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25/01/2016 14:19 CET | Aktualisiert 25/01/2017 06:12 CET

Der Mensch als rationale Handlungsmaschine: Eine realistische Forderung?

Chris Hondros via Getty Images

Ist es eine Überforderung, wenn von Menschen rationale Handlungsmuster im ganzen Leben abverlangt werden? Ja, wahrscheinlich schon. Das heißt aber noch lange nicht, dass es deswegen falsch wäre, rational zu handeln.

Bleib rational

Jeder kennt es, die Hinweise darauf, „rational zu bleiben", um negativen Emotionen zuvorzukommen. Aber was heißt das genau? Rationalität bedeutet nichts anderes, als bestmöglich sein selbst gesetztes Ziel zu erreichen. Es ist also erst dann möglich rationale Handlungsmuster an den Tag zu legen, wenn vorher festgelegt worden ist, wohin diese Handlungsmuster im long run führen sollen.

Anders gesagt, ob nun rational gehandelt wird oder nicht, hängt vom Ziel der handelnden Person(en) ab. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Angenommen, eine Person hat sich als Ziel gesetzt, das Leid von allen bewusstseinsfähigen Entitäten zu minimieren, so handelt er etwa rational, wenn er keine eigenen Kinder in die Welt setzt.

Rationalität hängt stark von individuellen Zielen ab. Jedoch stehen die (eigenen) Ziele, die aus rationalen Gründen heraus festgelegt wurden, oft im Widerspruch zu den Emotionen, die man beim Zielerreichungsprozess verspürt. Gerade in solchen Situationen stellt sich die Frage, wie mit diesen Gefühlen umgegangen werden soll.

Rationalität ist nicht gleichzusetzen Emotionslosigkeit

Oft wird angenommen, dass Rationalität Langeweile in Hinblick auf die emotionalen Erfahrungen des Lebens bedeutet. Dies ist jedoch nicht (zwingend) der Fall. Menschen, die versuchen, rationale Handlungsmuster an den Tag zu legen, erfreuen sich genauso an den Freuden des Lebens. Allerdings wissen sie eher, in welchen Situationen sie einen kühlen Kopf bewahren sollten - und somit unnötige negative Emotionen außen vor lassen können.

So scheint es zumindest in der Theorie. Die Praxis schaut jedoch etwas anders aus, denn natürlich kann niemand seine (negativen) Gefühle auf Knopfdruck einfach ausschalten. Der Unterschied besteht aber darin, dass rational denkende Menschen sich ihrer (irrationalen) Gefühle zumindest bewusst sind, und diese somit eher akzeptieren können. Umgekehrt kann aber auch der Fall eintreten, in dem eine Person glücklich ist, das Glücklich sein an sich aber aus unerklärlichen (bzw. irrationalen) Gründen zu Stande kommt.

Auch hier könnte es unter Umständen richtig sein, zuerst das (vielleicht irrationale) eigene Glücklich sein anzustreben. Denn ein unglücklicher bzw. depressiver Mensch kann schwer klare rationale Entscheidungen treffen. Hier muss sich jedes Individuum jedoch selbst einschätzen können: Ist man prinzipiell fähig, die eigenen irrationalen Gefühle auszuschalten, so sollte man dies versuchen.

Ist dies nur schwer möglich (in den meisten Fällen lassen sich Emotionen nun mal nicht so einfach auf Knopfdruck steuern, selbst wenn dies gewollt ist), sollte man wohl eher zuerst das eigene Glück verfolgen. Es kann somit der Fall eintreten, in dem die eigene (subjektive) Lebenswelt, von dem abweicht, was eigentlich richtig wäre. Das folgende Beispiel mag dies verdeutlichen.

Dichotomie zwischen realer Lebenswelt und rationalem Handlungsanspruch

Würde man einen dicken Mann eine Brücke runterstoßen um einen außer Kontrolle geratenen Zug zu stoppen, der auf fünf Menschen zurast, die auf den Gleisen gefangen sind? Dieses klassische Gedankenexperiment in der Ethik illustriert das, was Dichotomie zwischen realer Lebenswelt und rationalem Handlungsanspruch genannt werden kann.

So scheint es nämlich ethisch geboten den dicken Mann runterzustoßen, weil fünf Menschenleben mehr wert sind als ein Menschenleben. Jedoch beantwortet ein großer Prozentsatz jener Menschen, die zu diesem Schluss kommen, die Frage danach, ob sie den dicken Mann in einer realen Situation auch runterstoßen würden bzw. können, negativ.

Dies zeigt ganz deutlich, dass es eine Dichotomie zwischen rationalem Handlungsanspruch und realer Lebenswelt gibt. Das Gedankenexperiment mit dem „Fat Man" illustriert aber noch etwas anderes. So scheint es auf lange Sicht vielleicht sogar rational zu sein, den dicken Mann nicht runterzustoßen.

Denn eine Gesellschaft, in der es keine deontologischen Regeln gibt, könnte mittel- bis langfristig fragil werden und somit humanistische Werte nicht gut genug weiterdenken- und tragen. Es geht also darum, das langfristige Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, und danach im Jetzt (rational) zu handeln.

Überforderung ist nicht gleichzusetzen mit Ungültigkeit

Halten wir fest: rational zu handeln ist schwer, manchmal sogar für die eigene (psychische) Gesundheit gefährdend, und somit unmöglich umzusetzen. Aber ist es deswegen auch falsch, rational zu handeln? Dass die eigene Gesundheit nicht aufs Spiel gesetzt werden sollte, wurde weiter oben bereits erläutert. Wie schaut es aber aus, wenn diese nicht gefährdet wird, sondern das rationale Handeln an sich mühsam und schwer erscheint?

Freilich wäre es einfacher zu sagen, man sollte keine Energien in die Zielerreichung investieren, wenn etwas schwer erreichbar ist, da es sowieso nie vollkommen erreicht werden kann. Dieser Schluss wäre jedoch zu einfach gedacht: Denn nur weil etwas schwer bis gar nicht erfüllbar ist, heißt das noch lange nicht, dass es deswegen nicht erstrebenswert wäre.

Mit anderen Worten: Nur weil uns etwas überfordert und kompliziert ist, heißt das noch lange nicht, dass es deswegen falsch wäre, es nicht zu tun, oder es zumindest zu versuchen. Das Leben ist halt leider nicht so einfach, wie wir es uns oft wünschen würden.

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