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14/01/2016 03:52 CET | Aktualisiert 14/01/2017 06:12 CET

Die Vernachlässigten

Leren Lu via Getty Images

Meine lieben Mitmenschen, wir müssen reden. Wir müssen über unsere Frauen reden, insbesondere über jene Frauen, die zum Ende des Monats bei der Bank abermals um einen Dispo bitten müssen. Die sich Gedanken machen müssen, wie die Klassenfahrt ihres Kindes finanziert werden soll. Das Kind, das sie alleine aufziehen. Alleinerziehende Mütter.

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Man kann es auch als verzweifelte und allein gelassene Frauen betiteln, die eigentlich einen Grundpfeiler unserer Gesellschaft schaffen: Unser Nachkommen und die Zukunft dieses Landes. Was tun wir, um es den betroffenen Frauen einfacher zu machen? Man kann sagen, wir tun alles, um es ihnen schwieriger zu machen. Alleinerziehende Mutter zu sein bedeutet der sichere Weg in die Armut und später dann erst recht im Alter.

Einige Fakten

-Wir verbuchen in Deutschland immer weniger Familien, dagegen wächst die Zahl der alleinerziehenden Mütter und Väter. Frauen verdienen allerdings nach wie vor weniger als Männer und sind finanziell schlechter dran. Waren es im Jahr 1996 9,4 Mio. Familien in Deutschland, sind es 2009 8,2 Mio. gewesen.

-Wenn über Alleinerziehende gesprochen wird, muss man angesichts der Tatsache, dass 90% der alleinerziehenden Frauen sind, auch über Frauen sprechen. In seltenen Fällen sind es Männer, die ihr Kind alleine erziehen. Hinzu verdienen Frauen durchschnittlich 20% weniger als Männer.

-42% der alleinerziehenden Mütter haben neben ihrer Verantwortung dem Kind gegenüber eine Vollzeitstelle. Über ein Drittel der Frauen sind von Altersarmut betroffen, denn sie leben von Sozialhilfe. Besonders schlecht geht es Frauen, die kleine Kinder unter 3 Jahren haben. Rund 650.000 alleinerziehende Mütter, die eine Million Kinder erziehen, beziehen Hartz IV.

-2,18 Mio. Kinder unter 18 Jahren leben in Alleinerziehenden Haushalten. Das sind 16% aller Kinder in Deutschland unter 18 Jahren in Familien.

Alleinerziehende müssen überproportional mit Altersarmut rechnen. Dieses wird durch die deutlich schlechtere Einkommen unweigerlich gefördert. Vor der gegenwärtigen Armut müssen sich Alleinerziehende mit kleinen Kindern bis zu drei Jahren fürchten: 800.000 Kinder. Bereits jetzt können ein Viertel der Betroffenen die Heizkosten nicht begleichen.

Ja, wir sprechen tatsächlich nur über Deutschland.

Perspektivlos. Ratlos. Allein.

Kinder, die generell in armen Haushalten aufwachsen, werden wahrscheinlicher krank oder erreichen einen niedrigeren Bildungsstand. Das erschwert den Zugang zum Arbeitsmarkt, allein die Hoffnung auf eine Berufsausbildung ist gering, geschweige denn die Hoffnung auf eine akademische Laufbahn.

Im Prinzip wird dadurch, dass offenkundig zu wenig für Alleinerziehende gemacht wird, Potenzial für unsere Zukunft vergeudet. Die Gesellschaft zeigt diesen Menschen den Mittelfinger. Am Ende werden wir alle darunter leiden, wenn die Kosten für Sozialleistungen steigen und uns die Fachkräfte in wesentlichen Branchen fehlen.

Es ist auch kein Trost zu wissen, dass wir alle klug sind. Die einen eben vorher, die anderen nachher. Zu spät ist eben zu spät. Deshalb ist dringendes Handeln eine Notwendigkeit.

Vom Leid der Alleinerziehenden zum Leid der Wirtschaft

Es müsste im großen Interesse der freien Wirtschaft sein, alleinerziehende Mütter stärker zu unterstützen. Die größte Branche in Deutschland ist die der Gesundheit. Dabei geht es um das Wohlergehen unserer immer älter werdenden Gesellschaft.

Mehr als 4,5 Millionen Menschen arbeiten in der Gesundheitsbranche und die Nachfrage nach den Fachkräften steigt stetig. Unsere Gesellschaft bekommt ohnehin immer weniger Nachwuchs und wird immer älter.

Die wenigen, die noch geboren werden, sind die einzigen Ressourcen unseres Landes. Da dürfen wir einen beachtlichen Teil der Kinder nicht noch vernachlässigen.

Wenn Alleinerziehende mehr Geld zur Verfügung gestellt bekommen, können sie sich die frühkindliche Betreuung und eine angemessene Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen, wie Klassenfahrten, politische Teilhabe, Mitwirkung in Sport und anderen Verbänden leisten.

Das führt nachweislich zu einem höheren Bildungsgrad, den die Kinder später als Qualifikation für den Zugang zum Arbeitsmarkt brauchen. Wir dürfen zumindest in dieser Frage keine Masochisten sein und uns selbst weh tun, indem wir unsere Kinder im Stich lassen.

Für eine funktionierende Wirtschaft müssen wir uns verstärkt für die Qualität unserer Zukunft einsetzen. Und die Zukunft sind bekanntlich die Kinder, auch die Kinder der Alleinerziehenden. Die Probleme der Alleinerziehenden werden sich bereits mittelfristig auf dem Arbeitsmarkt wiederspiegeln.

Geben wir den Frauen ihre Möglichkeit

Mütter wollen mehr für ihre Kinder tun. Sie wollen nicht angewiesen sein auf den Staat und damit auf die Allgemeinheit. Frauen wollen arbeiten, selbst für ihren Unterhalt sorgen und ihre Kinder aus eigener Kraft großziehen. Mütter wollen das beste für ihre Kinder, sie wollen Vorbilder sein. Diesen Anspruch zu erfüllen bedarf Unterstützung.

Dabei geht es aber nicht um Unterstützung in Form von Sozialleistungen, sondern um die Möglichkeit zu bieten. Betreuung für ihre Kinder auch zu Zeiten, die eine berufliche Tätigkeit nicht ausschließen. Eine Bäckereifachverkäuferin, die um 7 Uhr anfangen muss zu arbeiten, kann ihr Kind nicht um 8 Uhr in die Kita bringen.

Kinderbetreuung flächendeckend in der Bundesrepublik zu kompatiblen Zeiten muss eine Selbstverständlichkeit sein. Wenn eine Kita um 06:30 Uhr seine Türen öffnet, kann eine Frau um 7 Uhr auf der Arbeit sein. Das müssen wir möglich machen. Somit schaffen wir auch Platz für mehr Fachkraft in der Kinderbetreuung. Ein wirtschaftlicher Gewinn für alle. Insbesondere für alleinerziehende Mütter.

Die berufliche Weiterbildung von Frauen zu erweitern, dazu zählt auch eine Umschulung, muss ebenso dazu gehören. Oft finden Frauen keinen Arbeitsplatz in ihrem erlernten Beruf und müssen sich neu orientieren.

Dazu fehlt meist die finanzielle Möglichkeit. Die schulischen Hürden müssen abgeschafft, finanzielle Möglichkeiten geboten werden. Betroffene können sich neu orientieren und ein Gewinn für den Arbeitsmarkt sein.

Väter stärker zur Verantwortung ziehen

Darüber hinaus müssen Väter stärker zur Verantwortung gezogen werden. Die wenigsten alleinerziehenden Frauen sind es freiwillig. Die Väter entziehen sich oft aus ihrer Verantwortung und zahlen meist auch keinen Unterhalt. Das ist strafbar, wird aber geduldet. Dieses Defizit wird dann mit dem Unterhaltsvorschuss gedeckt, von Steuergeldern.

Es handelt sich immerhin um mehrere Millionen Euro. Vielleicht bin ich jetzt zu pauschal, aber ein Mann, der kein Unterhalt zahlt, obwohl er könnte, der seine Ex vom Staat bewusst in die Abhängigkeit treibt, betreibt meines Erachtens Steuerbetrug auf Kosten der Allgemeinheit.

Möglicherweise schaffen wir damit mehr Bürokratie, indem wir die Väter, die es können, zur Verantwortung ziehen. Aber wir schaffen auch mehr Gerechtigkeit.

Alleinerziehende Menschen verdienen für ihre Leistungen großen Respekt. Wir müssen dies in Form von Gerechtigkeit, Anerkennung und Unterstützung durch Rahmenbedingungen würdigen. Das ist das mindeste, das wir tun können. Das wir tun müssen.

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