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18/11/2015 12:51 CET | Aktualisiert 18/11/2016 06:12 CET

Die Paris-Attentate zeigen den Strategiewechsel von ISIS hin zum globalen Terror ala Al Qaeda

ERIC FEFERBERG via Getty Images

BEIRUT - Gegenwärtig fehlen noch wichtige Details zu den aktuellen Geschehnissen: Wurden die Pläne für den Abschuss des russischen Passagierflugzeugs im Sinai, die zahlreichen Selbstmordattentate letzte Woche in Beirut und die Bombenattentate in Paris von der Führerschaft des Islamischen Staats vorbereitet und die Angriffe nach den Wünschen und unter Anleitung der ISIS-Führerschaft in Raqqa oder Mosul durchgeführt?

Präsident François Hollande deutete eine Verbindung nach Raqqa an, er lieferte aber keinen Beweis dafür. Doch wenn dem wirklich so ist, und wir gehen davon aus, dass dem so ist, würde dies bedeuten, dass ISIS seine Strategie bedeutend geändert hat.

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Dies würde zur Folge haben, dass der Westen die wahabitischen Ursprünge von Bewegungen wie ISIS und Al Qaeda und deren enge Verbindung mit Saudi Arabien - von wo aus sie Unterstützung erhalten - nicht länger leugnen kann, selbst wenn das saudische Königshaus jetzt befürchtet, dass seine schrecklichen Abkömmlinge versuchen, Arabien von den Al Sauds selbst zu „säubern" und es zum reinen Wahabismus zurückzuführen, auf dessen Grundlage Saudi Arabien ursprünglich gegründet wurde - der „einzige, wahre Islam" den ISIS anstrebt.

„Al Qaeda ist global, kurzlebig und virtuell, ISIS hingegen ist territorial."


Nach den Anschlägen des 11. September wurde die Tatsache, dass 15 der 19 Attentäter saudische Staatsbürger waren, zugunsten von Behauptungen, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitze, unter den Teppich gekehrt, denn Washington wollte, dass die Welt sich mehr auf diese Behauptungen konzentrierte. Doch dieses Mal wird man die historische Bedeutung nicht so einfach ignorieren können.

Amerika sollte jetzt tief durchatmen und noch einmal genau über seine Alliierten wie die Türkei und Saudi Arabien nachdenken, da beide Länder offen angekündigt haben, die verschiedenen Kalifat-Kämpfer (ISIS, Al Qaeda und Ahrar al-Sham) in Syrien unterstützen zu wollen.

Man darf nicht vergessen, dass syrische Zivilisten den Terror, der am Freitag in Paris passierte, seit fünf Jahren jeden Tag erleben. Angesichts dessen, was im Sinai, in Beirut und in Paris passiert ist, ist es nur schwer begreifbar, warum der Westen weiterhin seine undurchsichtigen Spielchen mit solchen Kräften treibt.

Doch was mag diesen grundlegenden Strategiewechsel bei ISIS ausgelöst haben? Zwischen Al Qaeda und ISIS gab es immer eine bedeutende Meinungsverschiedenheit: Die Führerschaft von Al Qaeda vertrat immer offen die Meinung, dass ISIS bei der Ausrufung des Kalifats, des Islamischen Staats, einen Fehler machte. Die Ausrufung erfolgte zu früh und die Bedingungen waren nicht günstig, so die Anführer von Al Qaeda.

Die Kriegshandlungen von Al Qaeda konzentrieren sich auf die „Beunruhigung und Ermüdung" von Amerika und dessen westliche Alliierte, was letzten Endes zu einer vielschichtigen Überstrapazierung der westlichen Kräfte führen soll: auf moralischer, politischer und wirtschaftlicher Ebene.

Dass Al Qaeda einen unterschiedlichen Ansatz verfolgt spiegelt sich auch in der Tatsache wieder, dass Al Qaeda zur Kooperation mit anderen Aufständischen in Syrien bereit ist; ISIS hingegen lehnt solche Zusammenschlüsse ab und erfordert stattdessen absolute Treue und Unterwerfung.

ISIS verfolgt die Strategie des Absoluten: Durch einen grundlegenden Umsturz soll hier und jetzt ein Gottesstaat (ein Kalifat) auf einem festgelegten Gebiet mit Grenzen, Behörden, den Gesetzen der Scharia und einem Rechtssystem errichtet werden. Der große Unterschied zwischen den beiden Gruppen liegt also in der „Territorialität". Al Qaeda ist global, kurzlebig und virtuell, ISIS hingegen ist territorial.

„Es ist noch zu früh zu behaupten, dass ISIS zusammenbricht - doch bei einem Teil davon könnte dies bereits der Fall sein"


Doch was passierte, wenn ISIS befürchtet, diese Territorialität zu verlieren? In Syrien passieren seltsame Dinge. Dörfer, die seit zwei Jahren von ISIS besetzt sind, geraten innerhalb von Stunden unter die Kontrolle von Regierungskräften. Überall in den umkämpften Gebieten verzeichnen die syrische Armee und deren Alliierte kleine Erfolge. Es ist noch zu früh zu behaupten, dass ISIS zusammenbricht - doch bei einem Teil davon könnte dies bereits der Fall sein.

Wenn ISIS nun immer mehr sein markantestes Merkmal - die territoriale Macht in Syrien und im Irak - verliert, könnte es gut möglich sein, dass die Führerschaft sich eingestehen muss, dass Ayman al-Zawahiri Recht hatte: Al Qaeda hatte Recht und ISIS muss, wenn es mit dem Verlust seiner Territorialität konfrontiert wird, die Strategien von al Qaeda übernehmen (Al Qaeda hatte bereits ein Bündnis mit ISIS gegen die Interventionen Russlands und des Irans in Syrien gefordert).

Was jedoch, wenn es sich hierbei nicht um eine strategische Entscheidung der ISIS-Führerschaft handelte, sondern die Rakete auf das russische Flugzeug und die Selbstmordattentate in Beirut und Paris spontane Trittbrettfahrerangriffe von lokalen Gruppierungen waren, die nicht in Raqqa oder Mosul geplant, angeordnet und operativ eingeleitet wurden?

In diesem Fall hätte Europa noch ein anderes Problem - doch kein geringeres. Die öffentlich zugänglichen Beweise lassen in vielerlei Hinsicht eher weniger darauf schließen, dass die Initiative von Raqqa ausging. Sie deuten eher auf das Gegenteil hin.

Soweit bisher bekannt handelte es sich bei allen Attentätern von Paris um europäische Staatsbürger.

Kurz gesagt, war es eine europäische Angelegenheit in einem europäischen Krieg. Es ist noch unklar, ob sich unter den Attentätern wirklich Kriegsrückkehrer aus Syrien befanden (es bestehen Zweifel an der Echtheit des syrischen Passes, der am Tatort gefunden wurde).

Wenn es also keine direkte Anweisung von ISIS-Anführern gab, formatiert sich in Europa augenscheinlich gerade eine Al-Qaeda-ähnliche Schattenbewegung: die Attentate in Paris wurden sehr gut geplant, vorbereitet und durchgeführt.

Bekenntnisse zu Taten sind nicht immer eindeutig: Es kam bereits vor, dass islamische Anführer die Verantwortung übernahmen und sich zu Anschlägen bekannten, obwohl sie diese gar nicht in Auftrag gegeben hatten und durch diese Bekenntnisse ihrer Bewegung sogar massiv schadeten.

Robert Fisk schrieb:

Für viele von ihnen hat der Algerienkrieg nie geendet


Omar Ismail Mostafai, einer der Selbstmordattentäter von Paris, war algerischer Herkunft - und dies könnte auch auf die anderen genannten Verdächtigen zutreffen. Said und Cherif Kouachi, die beiden Brüder, die die Journalisten von Charlie Hebdo töteten, waren ebenfalls algerischer Herkunft.

Sie gehörten zu den über fünf Millionen algerischstämmigen Franzosen. Für viele von ihnen hat der algerische Krieg niemals geendet und sie leben heute in den Slums von Saint-Denis oder anderen algerischen Banlieues von Paris.

Falls dies sich als wahr herausstellen sollte, müssen sowohl Frankreich als auch andere europäische Staaten tief durchatmen und sich die Frage stellen, warum sich ihre Grundsätze so stark verwandelt haben, von einem scheinbaren Multikulturalismus hin zu einer „leichten Apartheid", aufgrund derer den muslimischen Bürgern Europas die Diskriminierung und Verachtung vieler Mitbürger entgegenschlägt.

Die europäischen Regierungen können nicht einfach die Augen vor dem historischen Zusammenhang verschließen, aufgrund dessen algerische Muslime (berechtigterweise oder zu Unrecht) befürchten, dass ihre sunnitische Welt in einer Krise steckt: Sunniten werden marginalisiert und sie haben das Gefühl, dass sie immer mehr an Einfluss verlieren.

Oder dass ein Algerier „Je suis aujourd'hui Syrien" sagen kann, ebenso wie ein Brite oder jeder anderer Europäer „Ich bin heute Paris" sagen kann. Die Bombardierung von Raqqa wird dieses Problem nicht lösen - wenn die Attentate von Paris tatsächlich eigentlich darauf beruhen.

Dies soll keinesfalls eine Rechtfertigung sein, doch es soll aufzeigen, wie wenig Weitsicht wir mittlerweile besitzen. Der puritanische Wahabismus entstand während einer früheren muslimischen Krise. Der Islam sollte durch Feuer und Schwerter von all der Dekadenz und Götzenverehrung gereinigt werden, die sich verbreitet hatte.

Auch heute stecken europäische sunnitische Muslime erneut in einer Krise und eben diese Aufforderung zur Sittenstrenge wird nun in den Moscheen von Paris und London und über viele engagierte Fernsehsender verbreitet -- all dies wird von unseren „Alliierten" aus Saudi Arabien und den übrigen Golfstaaten finanziert.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der WorldPost erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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