfreude" münden kann.

Offenere offene Beziehung: Volle Transparenz

All das ist natürlich dann am besten möglich, wenn es volle Transparenz gibt. Damit ist nicht nur Transparenz über das zeitliche Verbringen mit anderen Personen gemeint, sondern auch die Offenheit der Gedanken.

Wenn man den Partner an den eigenen Gedanken und Wünschen teilhaben lässt, können diese erstens leichter nachvollzogen, und zweitens auch tatsächlich besser umgesetzt werden.

Im Optimalfall vollzieht sich diese Transparenz (nämlich jene, dass man sich in einer Beziehung befindet) auch mit Dritten, mit denen außerhalb der Beziehung (sexuelle) Kontakte eingegangen werden.

Commitment und wahre Ehrlichkeit

In einer offenen Beziehung kann man somit leichter ehrlich, man selbst, sein. Zudem kann man auch Treue einfordern - in Form eines Commitments. Ein Commitment für eine Beziehung zu geben bedeutet Energie und Ressourcen in den Partner zu investieren, mit anderen Worten, die volle Unterstützung zusichern.

So hat man neben der Geborgenheit auch das Vertrauen in den Partner, dass er auch dann Ehrlichkeit walten lässt, wenn er das Gefühl hat, dieses Commitment nicht mehr geben zu können. Somit ist in weiterer Folge auch die Grundlage dafür vorhanden, ein mögliches Ende der offenen Beziehung ohne Drama vollziehen zu können.

Befreien wir uns von den Zwängen der Monogamie!

Halten wir fest: Wenn sexuelle Treue zu einem wichtigen Element einer Beziehung gemacht wird, wird dies früher oder später zu Spannungen führen. Für die Qualität einer Partnerschaft sollten vielmehr andere Dinge ausschlaggebend sein.

Wahres Vertrauen kann besser mit voller Transparenz aufgebaut werden und ein Commitment kann viel einfacher gegeben und eingehalten werden, wenn sich die Beziehung von den Zwängen der Monogamie befreit. Diese Zwänge sind ein soziales Konstrukt, das gerade einmal ein paar hundert Jahre alt ist, und das es endlich aufzubrechen gilt.

Befreien wir uns von ihnen (und akzeptieren, dass der Mensch sich nun mal nicht nur zu einer einzigen Person sexuell hingezogen fühlen kann), können wir den Fokus auf die wichtigen Dinge einer Beziehung legen. Wir könnten endlich wirklich ehrlich zueinander sein und hätten keine Gründe mehr uns zu belügen.

Wir könnten endlich wir selbst sein.

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