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03/01/2017 11:05 CET | Aktualisiert 04/01/2018 06:12 CET

Die Silvesternacht, in der ich den Glauben an die Menschheit verlor

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Es ist 02:06 Uhr, Silvesternacht. Ich komme mit dem Zug von München in meiner Heimatstadt an. Als ich mit meiner Schwester dann aussteige und zur Treppe gehen möchte, bemerken wir, wie eine junge Frau schreit und weint.

Sie steht an der Beifahrertür eines Autos und fleht um Hilfe, weil ihr Freund betrunken sei und mit dem Auto fahren möchte. Er sitzt auf dem Fahrersitz und versucht sie ins Auto zu zerren. Sie schreit und versucht sich von ihm loszulösen. Als sie es schafft, macht er die Türen zu und will losfahren - sturzbetrunken. Sie schreit hysterischer. "BITTE. HELFT MIR. MEIN FREUND IST BETRUNKEN UND WILL MIT DEM AUTO FAHREN." Sie schreit und weint.

Niemand tut etwas.

Etwa sieben komplett erwachsene Menschen - ich und meine Schwester gehen noch zur Schule - darunter drei bis vier Männer, stehen einfach da und sagen nichts und tun nichts. Man sieht, dass die junge Frau versucht, ihren Freund aus dem Auto zu zerren - er wehrt sich aber vehement. Das Mädchen ist hysterisch. "Bitte. Bitte helft mir!"

Normalerweise sollten Menschen ihr jetzt helfen. Aber die anderen, die aus dem Zug ausgestiegen sind, stehen einfach da und schauen zu. Sie gehen auch nicht nach Hause - sie stehen einfach alle da. Alle sind Gaffer. Alle. Hat euch das Mädchen nicht gerade um Hilfe angefleht? Wieso steht ihr denn gerade alle so still da?

Mehr zum Thema: "Zwischen Leid, Tod und Folter: Ich suche den Menschen"

Ich habe schon öfters Berichte gelesen, in denen es um Menschen ging, die bei Notsituationen anderer Menschen lieber zuschauen oder nichts machen.

Zum Beispiel, als in einer Essener Bankfiliale ein Mann starb, weil er zusammengebrochen ist, mitten in der Filiale auf dem Boden lag und vier Personen einer nach dem anderen über ihn stiegen, ihre Bankgeschäfte erledigten und ihm nicht halfen.

Es geht sogar so weit, dass Gaffer Rettungskräfte bei ihrer Arbeit behindern. Das Bundesland Niedersachsen hat erst vor ein paar Monaten eine Bundesratsinitiative gestartet, damit Gaffer in Zukunft härter bestraft werden.

Aber dass ich einmal persönlich eine Situation mit Gaffern erlebe - das hätte ich nicht gedacht.

Natürlich habe ich auch erst einen Moment nachgedacht, was ich tun soll. Ich dachte mir anfangs, dass vielleicht auch die anderen nachdenken. Aber irgendwann wussten ich und meine Schwester, die machen nichts.

Die gaffen.

Ich wusste auch, dass ich den jungen Mann nicht alleine aus diesem Auto bekommen kann. Ich habe nicht einmal wirkliche Erfahrungen mit Betrunkenen, ich trinke selbst keinen Alkohol und habe auch eher selten Menschen wirklich stark betrunken erlebt.

Aber meine Schwester und ich sind nicht einfach still dagestanden. Meine Schwester ist im Gegensatz zu den anderen Frauen, die da waren, reflexartig zu dem Mädchen hingerannt. Sie hat auch angefangen zu schreien, dass jemand doch bitte helfen solle. Eine Frau sagte: "Ruft doch die Polizei." Das wollte ich wirklich machen. Aber das Mädchen wollte es nicht. Ich hätte es vielleicht gemacht, wenn das Ende anders verlaufen wäre.

Mehr zum Thema: 15-Jähriger rettet Frau vor drei Bahnhofs-Grapschern

Die ganzen Männer standen still da, nichts sagend. Nichts machend. Alleine kann ich da aber nicht viel ausrichten. Ich und meine Schwester streiten lautstark neben den ganzen Leuten, die da stehen, was wir denn machen sollen. Wir fühlen uns irgendwie hilflos und geben zu bemerken, dass denn die anderen auch etwas tun sollten.

Die anderen Leute: nicht hörbar. Still stehend. "Niemand macht etwas", schreit meine Schwester. Ich antworte: "Ja, was soll ich denn jetzt machen. Ich kann die Polizei rufen." Alleine kann ich doch nichts machen, denke ich. Eine Frau, vielleicht die selbe Frau, die das mit der Polizei sagte, sagt, wir sollen uns doch vors Auto stellen.

Bitte was? Zwei schlanke Personen, also ich und meine Schwester alleine, sollen sich vors Auto stellen, damit er uns im Zweifelsfall umfährt? Wenn dann sollen sich alle vors Auto stellen und nicht dumm rumstehen. Ich denke ich mir immer noch, wieso niemand etwas macht. 

Die junge Frau kämpft mit ihrem Freund, dass er nicht losfährt, er versucht dabei ständig sie wegzuschieben und die Tür zu schließen. Der Junge ist sturzbetrunken. Immer noch tut niemand etwas. Das Mädchen schafft es endlich, ihrem Freund den Autoschlüssel wegzunehmen.

Sie schreit erleichtert, fast schon glücklich: "ICH HABE DEN SCHLÜSSEL. ICH HABE DEN SCHLÜSSEL." Dabei weint sie. Ich bin erleichtert. Meine Schwester ist erleichtert. Die Gaffer sind wahrscheinlich auch erleichtert, die immer noch da stehen und still vor sich herumgaffen. "Wir müssen aber irgendwie nach Hause", sagt die junge Frau. Sie scheint selbst ein wenig betrunken zu sein. "Wir müssen nach Hause."

"Geh einfach jetzt mit dem Schlüssel", sage ich ihr. Das einzige was mir einfällt. Ein Mann, der die ganze Zeit zugeschaut hat, rührt sich endlich. Er sagt: "Da hinten steht ein Taxi. Ich zahle die Taxifahrt für euch beide." Die anderen Männer und Frauen stehen immer noch da und gaffen. Endlich war es vorbei.

Diese traumaartige Situation war vorbei, in der sich niemand rührte, außer meine Schwester und ich, wobei wir alleine auch nicht viel anrichten konnten. Wir beide sind schließlich nach Hause gegangen. Im Nachhinein denke ich mir: Super, der Mann wollte für die beiden am Ende ein Taxi zahlen. Was aber, wenn der Junge losgefahren wäre - da hat der Mann ja lieber gegafft - dann hätte sein Taxi auch nichts gebracht.

Eins hat dieser Vorfall in dieser Silvesternacht 2016/17 auf jeden Fall mit uns gemacht: Er hat uns geprägt. Und mir hat er ein bisschen die Hoffnung auf die Menschlichkeit in unserer Gesellschaft genommen. Natürlich sind nicht alle so unmenschlich, das will ich gar nicht sagen. Aber enorm viele.

Der eine Mann, der die ganze Zeit zugeschaut hat, hat sich ja letztendlich gerührt. Aber trotzdem ist mir bewusst geworden, dass wir ein großes Problem haben. Das Problem, dass viele anscheinend lieber zuschauen, als einzugreifen und darauf warten, dass andere etwas machen. In diesem Fall warteten viele Erwachsene darauf, dass zwei jugendliche Schüler etwas tun. Und das ist fatal.

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