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04/01/2017 08:15 CET | Aktualisiert 05/01/2018 06:12 CET

"Die Opfer haben den Tod verdient" - Erdogan-Fans verhöhnen die Toten des Silvester-Anschlags

Getty

Der Terrorismus in der Türkei geht von verschiedenen Gruppen aus. Geht in einer Menschenmenge eine Bombe hoch oder schießt jemand wild um sich, stellen sich rasch die Frage, wer die Tat zu verantworten hat.

Die extremistische PKK, die seit 40 Jahren mit Terrorismus versucht, seine Positionen einzufordern. Die radikalen Islamisten des IS, die zunächst auf die Unterstützung der türkischen Regierung zählen konnten, versuchen das Land ins Chaos zu stürzen. Radikale Kräfte der nationalistischen Türken, die jede Kritik an der Türkei als Landesverrat abtun, wollen Vergeltung üben und Kritiker mundtot machen.

Diese Gruppen landen mehr oder weniger auf fruchtbaren Boden in der Gesellschaft. Kurden, die sich unterdrückt sehen und tatsächlich von den Kemalisten in den frühen Jahren der Türkei stark unterdrückt wurden, finden die terroristischen Aktivitäten der PKK legitim.

Nationalistische Türken, die die Türkei durch diese Bedrohung vor einer Spaltung in Gefahr sehen, halten es ebenfalls für legitim, mit harter Hand gegen Gegner vorzugehen.

Mehr zum Thema: Erdogan kriegt den Terror nicht in den Griff - dieses Jahr könnte ihm das zum Verhängnis werden

Die relativ neue Form des Terrorismus ist jedoch vor allem religiöser Natur. Nicht zuletzt befeuert wird sie durch die regierende Partei AKP. Auch bei türkischstämmigen Menschen kommt das an. Propaganda des Religionsdachverbands Ditib, Silvester sei kein Feiertag für Muslime und durch Plakate auch im Netz, wie jemand einem Weihnachtsmann ins Gesicht schlägt, spalten die Türken.

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Übersetzung:BILD: "Habt ihr je einen Weihnachtsmann gesehen, der beim Opferfest ein Schaf mitbringt?"

Text: "Wir gehören nicht der Gemeinschaft des Weihnachtsmannes an, der die Geschenke zu Neujahr bringt..... Wenn ihr nicht lebt, wie ihr glaubt, die Religion missachtet, .... Dann sterbt ihr, wie ihr lebt....,"

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Übersetzung: "Wir sind Muslime

Nein zu Feierlichkeiten zu Weihnachten und Silvester

Wer einer Gruppe ähnelt, gehört irgendwann auch dazu."

(Anmerkung der Redaktion: Westlich geprägte Türken feiern an Silvester Weihnachten.)

Es ist zu lesen, wie nicht wenige den Anschlag im Istanbuler Klub "Reina" relativieren. "Echte Muslime hätten doch kein Silvester gefeiert!" oder "Selber Schuld, wir dürfen kein Silvester feiern!" sind Aussagen, die man von vielen Türken hört. Das geht bis hin zu Schadenfreude, dass die Opfer den Tod verdient hätten.

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Übersetzung: "Verrecken sollen sie! Wer Silvester feiert ist sowieso kein Moslem. Egal wer da stirbt, tut mir kein Stück leid. Sie sollen es lieber in den Länder der Ungläubigen feiern. Hoffentlich gibt es viele Leichen."

Die islamisch konservative Partei AKP bereitet dieser Entwicklung in Richtung radikalem Islamismus das Fundament vor. Bürgermeister sind bereits mit Flugblättern aufgefallen, die Männern Ehetipps gegeben haben. So sollen Ratschläge vermittelt werden, wie die Frau in einer Ehe zu erziehen sei, damit sie gehorcht.

Die AKP betreibt seit Jahren immer wieder mit ihrer Rhetorik eine Politik, die Radikalisierung fördert. Lange Zeit wurde der IS verharmlost und extremistische Positionen gesellschaftsfähig gemacht. Demgegenüber stehen die vielen Menschen, die einen gemäßigten Lebensstil pflegen.

Mehr zum Thema: Terroranschlag in Istanbul: "Ich musste mehrere Leichen von mir herunterheben"

Durch die Radikalisierung der Bevölkerung spaltet man diese zwischen den eher frommen bis fanatischen Menschen und den gemäßigten oder modernen Kräften.

Präsident Erdogan bedient genau das Sprachrohr, auf das die Islamisten hören. Die Geister, die gerufen wurden, sind nur schwer wieder einzufangen. Das hätte man vorher wissen müssen, in dieser Verantwortung steht man als Präsident.

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