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10/03/2016 05:34 CET | Aktualisiert 11/03/2017 06:12 CET

Flüchtlingspolitik: So naiv sind wir

DPA

Spätestens seit Herbst letzten Jahres debattiert ganz Deutschland und auch Europa über die Flüchtlingskrise. Teilweise entflammen Untergangsszenarien, Hass und Ängste werden geschürt. Allen voran die AfD macht Stimmung gegen Flüchtlinge.

Das Thema ist zweifelsfrei wichtig, aber ist die emotionale Form dieser Diskussion, die wir dieser Debatte einräumen, gerechtfertigt? Ein Debattenbeitrag.

Unsere ignorante und naive Haltung

Ich spreche von Naivität, wenn sich Menschen aufregen, weil wir in Europa über eine Million Flüchtlinge haben. Dieser unberechtigten Sorge möchte man entgegnen: Seid froh, dass es nur eine Million sind.

Was der Mensch verursacht hat, kann der Mensch auch lösen

Im Zeitalter des Internets, in der alle Welt von unserem Wohlstand erfährt und zusehen kann, wie wir es uns aussuchen können, was wir essen wollen, wie wir leben wollen, was wir fahren wollen und wie frei wir sind, wundert es mich persönlich, dass nicht die halbe Welt vor unserer Tür steht.

Fluchtursachen

Hungersnöte, Bürgerkriege, Unterdrückungen: Es gibt viele Fluchtursachen, auf die wir Menschen großen Einfluss haben. Es ist nicht naturgegeben, dass Menschen gefoltert werden müssen. Dafür ist die Spezies Homo Sapiens verantwortlich.

Nun, was der Mensch verursacht hat, kann der Mensch auch lösen, will man meinen. Oder auch fest daran glauben. Zumindest auf lange Sicht wünscht man sich, dass diese elendigen Zustände ein Ende haben.

Es gibt aber auch Fluchtursachen, auf die wir keinen Einfluss haben. Nicht selten lese ich im Netz, dass die Menschen doch in ihrer Heimat bleiben müssen, um ihr Land wieder aufzubauen.

Menschen fliehen, weil sie schlicht keinen Grund und Boden mehr haben

Unabhängig davon, dass man von alten Menschen, Frauen und Kindern so etwas nicht erwarten kann und auch von jungen Männern nicht erwarten kann, mit Steinen und Stöcken gegen moderne Waffen anzukämpfen, denken wir ein wenig weiter.

Umwelt: Da kommt noch was

Die Umweltbedingungen verändern sich. Auch da haben wir Menschen einen Einfluss. Wir könnten unseren Konsum überdenken und die Art, wie wir Ressourcen beschaffen und verarbeiten. Aber die Umwelt wird sich nicht durch ein Gesetz zum 01.01. eines jenen Jahres ändern.

Das ist etwas sehr, sehr langfristiges. Konsequenz? Die Menschen fliehen, weil sie schlicht keinen Grund und Boden mehr haben. Buchstäblich keine Luft mehr zum Atmen. Was wollen wir dann machen? Einen Zaun bauen?

Gibt es den Witz auch auf Portugiesisch, damit die Brasilianer gleich mitlachen können, deren Wälder in einer Fläche so groß wie Köln täglich gerodet werden? Von den wirtschaftlichen Verhältnissen ganz zu schweigen.

Zahlen, Daten, Fakten

Weltweit sind laut dem Report 2014 des UNHCR fast 60 Millionen Menschen auf der Flucht, darunter 19,5 Millionen Flüchtlinge, die ihre Heimat verlassen mussten, 38,2 Millionen als Vertriebene innerhalb ihres eigenen Landes.

So viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. 60 Millionen, die in andere Länder fliehen. Sie fliehen vor allem für bessere Verhältnisse. Bessere Verhältnisse wiederum, gehen mit wirtschaftlicher Stärke einher.

Wir können die Augen vor dem Elend der Welt nicht verschließen

Die Bundesrepublik Deutschland rangiert zwischen Platz 3 und 4 auf der Liste der reichsten Länder der Welt und der größten Volkswirtschaften. Es bekommt eine Million Flüchtlinge ab. Eine von 60. Das ist eigentlich ein guter Deal für Menschen, die Angst vor Fremden haben. Denn ganz entschließen, kann man sich aus den Ereignissen der Welt nicht.

Zurzeit haben wir das Mindeste an Flüchtlingen aufgenommen. Länder wie Jordanien oder Libanon haben mehr Flüchtlinge aufgenommen als wir. Und an diese Zeiten wird man sich erinnern, wenn die halbe Welt zusammenbricht, weil die Umwelt unseren Lebensstil nicht mehr trägt.

Dann wird selbst der besorgteste Bürger aller Besorgten sich nach Zeiten wie diesen, an denen nur eine Million Menschen zu uns gekommen sind, sehnen.

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit dem Spendenportal Betterplace.org stellt die Huffington Post spannende Projekte vor, die ihr direkt unterstützen könnt:


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