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13/12/2016 15:57 CET | Aktualisiert 14/12/2017 06:12 CET

"Nein, wir sind nur in Deutschland zu Hause" - warum der Doppelpass Schwachsinn ist

Falls Sie jetzt gehofft haben, lange und mühevoll geschriebene Argumente für den Doppelpass lesen zu können, dann muss ich Sie enttäuschen. Denn die gibt es auch nicht. Einen objektiv sinnvollen Grund für den Doppelpass kann man sich versuchen zu erklären wie man will, aber Sie werden nicht fündig. Einige subjektive Empfindungen und Wünsche könnten Sie allerdings sehr wohl antreffen auf der Suche nach dem Sinn der doppelten Staatsangehörigkeit.

Wie deutsch bist du?

Klar: In Deutschland geboren und aufgewachsen, sprechen Betroffene mittlerweile besseres Deutsch als Türkisch, sie sind Deutsche. Da sind sich auch die jungen Menschen, deren Eltern woanders her stammen, einig. Oft heißen sie dann trotzdem noch, wie in meinem Fall, Ahmed oder Hasan.

Wie fühle ich mich? Beantworten Sie die Frage doch einmal für sich selbst. Wie fühlen Sie sich? Wie fühlt man sich deutsch oder türkisch? Ich weiß es nicht. Objektiv lebe ich mit einem Maximilian im selben Land, mein Sitznachbar in der Schule hieß Dennis und er schrieb gerne von mir ab.

Mein Mathelehrer hatte einen rheinländischen Akzent und meine Klassenlehrerin hatte das gewisse etwas einer Hanseatin. Ich glaube, dass ich auch wegen ihr in Hamburg studiere, sie hat mich sehr geprägt. Das klingt doch alles ziemlich deutsch.

Wie türkisch bist du?

Klar: Die Eltern sind beide in der Türkei geboren und aufgewachsen. Sie sind dort sozialisiert worden, vieles von dem, was sie mitgebracht haben, nennen wir heute Kultur und pflegen es. Mehr oder weniger sinnvoll, je nach dem. Sie sprechen heute noch Türkisch besser als Deutsch, anderes kann man auch nicht abverlangen, wenn sie erst mit Mitte 20 nach Deutschland gekommen sind.

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Aber sie fallen auch niemandem zur Last, haben ihre gute Stelle, ein schönes Haus und einen großen Garten. Dort treffen wir uns mit der ganzen Familie und Freunden gerne mal zum Grillen. Es läuft nebenbei türkische Musik, meine Mutter hat Börek gebacken und auf dem Tisch der türkische Tee. Wie fühle ich mich? Ziemlich wohl. Ich bin doch bei meiner Familie. Und Familien sind immer etwas anderes, etwas besonderes, ganz gleich welcher kulturelle Hintergrund.

Die Angst, etwas aufzugeben

Jetzt haben Sie einen kurzen und hoffentlich auch einen spannenden Ausflug in mein Leben genossen. Es ist ein Leben und nicht zwei. Es sind nicht zwei Welten, wie so viele es versuchen, darzustellen, es ist ein und derselbe Mensch. Ich entscheide mich nicht für oder gegen das eine, indem ich den einen Pass weglege. Ohnehin muss ich nicht ständig darauf schauen, wer ich denn nun bin. Das fühlt man.

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Wenn Sie sich bei amerikanischen Sitcoms vor Lachen nicht mehr einkriegen und den Humor toll finden brauchen Sie keinen US-Pass. Wenn Sie gerne jeden Freitag als Einklang in das Wochenende Pizza bestellen, brauchen Sie keinen italienischen Pass. Und ich brauche keinen türkischen Pass, um die Börek und den Tee bei meinen Eltern genießen zu dürfen. Ich kann beides ganz ohne das Papier.

Oft lese ich Beiträge von Befürwortern einer doppelten Staatsbürgerschaft und sie verknüpfen diese Frage mit der Identität. Sie geben doch keine Identität auf, weil sie die Staatsangehörigkeit nicht mehr besitzen. Die Angst, etwas aufzugeben, ist unberechtigt. Denn sie geben nichts auf. Sie erkennen nur die Tatsache an, dass sie Bürger dieses einen Landes, Deutschlands sind.

Wie Sie merken, plädiere ich nicht nur dafür, den Doppelpass abzuschaffen, sondern gleichzeitig werbe ich dafür, sich dann für die deutsche Staatsbürgerschaft zu entscheiden. Ich konnte Sie nicht bedienen mit Pro Argumenten, denn die sehe ich auch nicht. Objektiv leben wir in Deutschland und nichts spricht dagegen, dass wir mit einer Bundesrepublik Deutschland Überschrift auf dem Pass Börek essen und Tee trinken. Niemand muss etwas aufgeben, nur eben die Illusion, man wäre auch in der Türkei zu Hause. Nein, wir sind nur in Deutschland zu Hause.

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