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22/11/2015 10:01 CET | Aktualisiert 22/11/2016 06:12 CET

Flüchtlingskrise: Was wir brauchen, ist christliche Nächstenliebe

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Die politische Führung in Deutschland ist dem Anspruch der christlichen Nächstenliebe gerechter geworden als die eigene Bevölkerung. Die sogenannten besorgten Bürger haben genau diese wichtige Lehre des Christentums, den sie durch die Flüchtlinge bedroht sehen und die Neuankömmlinge als eine Gefahr definieren, nicht mitgetragen.

Der Widerspruch in sich. Jemand, der das Christentum nicht lebt und es selbst dadurch in die Bedeutungslosigkeit versinken lässt, beschuldigt die Flüchtlinge damit, dass die christlichen Werte verloren gehen würden.

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In der Tat ist die Bedrohung der Nächstenliebe gefährlich, wenn wir keine Lehrer mehr haben, die am Morgen ein Butterbrot mehr schmieren, weil sie wissen, dass einer ihrer Schüler von Haus aus nichts mitbekommt.

Wenn der Nachbar von nebenan den Studenten in der Nachbarschaft nicht mehr hilft, weil sie zum Ende des Monats in einen leeren Kühlschrank blicken. Wenn der örtliche Pastor die Obdachlosen über den Winter nicht mehr in der Kirche schlafen lässt, weil sie sonst der eisigen Kälte ausgeliefert wären.

Das ist das Ende einer solidarischen Gesellschaft. Das Ende der Nächstenliebe und der christlichen Werte, die wir aktueller denn je brauchen.

Doch wer bedroht diese Nächstenliebe, die von Jesus an uns übergeben wurde, über mehrere Generationen? Wer hat der Nächstenliebe den Kampf angesagt? Sind es die Flüchtlinge, wie viele zurzeit behaupten? Bedrohen tatsächlich Neuankömmlinge das christliche Abendland? Oder vielleicht doch die Christen selbst?

Es geht um Identität.

Der Humanismus ist zunächst keine Frage von Religon. Der Humanismus ist eine Frage von Herzlichkeit, Willkommenskultur und Solidarität. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Das ist eine allgemein akzeptierte, dennoch in weiten Teilen der Bevölkerung vernachlässigte, Moral.

Es ist mehr als schade, dass die Sitzbänke in den Kirchen, mittlerweile voller Staub bedeckt, auf die Gläubigen warten. Dass der Pastor vor wenigen Menschen seine Predigt hält und die letzten zum Christentum gestandenen über das Christentum lehrt.

Weshalb das so ist, muss jeder für sich selbst beantworten. Um aber ein guter Mensch zu sein, muss man kein Christ, Moslem oder Jude sein. Es gibt auch nette Atheisten. Offensichtlich ist das keine Frage von Religion, aber eine Frage von Identität.

Wenn ein Christ, Moslem oder ein Jude sich als solcher bezeichnet, dann weil er sich dem verbunden fühlt. Wenn sich aber die Mehrheit in unserer Gesellschaft auf das Christentum beruht, dann kann sie das Land mit seiner friedlichsten Lesart prägen: Mit der Nächstenliebe.

Es ist nicht meine Aufgabe, anderen vorzuschreiben, dass sie das Christentum praktizieren sollen. Es ist aber meine Aufgabe, vor einer Bedrohung zu warnen. Wir werden unsere Bundesrepublik Deutschland nicht wiedererkennen, wenn wir die christlichen Werte weiter vernachlässigen werden.

Ich sehe es als ein Teil meiner Verantwortung an, gerade als Außenstehender, meine christlichen Freunde dazu zu animieren, dass sie zu ihrer Religion, zu ihrer Philosophie und zu ihrer Historie stehen.

Das Christentum und das Judentum gehören zu Deutschland, das ist durch die Historie begründet. Das Christentum als solches und die Philosophie der Nächstenliebe sind erst dann bedroht, wenn wir, die Mehrheit der Bevölkerung, sie nicht mehr leben. Und das ist tatsächlich keine positive Entwicklung für unser Land.

Nächstenliebe: außer Dienst?

Sich nach einer philosophischen Lehre zu orientieren, bedarf mehr Aufwand als der Lifestyle, als eine Art U-Boot Christ zu leben. Wir binden den Pastor früh in unser Leben ein, indem wir ihn zur Taufe unserer Kinder beauftragen.

Lange Zeit bekommt dieser Pastor keine Gelegenheit, den Kindern etwas von der Leitkultur und den Werten unseres Landes weiterzugeben. Erst während der Pubertät, also einer Zeit, in der Kinder am wenigsten auf ältere Menschen hören, schicken wir die Kinder zur Konfirmation oder zur Kommunion.

In der Hoffnung, dass die Kinder dann noch ausreichend christlich geprägt sind, darf der Pastor womöglich auf seinen Einsatz bei der Eheschließung hoffen. Auf jeden Fall aber wird der Pastor zur Beerdigung eingeladen, wenn es um Leben und Tod geht, fühlen wir uns Gott am ehesten nahe.

Unsere Werte leben dauerhaft im Alltag und nicht temporär in einigen Lebensabschnitten. Werte kennen keinen Feierabend, sie sind immer im Dienst, zu Diensten.

Wenn du es lebst, existiert es und niemand kann es dir nehmen!

Wir machen es uns zu einfach, wenn wir die Flüchtlinge damit beschuldigen, dass die christlichen Werte verloren gehen. Ohnehin fliehen die Schutzbedürftigen vor Terror und Krieg, sie haben vielmehr ein Interesse daran, an unseren zivilisatorischen Errungenschaften teilzuhaben.

Dazu gehört die Demokratie, die Selbstverständlichkeit, dass die Bürger geachtet und beschützt werden. Die Selbstverständlichkeit von rechtsstaatlicher Ordnung und Stabilität.

Warum sollte eine Familie ihr Hab und Gut verkaufen, mit wenigen Taschen sich auf den riskanten Weg machen, bis hierher kommen zu können, um hier dasselbe aufzubauen, vor dem sie in ihrer Heimat geflohen sind? Sie sind geflohen davor, dass Religion falsch ausgelegt wurde.

Sie sind geflohen vor Korruption, Diktatur und Folter. Wir haben ein Interesse daran, dass die Flüchtlinge sich schnell in unser Land integrieren. Dass sie sich mit der Bundesrepublik Deutschland und seinen Werten identifizieren können und sich hier heimisch fühlen.

Wozu sonst haben wir unsere Museen, Theater und die Monumente, die uns und unsere Geschichten erzählen? Jetzt ist es an der Zeit, dass genau diese Orte zum Einsatz kommen. Orte, die unsere Kunst, Kultur, Philosophie und nicht zuletzt unsere Errungenschaften erzählen.

Sie erzählen Geschichten, was hier so passiert ist. Sie erzählen unsere Geschichte. Unsere Errungenschaften, unsere Peinlichkeiten. Unsere teilweise helle und teilweise dunkle Vergangenheit. Uns.

Es geht um Identität und das ist auch gut so. Wenn wir unsere Familien lieben, die Älteren in der Gesellschaft ehren und unseren Kindern alle Möglichkeit dieser Welt bieten, dann fällt uns die Gestaltung unseres Landes einfacher.

Die Demokratie lebt davon, dass wir lebhaft diskutieren und miteinander friedlich kommunizieren. Das Herz der Demokratie sind die Parlamente. Das Gehirn aber sind die Familien, dort liegt die Wurzel für unser Frieden in der Gesellschaft. Den Kindern den Frieden zu erklären, damit sie anderen nicht den Krieg erklären, sollte zu einer Maxime in der Erziehung werden.

Unsere Werte leben

Das Geschehene müssen wir sowohl den Neuankömmlingen als auch an kommende Generationen weiter erzählen. Damit sie aus unseren Erfahrungen lernen, dieselben Fehler nicht wiederholen und die Kultur hierzulande besser verstehen. Wir müssen aber, das ist der entscheidende Punkt, unsere Werte leben, damit sie am Leben gehalten werden.

Die Kirchen müssen besucht, das Christentum muss gelebt werden. Das ist wichtig für ein christlich jüdisch geprägtes Land. Die Werte müssen verstärkt in unseren Alltag. Nur so ist das Christentum geschützt, andernfalls bedroht. Das liegt in der Macht der Christen selbst.

Und nein, die Christen müssen sich für die Gräueltaten aus den frühen Jahrhunderten nicht entschuldigen. Nicht für die Hexenjagd und nicht für die Kreuzzüge. Kein Christ muss sich von der aktuellen Bedrohung und dem Terror der 'Lord's Resistance Army' in Zentral Afrika distanzieren. Genauso wenig wie sich Muslime vom IS distanzieren müssen.

Der IS hat mit dem Islam genauso wenig zu tun wie die Lord's Resistance Army mit dem Christentum. Das sind Terroristen. Das sind durchgeknallte, kriminelle Menschen, die jeweils die besagten Religionsgemeinschaften falsch auslegen.

Leben und leben lassen, die Nächstenliebe durch menschliche Taten aus dem Herzen am Leben halten. Das ist unser Anspruch, das ist unsere Leitkultur. Darauf wäre Jesus heute stolz, vermutlich würde er sagen: "Wir schaffen das!".

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