WIRTSCHAFT
08/12/2017 06:26 CET | Aktualisiert 08/12/2017 13:01 CET

"Wohlstand für alle": Der German Dream stirbt einen langsamen Tod

Der Wirtschaftsboom in Deutschland bedeutet noch lange nicht "Wohlstand für alle"
dpa
Der Wirtschaftsboom in Deutschland bedeutet noch lange nicht "Wohlstand für alle"

  • Wohlstand für alle in Deutschland - das war einmal

  • Trotz Wirtschaftsboom fällt es vielen Menschen schwer, für das Alter vorzusorgen

  • Eine Gruppe allerdings bleibt von der Entwicklung ausgenommen

In Amerika gab es lange Zeit ein Versprechen: Wer hart genug arbeitet, und auch Risiken eingeht, der kann es vom Tellerwäscher bis zum Millionär bringen. Das war der American Dream.

In Deutschland gab es auch ein solches Versprechen: "Wohlstand für alle" hieß es, und es stammte von Ludwig Erhard.

Was dahinter steckte: Wenn alle nur hart genug arbeiten, kann es jeder zu einem Häuschen im Grünen oder einer Eigentumswohnung in der Stadt bringen. So sollte es auch den nachfolgenden Generationen einmal besser gehen, als den Eltern.

Und lange funktionierte dieses Versprechen in Deutschland auch.

Der German Dream stirbt einen langsamen Tod

Die Bürger legten ihr Geld sicher an: In Staatsanleihen, Bausparverträgen, Lebensversicherungen oder Immobilien. Der Vermögensaufbau war ein Lebenswerk, er war nicht auf Monate oder Tage, sondern auf Jahrzehnte angelegt.

Und so sind bis in die 2000er-Jahre beträchtliche Privatvermögen entstanden – selbst in Milieus, für die das noch in den 50-Jahren undenkbar gewesen wäre. Ganz so, wie es Ludwig Erhard einst im Sinn hatte, als er von der Kaufkraftstärkung für die unteren Einkommensschichten durch die Dynamik der sozialen Marktwirtschaft schrieb.

Mehr zum Thema: Lohn-Schere: Ein großer Teil der Bürger profitiert nicht vom Wirtschaftsboom - das sind die Gründe

Jeden Tag pünktlich zur Arbeit gehen, über viele Jahre die Verpflichtungen erfüllen, und nach Jahrzehnten sehen, das alles doch irgendwie einen Sinn hatte. Das war der German Dream.

Sexy war das nie. Aber unfassbar effektiv. Zumindest bis zur Jahrtausendwende.

Ein Job war einmal gleichzusetzen mit Jobgarantie

Denn seit gut anderthalb Jahrzehnten ist das anders. Das einstige Versprechen vom "Wohlstand für alle" verliert an Glanz. Der German Dream stirbt.

Jene Umstände, unter denen einst der "Wohlstandsaufbau für alle" möglich war, sind in den Jahren des Neoliberalismus verloren gegangen.

Das fängt bei den Beschäftigungsverhältnissen an. Bis 1985 gab es so gut wie keine befristeten Arbeitsverhältnisse in Deutschland. Wer eingestellt wurde, bekam einen dauerhaften Arbeitsvertrag, der nur unter eng definierten Umständen gekündigt werden konnte. Meist wurde dazu noch ein sehr auskömmliches Tarifgehalt bezahlt. Plus Weihnachtsgeld. Plus Urlaubsgeld.

Einen Job zu haben, das war einmal in Deutschland sehr gut abgesichert.

Schlag gegen den "Wohlstand für alle"

Mit dem Teilzeit- und Befristungsgesetz von 2001, das die rot-grüne Bundesregierung verabschiedete, wurden Zeitverträge für junge Arbeitnehmer eher zur Regel als zur Ausnahme. Wie will man aber fließig arbeiten und jeden Monat etwas auf die hohe Kante legen, wenn man nicht weiß, ob und wie man im Jahr darauf beschäftigt ist? Und von dem 13. Monatsgehalt haben manche junge Arbeitnehmer noch nie gehört.

Sicher: Die Wirtschaft boomt, so viele Menschen wie seit Jahren nicht haben einen Job.

Und dennoch: Für viele Angestellte sind die Löhne seit Jahren nicht gestiegen. Außerdem fallen Millionen Menschen, die keine Arbeit haben, aus der Arbeitslosenstatistiken heraus.

Ja es gibt immer mehr Wohlstand. Aber er kommt längst nicht bei allen an.

Dafür sorgt auch die Teilprivatisierung der Altersvorsorge, ebenfalls unter der rot-grünen Bundesregierung. Junge Menschen sollten künftig staatlich gefördert "riestern", um sinkende Renten abzufedern.

Die Beiträge zur Rentenkasse wurden jedoch nicht gesenkt. Dieses Geld, das seitdem in die private Vorsorge fließt, fehlt beim Vermögensaufbau.

Und dann kam die Finanz- und Bankenkrise von 2007 bis 2009. Seitdem sind die Zinsen für die bei den Deutschen so beliebten "sicheren" Anlagen derart niedrig, dass es sich kaum noch lohnt, jeden Monat etwas Geld zur Seite zu legen.

Gesellschaft von Sparern und Häuslebauern

Mehr noch: Weil der Vermögensaufbau in Deutschland auch über Zinseszinsen funktionierte (deswegen sah man auch erst nach Jahrzehnten die Beträge merklich wachsen), und es seit gut einem Jahrzehnt kaum noch Zinseszinsen gibt, droht eine ganze Generation am Ende leer auszugehen.

Einst war Deutschland eine Gesellschaft von Sparern und Häuslebauern. Derzeit wandelt sie sich in eine Gesellschaft von Erben und Zockern.

Die Erben sind auf der sicheren Seite: In ihren Familien existiert ein Vermögen, das so groß ist, dass alle Familienmitglieder davon profitieren können. Das Geld reicht, um die Ausbildung der Jungen zu finanzieren, die Pflege der Alten und den Lebensunterhalt der mittleren Generation. Und am Ende bleibt noch so viel über, dass etwas weitergegeben werden kann.

Wer in Deutschland erbt, dem wird kaum etwas genommen. Außer bei immens großen Privatvermögen. Aber wer so reich ist, kann sich auch einen guten Anwalt leisten, der die Dinge im Vorfeld regelt.

Ein Vermögen anzusparen wird immer schwieriger

Und wer erst einmal ein Vermögen hat, der kann das Geld für sich arbeiten lassen: Die Abgeltungssteuer in Höhe von 29 Prozent liegt weit niedriger als die Steuersätze auf mittlere und höhere Einkommen. Nichts tun ist also in Deutschland für manch einen einträglicher als zu arbeiten.

Dann sind da noch die Zocker: Jene, die versuchen, in Zeiten von Niedrigzinsen jene Renditen zu erzielen, mit denen man ein Vermögen aufbauen kann. Auch das ist ein Grund, warum in Deutschland gerade so viel von "Bitcoins" geredet wird.

Für die weniger spielerisch Veranlagten gibt es auch noch Aktien. Angeblich auf lange Sicht eine lohnenswerte Investition. Aber die Sicherheit, mit der man einst in Deutschland ein Vermögen aufbauen konnte, bieten sie nicht. Wer etwa kurz vor dem nächsten Crash mit dem Sparen anfängt, der ist von der Geschichte in den Arsch gekniffen worden.

Und ganz zurück bleiben jene, die es sich gar nicht erst leisten können, ein Vermögen anzusparen. Jene Menschen etwa, die in Deutschland auf Mindestlohn-Niveau beschäftigt werden, statt ein solides Tarifgehalt zu bekommen.

Sie sind weit entfernt von der Welt, in der jene Familien leben, deren Vermögen noch einige Generationen reichen wird. Der German Dream ist für sie ausgeträumt.

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