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29/01/2017 12:38 CET | Aktualisiert 30/01/2018 06:12 CET

"Du bist schön! Du brauchst keine Karriere" - warum ich es satt habe, nach meinem Aussehen beurteilt zu werden

gettystock

Vor ein paar Monaten löste der Kommentar eines Freundes unter einem Facebook-Foto eine Diskussion über die Vorteile von gutem Aussehen zwischen uns aus. Obwohl die ganze Diskussion sich um meine offensichtliche Schönheit drehte, konnte ich nicht anders, als mich furchtbar angegriffen zu fühlen.

Bis ich 18 wurde, war mir bewusst, dass ich nicht unbedingt das bin, was man als konventionell hübsch bezeichnen würde. Wenn ich in den Spiegel blickte, schaute ein eigenartig kantiges Gesicht mit buschigen Augenbrauen und Pauswangen zurück. Das störte mich ein wenig.

Mir war es vor allem wichtig, eine starke Persönlichkeit und essenzielle Fähigkeiten zu entwickeln. Da mir nicht ständig eine Horde Bewunderer überall hin folgte, genoss ich das bisschen Aufmerksamkeit, das ich bekam.

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Es fühlte sich gut an zu wissen, dass manche Leute über die äußere Erscheinung hinwegsehen konnten. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie verächtlich ich auf Mädchen hinabschaute, die aufgetakelt wie Barbie-Puppen durch Einkaufszentren stolzierten und dabei ihre Freunde wie frisch erworbene Gucci-Accessoires zur Schau stellten (ich war damals ziemlich voreingenommen).

Die Leute nahmen meine Veränderung wahr

Während meines letzten Schuljahrs beugten sich meine Ideale den eher grundlegenden Bedürfnissen meiner Hormone und ich verknallte mich extrem in einen durchtrainierten Möchtegern-Sportler. Er war alles, was ich mir nur wünschen konnte - mit 17 war ich ziemlich leicht zu beeindrucken.

Es hätte mir gereicht, nur zu wissen, dass er mich auch mag. Ich war hin und weg. Ich versuchte, ihn mit geistreichen Gesprächen zu beeindrucken, aber keine Chance. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, den außergewöhnlich wohlproportionierten Körper eines Mädchen, das am anderen Ende des Raums stand, zu taxieren. Mir war das so peinlich und ich war so verletzt, dass ich mich nicht noch einmal traute, mit ihm zu reden. Zum ersten Mal in meinem Leben hasste ich mein Aussehen.

Das ging so weiter bis zu meinem zweiten Studienjahr - und dann vollzog sich ein plötzlicher Wandel. Ich nahm ab (und legte an den richtigen Stellen sogar etwas zu), ließ meine Haare wachsen und arbeitete an meiner Körperhaltung. Das hässliche Entlein wurde endlich zum Schwan.

Die Leute nahmen meine Veränderung wahr und schließlich setzte mein Herz jedes Mal einen Schlag aus, wenn mich jemand mit brennender Begeisterung ansah. Jeder wird gerne bewundert, dagegen war auch ich nicht immun. Eine Zeitlang vergaß ich das Mädchen, das Oberflächlichkeit so hart verurteilt hatte. Ich badete in der Aufmerksamkeit und gab vor meinen Freunden damit sogar an.

Egal wie gut meine Noten waren, ich galt nie als intelligent

Das war vor vier Jahren, und ich frage mich nun, da ich ein neues Leben aufbaue, ob gutes Aussehen wohl ein Segen oder eine Bürde ist? Ich brauchte nicht lange, um zu merken, dass ich ziemlich anders war als meine Kommilitonen.

Ich war nicht intellektuell genug, weil meine Sätze nicht mit Foucault begannen und mit Shakespeare endeten. Ich interessierte mich für Bestseller-Literatur und Filme, hörte anderssprachige Musik als englische und traute mich sogar, meine Gefühle offen in den sozialen Medien zu zeigen.

Die gebildete Menge fand mich gekünstelt und unerträglich und schon bald galt ich als "intellektuell unattraktiv". Egal wie gut meine Noten waren, ich galt nie als intelligent. Natürlich verletzte mich das.

Jeder darf seine Meinung haben, aber warum habe ich nie eine Chance bekommen? Niemand wusste, dass ich für jedes Buch von Nicholas Spark auch einen Dickens las oder dass ich über Godard genauso viel wusste wie über Bollywood-Filme.

Für sie war ich nur eine unsichtbare, dumme Kommilitonin

Die Leute verurteilten mich stark und mein Selbstbewusstsein schwand. Das Mädchen, das stets die besten Noten in unserem Kurs hatte, behandelte mich wie Luft. Für sie war ich nur eine unsichtbare, dumme Kommilitonin.

Es wurde immer schlimmer. Ich kam mit einem älteren Studenten aus unserem Institut zusammen. Mein ganzes Leben lang habe ich nirgendwo dazugehört. Entweder war ich zu nerdy, oder nicht nerdy genug! Mit ihm zusammen fühlte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben dazugehörig.

Aber wie man so schön sagt, manche Dinge sind einfach zu schön, um wahr zu sein - und wahrscheinlich stimmt das auch. Kaum ein Jahr später machte er Schluss. Warum? Ich konnte mit ihm keine pseudo-intellektuellen Gespräche führen, wie er sie mit seiner Ex-Freundin geführt hatte.

Warum seid ihr dann überhaupt zusammengekommen, fragt ihr euch? Weil ich schön bin und außerhalb seiner Reichweite. Mit mir zusammen zu sein war nur eine weitere Trophäe in seinem eh schon voll gestellten Schrank.

Egal wie sehr ich mich anstrengen würde - mein Aussehen ist alles, was zählt

Wir alle geben Unseresgleichen die Genugtuung, unsere Meinung von ihnen abhängig zu machen und sie nutzen das schamlos aus. Allein gelassen und in die Ecke gedrängt von allem habe ich vergessen, dass auch ich relevante Gespräche führen konnte.

Eines Tages nahm ich all meinen Mut zusammen und fragte einen Freund. Die Angst, mich lächerlich zu machen, brannte lichterloh in mir. Er schaute mich neugierig an und fragte: „Du weißt wirklich nicht, warum sie dich für dumm halten?" Mein verwirrter Gesichtsausdruck war Antwort genug und deswegen verriet er mir den wahren Grund: Weil ich hübsch bin.

Ein Grund, der harmlos erscheint, dennoch wichtig genug ist, um Vorurteile bei anderen zu schüren. Nach und nach wurde es mir schmerzhaft bewusst. Egal wie sehr ich mich anstrengen würde - mein Aussehen ist alles, was zählt.

Kommentare wie: "Du bist schön! Du brauchst keine Karriere" oder „Hast du dich mal angesehen? Du kriegst den Job" wurden Teil meiner sozialen Identität. Wir alle wollen großartig sein, aber ich musste nicht nur der heuchlerischen Welt, sondern auch mir selbst beweisen, dass meine Schönheit mich nicht definiert.

Lasst euch von den Meinungen anderer nicht beeinflussen

Heute besuche ich eine der besten Journalistenschulen der Welt und meiner tiefe Dankbarkeit gilt allen, die niemals an meine Fähigkeiten geglaubt haben. Wegen ihnen habe ich mich mehr angestrengt. All jene, die glauben, dass äußerliche Schönheit ein Garant für Dummheit ist, merken nicht, wie lächerlich sie klingen.

Wir können nichts dafür, wie wir aussehen - aber dafür, welche Art von Mensch wird sind. Es ist falsch, unattraktive Menschen als Anomalien zu behandeln. Es ist allerdings auch falsch, davon auszugehen, dass attraktive Menschen nicht intelligent sein können.

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Ich habe beide Seiten kennengelernt und mittlerweile verstehe ich, dass es nicht meine Schuld war, dass der Mann meiner Träume mir vor Jahren das Herz gebrochen hat. Das Problem war nicht meine Intelligenz oder meine Unattraktivität, sondern sein simples Wesen.

Gleichzeitig ist es absolut in Ordnung, wenn jemand sich nicht groß um sein Aussehen kümmert. Wir sind alle einzigartig und keiner hat das Recht darauf, das zu ändern. Viele von euch da draußen mussten sich schon solche herablassenden Kommentare anhören.

Es gibt nur eins, was ich euch sagen will: Lasst euch von den Meinungen anderer nicht beeinflussen. Mit der Zeit werden sie lernen, euch zu schätzen. Und selbst wenn nicht, seid euch dessen bewusst, dass die anderen nicht wichtig genug sind, um euer Selbstwertgefühl von ihnen abhängig zu machen. Konzentriert euch stattdessen darauf, etwas so Großartiges zu erreichen, dass deren Vorurteile ihnen im Hals stecken bleiben und sie auf Lebzeiten ihre Klappen halten.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der HuffPost India und wurde von Agatha Kremplewski übersetzt.

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