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11/01/2016 04:38 CET | Aktualisiert 11/01/2017 06:12 CET

Warum es noch immer richtig ist, Flüchtlinge aufzunehmen

dpa

Es war das Bild des kleinen Jungen, der im Mittelmeer ertrunken ist und an den türkischen Strand gestrandet war, das uns geprägt hat. Das Signal, dass es so nicht weiter geht. Dass wir die Schutzbedürftigen aufnehmen müssen. Was wäre die Alternative?

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Wenn wir die Grenzen dicht machen, sehen wir neue Bilder von tausenden von Menschen, die an der europäischen Grenze verharren. Soll das Europa sein? Das wollen wir nicht. Deshalb haben wir gesagt, dass wie sie aufnehmen. Und das war die richtige Entscheidung. Auch nach den Ereignissen von Köln bleibt die Entscheidung bestehen und das ist auch richtig.

Lehren ziehen

Die Lehre aus der Silvesternacht ist die Fortsetzung einer Illustration über Neuankömmlinge. Sämtliche Nachrichten überschlugen sich, dass der syrische Arzt das deutsche Wirtschaftswunder 2.0 ankurbeln wird. Flüchtlinge verteilen Suppe, Tee und Blumen. Menschen stehen mit Plakaten an Bahnhöfen und begrüßen die Flüchtlinge.

Als hätte Deutschland nur darauf gewartet, dass Flüchtlinge aus dem Nahen Osten kommen. Als wären alle Flüchtlinge so kontaktfreudig, dass sie Blumen in der Fußgängerzone verteilen würden. Spätestens seit Köln wissen wir, dass es auch sexistische Flüchtlinge gibt, die unsere Frauen als Freiwild sehen, Diebstähle begehen, Frauen angrapschen und belästigen. Menschen, denen unser Rechtsstaat egal ist. Ja, das ist auch ein Teil der Wahrheit.

Volle Wahrheit

"Auch ein Teil der Wahrheit" bedeutet nicht, dass es die absolute Wahrheit ist. Es ist richtig, dass es Flüchtlinge gibt, für die wir lange brauchen werden, um sie zu integrieren. Sie gehören nicht zu Deutschland. Sie missachten unsere Gesetze, lernen nicht unsere Sprache und sollten, wenn sie Straftaten begangen haben, das ist das geltende Recht, zurück in ihre Heimat.

Kritische Stimmen hinterfragen zu recht, ob man diese Menschen tatsächlich nach Syrien schicken will. Nein, aber der Deal zwischen der Europäischen Union und der Türkei besagt, dass die Türkei abgeschobene Flüchtlinge aufnehmen muss. Im Gegenzug dafür bekommt die Türkei drei Milliarden Euro und Visa Freiheit voraussichtlich ab Oktober 2016. Die Türkei ist ein sicheres Herkunftsland. Es spricht nichts dagegen, straffällige Syrer in die Türkei abzuschieben.

Selbst nach der Genfer Konvention ist das Abschieben straffälliger Asylsuchender rechtens. Es ist legal und manchmal notwendig. Notwendig für die Sicherheitsinteressen der Bundesbürger, diese haben Priorität. Es ist vor allem für jene Flüchtlinge notwendig, die es auch nötig haben, in Sicherheit und Frieden zu leben. Die aber auch unsere Gesetze einhalten. Und das ist die volle Wahrheit: Die meisten Flüchtlinge halten sich an unsere Gesetze. Und die meisten Flüchtlinge werden unser Land bereichern.

Ja, es gibt auch Probleme und die müssen behoben werden. Aber insgesamt wird Deutschland davon profitieren. Sowohl wirtschaftlich als auch kulturell. Wichtig ist, was unter dem Strich dabei herauskommt. Insgesamt werden wir diesen Erfolg, der in erster Linie auch ein Erfolg aller zivilen Helferinnen und Helfer, ob ehrenamtlich oder hauptamtlich, zuschreiben und ihnen dankbar sein.

Guter Flüchtling. Böser Flüchtling.

Streng genommen werden oben nicht nur die Neuankömmlinge beschrieben, sondern auch unsere eigene Gesellschaft. Es gibt den deutschen Arzt, aber es gibt auch den deutschen Hooligan, dessen einziger Sinn in seinem Leben die Pöbelei jeden Samstag im Stadion während den Bundesligaspielen ist. Es gibt auch die Münchner Oktoberfeste jedes Jahr, an denen übrigens, nach Schätzungen der Polizei 200 Vergewaltigungen passieren, jedes Jahr.

Diebstähle begehen auch Deutsche, genau wie Pöbeleien, Sexismus und vieles mehr. Die Frage ist nun, warum wir ein besseres Verhalten als unsere von Flüchtlingen erwarten? Mit welcher Berechtigung? Flüchtlinge sind im Grunde wie wir. Es gibt solche und solche. Akademiker wie Facharbeiter, aber auch faule Menschen. Genau wie der Nachbar von Gegenüber. Sie sind wie wir. Es sind Menschen.

Das ist auch der Grund, warum wir Asylrecht in unserem Grundgesetz (Artikel 16a GG, für jene, die nachschlagen wollen!) garantieren. Weil wir eine zivilisierte Gesellschaft sind, den Menschen schätzen und würdigen. Aber wir dürfen von Flüchtlingen nicht mehr erwarten als von unserem Nachbarn. Es gibt nicht den guten oder den schlechten Flüchtling. Genauso wie es nicht den guten oder den schlechten Menschen an sich gibt.

Wir schaffen Köln

Die Ereignisse in Köln sind, das muss man ganz klar so sagen, ekelhaft. An dem Morgen, als ich die Nachrichten gelesen habe, konnte ich nicht frühstücken. Ich selbst habe Schwestern. Die Vorstellung, meine Mutter oder meine Schwester würde angegriffen, beklaut und gegen ihren Willen angefasst werden, hat mich wütend gemacht. Von Menschen, denen wir unsere Hand gereicht haben und geholfen haben.

Meine erste Frage war, was man mit mir machen würde, wenn ich mitten in Algerien, Syrien oder im Irak junge Mädchen anfassen und beklauen würde. Meine zweite Frage war, ob das unser Maßstab sein kann. Wenn ich im Irak ein junges Mädchen sexuell nötige und beklaue, werde ich an Ort und Stelle mit der Konsequenz konfrontiert. Ich würde wohl gesteinigt.

Aber der Grund, warum Deutschland so erfolgreich ist, wirtschaftlich und zivilisatorisch, ist genau die Tatsache, dass wir uns von diesen Ländern unterscheiden. Dass wir einen Rechtsstaat haben. Dass wir differenzieren. Nein, ich will keine Verhältnisse wie in Syrien oder im Irak. Deshalb vertraue ich auf den Rechtsstaat und bleibe gelassen. Das ist wohl das beste: Gelassenheit und Sachlichkeit. Wir müssen differenzieren, weil wir zivilisiert sind.

Straffällige müssen wir in ihre Heimat zurück schicken. Und Neuankömmlinge, die zu uns gekommen sind, weil sie unser Land bewundern und sich an unsere Gesetze halten, mit ihnen gestalten wir unsere Zukunft gemeinsam. Wir schaffen das. Wir schaffen auch Köln.

Einfach ruhig bleiben und differenzieren, nicht alles und jeden unter Generalverdacht stellen, aber auch die volle Wahrheit aussprechen, sollte die Devise lauten. Die Wahrheit ist, dass wir Zeit brauchen. Zeit für geordnete Verfahren und für Integration. Zeit für unseren Rechtsstaat. Zeit zum Nachdenken und Differenzieren. Zeit für unseren zivilisatorischen Charakter.

Deutschland wird sich verändern. Nicht nur im Zuge der Flüchtlingsfrage, sondern auch danach. In der Phase der Aufnahme wird es Probleme geben. Wir streiten demokratisch, in der Zivilgesellschaft und in den Parlamenten, wie wir die Probleme beheben können. Sobald die ersten statistisch belegbaren Ergebnisse zustande kommen, werden wir sagen: Ja, wir haben es geschafft. Und wir haben es gut gemacht. Deutschland wird auch aus dieser Krise gestärkt herausgehen. Wie so oft in der Geschichte.

Die sexuellen Übergriffe in Köln waren abscheulich und frauenverachtend. Und sie sind keine Ausnahme in Deutschland. Verbale und körperliche Belästigung sind trauriger Alltag für Frauen. Ob Samstags im Club, in der U-Bahn, auf den Straßen.

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Nach Köln: ZDF-Moderatorin begeistert Tausende mit ehrlichem Facebook-Post

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