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22/12/2016 12:58 CET | Aktualisiert 23/12/2017 06:12 CET

Der Diesel - lasset ihn ruhen!

Alles Schummeln, alles Tricksen der Hersteller hat nichts genutzt: Der Diesel ist am Ende. Das muss auch die Branche endlich akzeptieren.

Eine Sensation in fünf Ziffern: Unter der Nummer 67207 beurkundet das Kaiserliche Patentamt dem Ingenieur Rudolf Diesel im Frühjahr 1893 einen Motor, der den Wirkungsgrad einer Dampfmaschine glatt verdoppelt. Diesel hat den bis dato effizientesten Weg gefunden, den Energiegehalt des Treibstoffs zu nutzen. Es ist der Beginn einer langen Erfolgsgeschichte. 2015 ist nahezu jedes zweite der gut drei Millionen Autos, die pro Jahr in Deutschland zugelassen werden, ein Diesel. Erst im Herbst des Jahres wird vielen mit dem VW-Abgasskandal klar, was bislang verschwiegen oder ignoriert wurde: Dieselmotoren sind giftig. Bald darauf sind sich viele Branchenbeobachter einig: Der Diesel ist nicht mehr zu retten.

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Gründe dafür gibt es mehrere. Der gewichtigste sind die drohenden Gesundheitsschäden. Diesel speien große Mengen Stickstoffdioxid, kurz Stickoxid, aus. Ein Stoff, der Herzinfarkte und Asthma fördert, besonders ältere Menschen und Kinder bedroht - und der nur schwer aus Abgasen zu filtern ist. VW etwa tut sich damit offenbar so schwer, dass der Konzern lieber eine ausgeklügelte Schummelsoftware entwickelt als eine wirksame Abgasreinigung. Als der Schwindel auffliegt, zeigt sich: Viele VW-Diesel sind nur auf dem Prüfstand sauber. Auf der Straße aber liegen sie oft um ein Vielfaches über dem erlaubten Grenzwert.

Die Folgen zeigen sich Jahr für Jahr in den Messwerten des Umweltbundesamtes. Zwei Drittel der innerstädtischen Messstationen der Behörde zeigen einen zu hohen NO2-Wert - oft schon seit Jahren. Schuld daran, so der Sachverständigenrat für Umweltfragen in einem Sondergutachten von 2015, ist der hohe Anteil von Dieselwagen. Diese verursachen knapp 70 Prozent des Stickoxid-Ausstoßes im Verkehr. Und es ist nicht der einzige Schadstoff, der aus einem Dieselauspuff quillt. Die Weltgesundheitsorganisation stufte Dieselabgase 2012 in die höchste Klasse der krebserregenden Stoffe ein und sieht einen Zusammenhang zu Lungenkrebs und Hinweise auf vermehrte Fälle von Blasenkrebs.

Weil die Bundesregierung und die Hersteller zu wenig tun, um die Luft in Städten zu verbessern, haben nicht nur betroffene Anwohner, sondern auch die EU inzwischen juristische Schritte eingeleitet. Die Folge könnten schon bald generelle Fahrverbote für Dieselautos sein. Oder die so genannte blaue Plakette, mit der die schmutzigsten Dieselautos aus besonders belasteten Stadtteilen ferngehalten werden können. Andere Städte sind noch radikaler: Paris, Madrid und Athen wollen nach 2025 gleich gar keine Diesel mehr reinlassen.

Die trüben Aussichten schlagen den Dieselkäufern inzwischen aufs Gemüt. In den ersten neun Monaten sank die Zahl der neuzugelassenen Diesel in Deutschland erstmals seit Jahren. Im November beschleunigte sich der Rückgang auf ein Minus von acht Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Die Analysten der Schweizer UBS Bank, bislang nicht als Ökoalarmisten aufgefallen, gehen davon aus, dass Dieselautos innerhalb der kommenden zehn Jahre „nahezu vollständig" vom Markt verschwinden werden.

Wer als Hersteller solche Alarmglocken überhört, handelt betriebswirtschaftlich grob fahrlässig. Zumal sie nur das jüngste Signal eines fundamentalen Branchenumbruchs sind. Mit Tesla und Google drängen junge Konzerne auf den Markt, deren Vorstellungskraft, was Mobilität sein kann, nicht an der Kardanwelle endet. Autonome E-Autos brauchen künftig keine hochpräzise Einspritzdüse mehr, sondern eine ausgefeilte Software. Das seit mehr als 100 Jahre gepflegte Geschäftsmodell der deutschen Autobauer gerät ins Rutschen.

Der Verkehr, der sich in Deutschland seit einem Vierteljahrhundert vor jedem Beitrag zum Klimaschutz gedrückt hat, wird nun liefern müssen. Und zwar so schnell, wie der Mitte November beschlossene Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung zeigt, dass es mit bloßen Tüfteleien am Verbrennungsmotor nicht mehr getan ist. Eine CO2-Reduktion von 40 Prozent innerhalb von 15 Jahren lässt sich nur mit tatsächlich sauberen E-Autos und vor allem insgesamt deutlich weniger Fahrzeugen erreichen. Dieselautos können dabei nicht helfen. Die deutschen Hersteller haben den Effizienzvorsprung des Diesel anders genutzt. Statt Autos sparsamer zu machen, haben sie sie größer und schwerer gebaut. Inzwischen nehmen sich Benziner und Diesel beim Kohlendioxidausstoß nicht mehr viel.

„Zu schmutzig und zu schwer" wird auf dem Totenschein des Diesels stehen. Datiert werden wird er auf das Jahr 2016. Der Diesel - er ruhe in Frieden.

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