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23/12/2016 09:31 CET | Aktualisiert 24/12/2017 06:12 CET

Ich war radikaler Islamist - es gibt nur eine Sache, die wirklich gegen Terror hilft

Rodi Said / Reuters

Anfang dieser Woche wurden wir Zeugen zweier entsetzlicher Gewaltakte. In Berlin raste ein Lastwagen auf einen gut besuchten Weihnachtsmarkt und tötete dabei zwölf Menschen, viele mehr wurden verletzt.

In Ankara mussten wir mit ansehen, wie Mevlut Mert Altintas, ein aufständischer Polizeibeamter, den russischen Botschafter Andrei Karlov ermordete.

Der Anschlag am Montag in Berlin erinnerte an das Attentat in Nizza im Juli dieses Jahres, bei dem 86 Menschen getötet worden sind. Beide Anschläge zeigen, dass Terroristen keine ausgeklügelten Befehlshaber, Kontrollinstanzen oder Quellen brauchen, um „effektiv" handeln zu können.

Mitte dieses Monats wurde in Ludwigshafen ein ähnlicher Anschlag wie in Berlin vereitelt. Der (potenzielle) Attentäter war ein zwölfjähriger Junge irakischer Abstammung, geboren und aufgewachsen in Deutschland.

Ein IS-Mitglied radikalisiert den Jungen online

Ein IS-Mitglied radikalisierte den Jungen online und gab ihm Anweisungen, einen Rucksack mit einer selbst hergestellten Bombe an einem Ludwigshafener Weihnachtsmarkt zu platzieren.

Wäre sein verdächtiges Verhalten nicht gemeldet worden, hätten wir ähnliche Szenen zu Gesicht bekommen wie in Berlin. Es ist weder schwer, eine Nagelbombe herzustellen, noch sie in einer Menschenmenge zu positionieren (Anmerkung der Redaktion: Die Bombe war nicht scharf).

Gruppen wie der IS rufen seit langem zum Einsatz von minderwertigen Waffentechniken und Taktiken auf, die leicht umsetzbar sind und so die Stolperdrähte der Ermittler umgehen können.

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So konnte ein Zwölfjähriger fast einen Anschlag ausführen - eine so junge Person wird selten von den Behörden überwacht und ist wegen ihres labilen Wesens leichter zu beeindrucken.

Die Täter sind fast immer junge Männer, die politische Gründe als Motivation für die Attacken nennen. Der Mord am russischen Botschafter erinnerte an Lee Rigby, der von Michael Adebolajo getötet wurde. Adebolajo stach den Soldaten Rigby am helllichten Tage auf einer belebten Straße nieder.

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Augenzeugen erinnern sich an seine Worte nach der Tat, als er nach seinen Beweggründen gefragt wurde: „Der einzige Grund, warum wir diesen Mann heute getötet haben, ist, weil jeden Tag Muslime durch britische Soldaten sterben. Dieser britische Soldat ist einer von ihnen - Auge um Auge, Zahn um Zahn."

Mevlut Mert Altintas wurde kurz nach dem Mordanschlag gefilmt, während er rief: „Wir sterben in Aleppo, du stirbst hier", gefolgt von „Allahu Akbar, wir sind die Nachkommen jener, die den Propheten gefolgt sind - für den Jihad."

Obwohl politische Missstände als Gründe für terroristische Anschläge am häufigsten zitiert werden, ist es wichtig, nicht zu vergessen, dass es die islamistische Ideologie ist, die den Gewaltakt letztlich rechtfertigt.

Die Attacken in Berlin und Ankara, vor allem in Ankara, sind die Manifestationen einer extremistischen Ideologie, deren Ansichten ich damals geteilt habe. Als reformierter Extremist kann ich besser als die meisten die islamistischen Plattformen identifizieren, von denen diese jungen Männer aus agieren.

Von meiner Zeit als Mitglied der Al Muhajiroun, einer nun verbotenen terroristischen Gruppe im Vereinigten Königreich, erinnere ich mich gut an die ausbeuterischen Züge, die entstehen, wenn religiöse Ideologien mit geopolitischen Bestrebungen vermischt werden.

Unsere politischen Proteste wurden durch die gewalttätige Natur der islamistischen Ideologie gerechtfertigt und das inspirierte uns zu potenziellen Terrorakten in London.

Der Prozess der Radikalisierung wird immer kürzer und leichte Ziele und der Einsatz von Waffen sind immer weniger vorhersehbar.

Wir erreichen eine neues Zeitalter des Terrorismus

Wir erreichen eine neues Zeitalter des Terrorismus. Womit wir nun zurecht kommen müssen, ist eine internationale Vereinigung der Gewalt, der eine schädliche Auslegung des Islam zugrunde liegt, die Gewaltakte wie jene als legitime Arten und Weisen, Gott zu dienen, ansehen.

Wir müssen unsere Vorgehen überdenken und Extremismus durch ein tiefgründiges Verständnis des Radikalisierungsprozesses, den diese Männer durchlaufen, um Gewaltakte auszuüben, vorbeugen. Wir müssen uns islamistischer Ideologie widersetzen, genauso wie wir Gewaltakte verhindern müssen, indem wir ein reformiertes Gegen-Narrativ entwickeln und so den Islam wieder entradikalisieren.

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Nur, indem wir der extremistischen Auslegung des Korans starke Alternativen bieten, können wir die Herzen und Köpfe der gefährdeten Individuen, die sich allzu leicht von extremistischen Narrativen gefangen nehmen lassen, zurückgewinnen.

In der Praxis bedeutet das, dass wir ein Informationsmonopol schaffen müssen, das eine entgegengesetzte Botschaft verkündet mit authentischeren, toleranteren Interpretationen. Solche Attacken, wie sie zuletzt in Berlin und Ankara verübt worden sind, zu verhindern, ist extrem schwierig.

Die beste Gelegenheit, sie zu reduzieren, ist, indem wir potenzielle Terroristen ideologisch verhungern lassen und so den Weg zu extremistischen Gruppen, die die beiden Anschläge der letzten Woche verbinden, erschweren.

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