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13/10/2015 05:54 CEST | Aktualisiert 13/10/2016 07:12 CEST

Europa sollte nicht vergessen, für welche Werte es steht

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Im Zuge der Flüchtlingskrise ist auch der Diskurs über die Religion des Islam neu entfacht worden. Die aufgeklärte Gesellschaft in Europa sollte dabei nicht vergessen, für welche Werte sie steht.

Islamkritik ist das logische Resultat einer aufgeklärten Gesellschaft

Islamkritiker haben es nicht leicht in diesen Tagen. So lange Menschen vor Krieg flüchten, sei die Kritik an ihren Glaubensüberzeugungen sekundär. Die Religionskritiker werfen hingegen ein, dass es vielmehr umgekehrt ist: Gerade wenn Menschen, deren Überzeugungen den europäischen Werten widersprechen, nach Europa kommen, sollte ein rationaler Diskurs über jene Religion stattfinden, die diese Dichotomie hervorruft.

Kritikern des Islam wird oft eine islamophobe Haltung vorgeworfen. Hier tut man ihnen jedoch Unrecht. Es muss offensichtlich deutlich klarer gemacht werden, wofür Islamkritiker stehen und nicht wogegen. Sie sind nicht gegen Muslime an sich: Sie sind in erster Linie vielmehr für etwas.

Sie sind vehemente Menschenrechtsverfechter, Verteidiger der Demokratie, Meinungsfreiheit und Freiheit der individuellen Lebensführung. Dabei kritisieren sie genauso auch andere Religionen und Ideologien, die diese Werte nicht teilen. Ihre Islamkritik ist also nur ein Resultat dessen, wofür sie eigentlich einstehen und nicht wogegen.

Die aufgeklärte Gesellschaft in Europa sollte nicht vergessen, wofür sie steht

Europa und seine aufgeklärte Gesellschaft sollte gerade jetzt nicht vergessen wofür es eigentlich steht und welche Werte mühsam (gegen eine andere Religion) erkämpft werden mussten. Ja, Menschlichkeit und Aufnahme von Flüchtlingen die vor Krieg flüchten, ist einer davon. Jedoch sollten uns andere Werte mindestens genauso wichtig sein:

So wurde etwa in Europa Todesstrafe abgeschafft. In Europa darf jeder Mensch eine (sexuelle) Beziehung mit wen-und-was-auch-immer führen, so lange diese auf Gegenseitigkeit beruht. In Europa darf jeder sein Leben so führen wie er es will, so lange dabei Dritte nicht zu Schaden kommen. In Europa darf jeder alles Mögliche (und ja, auch Religionen gehören dazu) kritisieren und parodieren.

In Europa herrscht die Freiheit der individuellen Lebensführung. Zudem finden in Europa rationale Diskurse über etwaige zukünftige Werte statt (so wird zunehmend anerkannt, dass auch nichtmenschlichen Tieren Rechte eingestanden werden sollten).

Keine Toleranz der Intoleranz

Viele Flüchtlinge haben erkannt: in Europa gibt es Freiheit(en). Gleichzeitig sollte aber auch klar sein: Es gibt keine Toleranz der Intoleranz gegenüber. Schon Karl Popper wusste, dass uneingeschränkte Toleranz notwendigerweise zum Verschwinden der Toleranz führt. Eine tolerante Gesellschaft sollte sich gegen die Angriffe der Intoleranz verteidigen. Überzeugungen, die Intoleranz predigen, haben in einer aufgeklärten Gesellschaft keinen Platz.

Somit sollte auch Flüchtlingen klar sein: Wer in Europa leben will, sollte anerkennen, dass jedes Leben gleichwertig ist: Homosexuelle und Frauen sind Männern gleichgestellt. Er oder sie muss ebenfalls akzeptieren, dass hier Religionen kritisiert werden dürfen. Solche Dinge sollten von Anfang klar sein. Wer dem nicht zustimmt, der wird spätestens nach Kriegsende ohnehin in die Heimat zurückkehren wollen.

Sachliche Diskurse statt rechter Hetze und linker Moral

Die sogenannte Linke tut sich dieser Tage schwer mit einer rationalen Kritik an der Religion des Islam. Wieso ist das so? Hat sie vergessen, wofür sie eigentlich steht? Oder hat sie vielmehr Angst, als „rechts" abgestempelt zu werden, sobald sie auch nur irgendeine leise Kritik an dieser Religion übt?

Natürlich ist es verständlich, wenn man nicht in einem Topf mit rechten Parteien geworfen werden will, die pauschal (primär) gegen Muslime hetzen. Gleichzeitig sollte man aber auch nicht vergessen, wofür man einsteht. Die aufgeklärte Gesellschaft sollte einen Diskurs führen, die all ihre Werte, jenseits politischer Spektren, gegen ihre Gegner verteidigt.

Die Diskussion sollte sachlich geführt werden, und rationale Argumente sollten dabei zählen. Ideologisierte Denkmuster von links („Ich bin links, deswegen darf ich den Islam nicht kritisieren") und rechts („Muslime sind schuld an Überfremdung") sollte sie dabei genauso außen vor lassen können wie Parteilinien.

Kulturelle Überlegenheit?

Kulturrelativisten mögen nun einwerfen: wir sollten nicht so überheblich sein, und glauben, dass Europa die besseren Werte vertritt. Schließlich denken auch andere Kulturen, dass sie die jeweils besten Werte vertreten. Diese Tatsache könne man nicht abstreiten. Relativisten haben mit diesen Einwand natürlich Recht, jedoch sollten sie dann auch kein Problem damit haben, in einem kulturellen Kontext zu leben, der mit jenem, den sie gewohnt sind, auseinanderklafft.

Anders ausgedrückt: Wenn Kulturrelativisten ein Problem damit hätten, in Saudi-Arabien zu leben, dann ist die logische Schlussfolgerung jene, dass sie die eigene Kultur bevorzugen, und somit indirekt auch für sie einstehen. Hinzu kommt: gerade unsere Kultur der Gedankenfreiheit hat die Einwände der Kulturrelativisten überhaupt zu Stande bringen können.

Ungeachtet dessen, ob es eine „richtige" Kultur geben kann oder nicht, so scheint in der Islamdebatte folgende Heuristik die Wichtigste zu sein: Diskussionen sollten rational und sachlich geführt werden. Argumente sind auf ihre logische Konsistenz hin zu prüfen. Kurz: das bessere und rationalere Argument sollte zählen.

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