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21/10/2015 06:13 CEST | Aktualisiert 21/10/2016 07:12 CEST

"Kinder in die Welt zu setzen ist egoistisch"

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Je ökonomisch fortgeschrittener ein Land ist, desto geringer ist die Geburtenrate. Kinderzeugung ist in den Wohlfahrtsstaaten jedoch in erster Linie eine ethische, und keine ökonomische Frage.

Verantwortung: ja, nur wem gegenüber?

Dass die Geburtenrate in ökonomisch fortgeschrittenen Staaten stagniert oder sogar leicht zurückgeht, ist für konservative Stimmen ein Warnsignal. Jeder Mensch hätte als Teil der Gesellschaft auch eine Verpflichtung derselben gegenüber. Dazu gehöre auch die Zeugung von Kindern, um die nachhaltige Zukunft eines Staates zu sichern.

Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, sollte jeder, dem es ökonomisch möglich ist, und sofern der Wunsch vorhanden ist, Kinder bekommen. Dies ist aus ethischer Sicht jedoch zu kurz gedacht. Denn wenn wir von der Prämisse ausgehen, dass jedes Menschenleben gleich viel wert ist, und somit auch gleich viel zählt, dann hat ein jeder auch genau die gleiche Verantwortung allen Menschen gegenüber, unabhängig davon, welchem Staat oder welcher Kultur diese angehören.

Dies bedeutet, alle Individuen gleich (fair) zu behandeln. In Bezug auf die Zeugung von Kindern ergeben sich somit Überlegungen, die in ganz andere Richtungen verlaufen.

Einem Kind Leben schenken - gleichzeitig einem anderen Kind Leben verwehren

Wenn ein Paar die Entscheidung trifft, ein Kind zu bekommen, wird nicht selten davon gesprochen, dass man „Leben schenkt". Dies setzt allerdings voraus, dass das Kind im Leben mehr Freude als Leid erfahren wird (Ganz abgesehen davon, dass niemand gefragt wird, ob er überhaupt auf diese Welt gebracht werden will).

Zumindest in Europa trifft das auf die meisten Fälle zu. Was dabei fast immer vergessen wird: Jeden Tag werden weltweit neugeborene Babys von ihren biologischen Eltern zur Adoption freigegeben. Die Frage, die man sich nun stellen sollte, ist die folgende:

Will ich unbedingt mein eigenes Kind oder gebe ich einem schon geborenen Kind die Möglichkeit in einer festen sozialen Umgebung, ohne existentielle Sorgen (sofern dies bei den Adoptiveltern der Fall ist) aufzuwachsen?

Auf der einen Seite (eigenes Kind bekommen) steht vielleicht Glück und Freude, auf der anderen Seite ist aber weiterhin Leid vorhanden (Kind, welches adoptiert hätte werden können). Als Entscheidungsgrundlage ist also vorhanden: Leid minimieren oder Leid weiterhin fördern.

Es scheint offensichtlich, dass ersteres Priorität haben sollte. Anders gesagt: wenn ein eigenes Kind gezeugt wird, dann hat man gleichzeitig einem Kind ohne Eltern die Möglichkeit auf ein schöneres Leben genommen. Unabhängig von dieser Frage stellt sich aber noch eine weitere - nämlich jene nach einer sinnvolleren Nutzung der monetären Ressourcen, die ein Kind verbraucht.

Kinder kosten Geld - welches woanders besser eingesetzt werden könnte

Vielleicht sollte man noch ein Stück weiter denken: ein Kind aufzuziehen kostet nämlich nicht nur enorm viel Zeit, sondern auch viel Geld. Nach Berechnungen der Wirtschaftswoche (auf Grundlage von Daten des statistischen Bundesamts) sind dies in Deutschland (bis zum 18. Lebensjahr des Kindes) rund 126.000 Euro.

Jetzt stellt sich freilich sofort die Frage nach einem anderen, effizienteren Weg, dieses Geld zu nutzen. Denn mit diesem Betrag kann man bspw. durch Spenden einiges mehr an Leid verhindern, wie die Bewegung des effektiven Altruismus zeigt. Die Frage nach der besseren Nutzung von finanziellen Ressourcen, die ein Haushalt zur Verfügung hat, sollte sich jedoch auch ganz unabhängig von einem Kinderwunsch stellen.

Eigene (biologische) Kinder in die Welt setzen ist Egoismus

Dass es beim Kinderwunsch in erster Linie um die Erfüllung der Bedürfnisse der Eltern geht, wird allzu gern vergessen. Eltern wollen sich gut fühlen: Sie wollen positive Emotionen in den Erfahrungen mit ihren Nachkommen erleben. Sie wollen dafür sorgen, dass sie nicht einsam und allein sterben müssen - Kinder sind in den Wohlfahrtsstaaten genauso eine Altersvorsorge wie in den Entwicklungsländern.

Für manche Eltern ist es auch ein Versuch mit dem Tod umzugehen: mit dem Wissen, dass der eigene Körper (sehr wahrscheinlich) vergänglich ist, möchte man zumindest einen Teil davon der Welt hinterlassen. All diese Gründe sind nachvollziehbar, aber so lange das Leid der vielen anderen Kinder existiert, die keine Eltern haben, und/oder in extremer Armut leben, kann der eigene Kinderwunsch nicht gerechtfertigt werden.

So lange anderes menschliches Leid vorhanden ist, ist es sinnvoller das Geld in effektive Hilfsmaßnahmen zu investieren. Wenn man trotzdem sehr unglücklich ohne Kinder sein würde, dann ist es sinnvoller über eine Adoption nachzudenken.

Video: Weltweite Empörung: Adoptiveltern möchten Kinder nach sechs gemeinsamen Jahren zurückgeben

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