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22/03/2016 12:43 CET | Aktualisiert 23/03/2017 06:12 CET

Brüssel: Die Opfer dürfen nicht instrumentalisiert werden

dpa

Eine schockierende Nachricht erreicht die zivilisierte Gesellschaft am Morgen des 22. März. Letzten Berichten zufolge sind es 26 Unschuldige, die ihr Leben in Brüssel durch mehrere Explosionen verloren haben.

26 Menschen, um die wir nun trauern und unser Mitgefühl den Angehörigen gilt. 26 Leben, Freunde, Familienmitglieder und Nachbarn. Es sind aber auch genau die 26 Menschen, auf deren Kosten nun auf eine ekelerregende Art und Weise Politik gemacht wird.

Die Toten werden instrumentalisiert, vermeintliche Schuldige binnen Minuten erklärt, ein Umgang mit einem Drama, das an Absurdität kaum zu übersteigen ist.

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Verzweifelte Suche nach Schuldigen

CDU Politikerin Vera Lengsfeld beispielsweise meint zu wissen, bei wem wir uns zu bedanken haben für den Terroranschlag. "Lasst uns Angela Merkel feiern", postet die ehemalige Bundestagsabgeordnete und löst eine Welle der Empörung aus.

Weiter schreibt Frau Lengsfeld: "Gelobt sei Angela Merkel, die Warmherzige, die Vorausschauende. Sie hat alles dafür getan, dass der Terror in Europa Fuß fassen kann und seine Söhne hier die eigene Zukunft von einen gestörten Welt verwirklichen können", und macht damit deutlich, dass für den Terror Bundeskanzlerin Angela Merkel verantwortlich sei.

Wer darf nicht fehlen, wenn es um Hetze geht? Ganz genau: Europaparlamentsabgeordnete und AfD Politikerin Beatrix von Storch. Sie postet in den sozialen Medien folgende Zeilen und wird dem Vorwurf gerecht, dass sie auch nur jede Möglichkeit nutzt, um daraus Kapital zu schlagen:

"Viele Grüße aus Brüssel. Wir haben soeben das Parlament verlassen. Hubschrauber kreisen. Militär rückt an. Sirenen überall. Offenbar viele Tote am Flughafen und am Zentralbahnhof. Hat aber alles nix mit nix zu tun.".

Terror gibt es seit Anbeginn der Menschheit

Es ist enttäuschend zu wissen, dass gerade Menschen in Verantwortung, die eine Versachlichung der Debatte herbeiführen sollten, die Lage dramatisieren und weiter anheizen. Die Gemüter sind aus dem Wind.

Aus der Kritik der beiden Damen ist herauszuhören: Die Politik der Bundeskanzlerin Angela Merkel ist schuld an dem Terror. Der Tenor ist deutlich, sie solle ihre Flüchtlingspolitik ändern.

Dabei gibt es Terror, seit es die Menschheit gibt und seit unterschiedliche Gruppen Interessen vertreten. Leider auch in derartig unzivilisierter und ekelerregender Auseinandersetzung. Niemand käme auf die Idee zu sagen, dass Helmut Schmidt verantwortlich sei für den RAF Terrorismus.

Niemand käme auf den Gedanken, dass die Queen für den Anschlag in Großbritannien am 7. Juli 2005 verantwortlich ist, bei dem 56 Menschen ihr Leben verloren haben.

Hätte man den Anschlag verhindern können?

Dazu wissen wir noch zu wenig. Vermutlich aber lautet die Antwort 'Nein'. Die absolute Sicherheit gibt es nicht. Auch nicht bei jeder Überwachung und Abhöraktion. Terror ist Realität, Terror ist zu verurteilen, aber nicht zu politisieren. In diesen Stunden gilt es zu trauern, mit den Gedanken bei den Angehörigen zu sein und Entschlossenheit für unsere Werte zu demonstrieren.

Wir werden weiter so leben, wie wir leben. Wir werden Europa nicht aufgeben. Hinzu kommt der Umstand, dass die Flüchtlingspolitik von Frau Merkel allein deshalb nichts mit dem Anschlag zu tun haben kann, weil sich rund 700 Deutsche dem IS angeschlossen haben. Die 700 können ganz bequem mit dem Flieger von Damaskus nach Brüssel fliegen. Die Flüchtlinge sind Opfer, sie sind nicht Täter.

Wenn wir die Flüchtlinge nicht aufnehmen, freut sich der IS. Der IS will, dass die Menschheit nach seiner Ideologie lebt. Wir wollen nicht nur anders leben, wir müssen auch anderen, die so leben wie wir, dieses Leben gewähren. Das gehört zu unseren Werten.

Es ist jetzt nicht die Stunde der großen Politik

Angela Merkel den Anschlag in Belgien zur Last zu legen ist Ausdruck von Komplexen, die dafür sorgen, den Menschen nicht mehr in den Mittelpunkt zu stellen.

Vielmehr haben Politikerinnen, wie von Storch und Lengsfeld, die Suche nach Aufmerksamkeit im Blick, nicht aber das, was jetzt wirklich helfen würde: Ruhe zu bewahren und in Stille zu trauern. Was wirklich gegen den Terror wirkt ist wenig, aber effektiv. Wir müssen weiter so leben wie bisher.

Wenn Frau Merkel einen anderen Kurs in der Flüchtlingspolitik fahren würde, dann würde die Zahl der Opfer nicht sinken, sondern steigen. Oder glaubt hier jemand wirklich, dass es den Anschlag in Brüssel nicht gegeben hätte, wenn wir die Flüchtlinge nicht aufgenommen hätten, sondern an der Grenze erschossen hätten?

Nein. Dann hätten wir eine Million Leichen an der europäischen Grenze, zuzüglich der 26 Opfer in Brüssel. Es ist jetzt nicht die Stunde der großen Politik. Es ist die Stunde der Empathie, Trauer, des Mitgefühls und des Anstandes.

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