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20/03/2016 05:41 CET | Aktualisiert 21/03/2017 06:12 CET

"Lieber Herr Westerwelle, es war eine Ehre für Sie zu arbeiten."

Michael Gottschalk via Getty Images

Ich erinnere mich noch als wäre es gestern gewesen, als ich Guido Westerwelle das erste Mal die Hand schütteln durfte, am 1. Mai 2007. Mein erster Eindruck war Erstaunen darüber, wie spielend leicht er mit seiner Energie jeden Raum, Saal oder Platz einnahm, in dem er sich aufhielt oder zu dem er sprach.

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Die anschließenden Jahre vergingen in einem Sturm des politischen Auf und Ab - Guido Westerwelle selbst blieb aber immer derselbe. Ein scharfer Denker, ein begnadeter Redner, ein Politiker mit klarem Kompass und in seinem Antrieb ohne Gleichen - prägend für eine ganze politische und gesellschaftliche Generation. Er vermochte es, bis zuletzt, Hoffnung, Zuversicht und Antrieb zugleich zu leben und zu vermitteln - eine Gabe, die man in diesem Land dieser Tage schwer vermisst.

Und all diejenigen, die das Glück hatten, ihn persönlich kennenzulernen, werden bezeugen können, dass er vor allen anderen Dingen ein warmherziger Mensch war, voller Begeisterung für das Leben, voller Liebe, Respekt und Aufrichtigkeit.

Zwei Tage nach seiner Vereidigung als Außenminister durfte ich ihn auf einer kleinen Inlandsreise begleiten. Ich hatte ihn seit der Vereidigung nicht gesehen, war früh am militärischen Teil des Flughafens Tegel und wartete in der Maschine der Flugbereitschaft auf ihn.

Es war eine aufregende Zeit. Als er einstieg, begrüßte ich ihn, wie ich es als guter Politikwissenschaftler gelernt hatte, 'Guten Morgen, Herr Minister'. Er schaute mich an und entgegnete: 'Herr Sisani, das lassen Sie sofort wieder sein. Nennen Sie mich beim Namen, so wie die ganze Zeit zuvor auch.' Ich wehrte mich mit dem Hinweis, dass wir zu hart gearbeitet hätten, um es hierher zu schaffen und ob ich es zumindest einmal pro Woche sagen dürfte. Er lachte laut und sagte: 'In Ordnung. Aber nur einmal die Woche. Ich möchte nur nicht, dass Sie mich jetzt auf einmal anders behandeln.'

Guido Westerwelle war mein erster Chef, er hat mich gefördert und gewiss auch gefordert. Er hat mich in einer Art und Weise für mein Leben beeinflusst, wie es wenige andere getan haben. Daran werde ich mich stets erinnern. Und als den großartigen Menschen, der er war, werde ich ihn immer in Ehren halten. Die Welt ist heute sehr viel ärmer geworden.

Lieber Herr Westerwelle, es war eine große Ehre, Sie zu kennen und für Sie zu arbeiten. Jetzt ist es an uns, Ihre Werte und Ihren Traum einer besseren, liberaleren und friedlicheren Welt in die Zukunft zu tragen. In einem der ersten Interviews, die ich für Sie begleitet habe, haben Sie gesagt: 'Man wird sehen, ob das gelingt. Aber ich bin da zuversichtlich.' Das kann ich nur unterschreiben. Mögen Sie in Frieden ruhen.

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