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24/12/2015 06:36 CET | Aktualisiert 24/12/2016 06:12 CET

Gibt es einen Weihnachtsmann?

inhauscreative via Getty Images

Seit ich denken kann wache ich jede Weihnachten mit derselben wunderschönen Geschichte auf. Mein Radiosender liest am 24. Dezember immer einen tollen Briefwechsel von vor über 100 Jahren vor. Da ich seit diesem Jahr das Privileg habe für die Huffington Post zu schreiben, will ich diese Tradition aufrecht halten und die Geschichte in noch viele weitere Herzen tragen.

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Die achtjährige Laura Virginia O'Hanlon Douglas aus New York schrieb damals an die Tageszeitung "The Sun" folgenden Brief:

"Lieber Redakteur,

ich bin 8 Jahre alt. Einige meiner kleinen Freunde sagen, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Papa sagt: "Was in der 'Sun' steht, ist immer wahr. Bitte, sagen Sie mir: Gibt es einen Weihnachtsmann?

Virginia O'Hanlon.

115 West Ninety-fifth Street."

Der Kolumnist Francis Pharcellus Church fand diesen Brief so wichtig, dass er seine Feder in seine gesamten Kreativität eintunkte*:

Virginia, Deine kleinen Freunde haben Unrecht. Sie glauben nur, was sie sehen; sie glauben, dass es nicht geben kann, was sie mit ihrem kleinen Geist nicht erfassen können. Der Verstand, Virginia, egal ob von Erwachsenen oder Kindern, ist immer klein. Im Weltall verliert er sich wie ein winziges Insekt in einer grenzenlosen Welt. Solch ein Ameisenverstand reicht nicht aus, die ganze Wahrheit zu erfassen und zu begreifen.

Ja, es gibt einen Weihnachtsmann.

Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Es gibt ihn so gewiss wie die Liebe und Großzügigkeit und Treue. Weil es all das gibt, kann unser Leben schön und heiter sein. Oh, wie dunkel wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe!

Es gäbe dann auch keine Virginia, keinen kindlichen Glauben, keine Poesie, keine Romantik - gar nichts, was das Leben erst erträglich macht. Ein Flackerrest an sichtbarem Schönen bliebe übrig. Aber das ewige Licht der Kindheit, das die Welt so erfüllt, müsste verlöschen.

Es gibt einen Weihnachtsmann, sonst könntest Du genauso gut nicht an die Elfen glauben. Gewiss, Du könntest Deinen Papa bitten, er solle am Heiligen Abend auf alle Kamine aufpassen, um den Weihnachtsmann zu fangen.

Kein Mensch sieht ihn einfach so


Und er bekäme den Weihnachtsmann nicht zu Gesicht - was würde das beweisen? Kein Mensch sieht ihn einfach so. Das beweist gar nichts. Die wirklichsten Dinge bleiben meistens unsichtbar. Die Elfen zum Beispiel, wenn sie auf Mondwiesen tanzen. Hast Du sie jemals gesehen? Trotzdem gibt es sie.

All die Wunder zu denken - geschweige denn sie zu sehen - das vermag nicht der Klügste auf der Welt.

Was Du auch siehst, Du siehst nie alles. Du kannst ein Kaleidoskop aufbrechen und nach den schönen Farbfiguren suchen. Du wirst einige bunte Scherben finden, nichts weiter. Warum?

Weil es einen Schleier gibt, der die wahre Welt verhüllt, einen Schleier, den nicht einmal der stärkste Mann, noch nicht einmal die gemeinsame Stärke aller stärksten Männer aller Zeiten, auseinanderreißen könnte. Nur Glaube, Phantasie, Poesie, Liebe und Romantik können diesen Vorhang lüften.

Schönheit und Herrlichkeit


Dann werden die Schönheit und Herrlichkeit dahinter auf einmal zu erkennen sein. "Ist das denn auch wahr?" kannst Du fragen. Ach, Virginia, nichts auf der ganzen Welt ist wahrer und nichts beständiger.

Der Weihnachtsmann lebt, und ewig wird er leben. Sogar in zehn mal zehntausend Jahren wird er da sein, um Kinder wie Dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen:

Frohe Weihnachten & eine verzaubernd, magische Zeit!

____

* Anmerkung des Autors:

Bei dieser Übersetzung des ursprünglichen Briefwechsels habe ich mich sowohl an der englischen Originalfassung orientiert, als auch an einigen ausgeschmückten, eher freien deutschen Übersetzungen.

Der Briefwechsel zwischen Virginia und Francis stammt aus dem Jahr 1897, genauer gesagt vom 21. September 1897. Der Kommentar bekam über die Jahre so viel Anklang, dass er über ein halbes Jahrhundert - bis zur Einstellung der Sun - alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit auf der Titelseite der Zeitung abgedruckt wurde. Nach der Einstellung der Sun im Jahr 1950 übernahmen andere Blätter den Text, welcher auch in viele andere Sprachen übersetzt wurde. Heute, mehr als ein Jahrhundert später ist es der am meisten nachgedruckte Leitartikel aller Zeiten.

Virginia O'Hanlon bekam ihr Leben lang Post zu ihren Brief. Jeder Antwort fügte sie eine hochwertige Kopie des Leitartikels bei. In einem Interview 36 Jahre nach ihrem Brief sagte Virginia, dass dieser Briefwechsel ihr Lebens positiv beeinflusste habe. Sie wurde später Schuldirektorin und verstab mit 81 Jahren in einem Pflegeheim in New York.

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