POLITIK
08/12/2017 08:44 CET | Aktualisiert 08/12/2017 18:21 CET

"Behinderte Kinder sieht man nur bei ausländischen Familien": So krude setzt sich die "Welt" gegen Abtreibungen ein

dpa

  • In der Debatte um den Paragraphen 219a bleiben die Abtreibungs-Gegner bislang eher still

  • Jetzt setzt sich die "Welt" in einem Kommentar gegen Abtreibungen ein

  • Besonders ein Argument geht dabei jedoch völlig daneben

Das Urteil hat viele Frauen empört: Eine Ärztin aus Gießen muss wegen angeblicher Werbung für Schwangerschaftsabbrüche 6000 Euro Strafe zahlen. Grundlage für das Urteil ist der Paragraph 219a des Strafgesetzbuches.

Nun soll dieses Gesetz gekippt werden. Das fordern unter anderem die Bundestagsfraktionen von Grünen, SPD und Linke. Auch in den Medien traf die Forderung nach einer Aufhebung des Werbeverbots für Schwangerschaftsabbrüche auf große Zustimmung.

Die Zustimmung war so groß, dass der Hauptstadt-Journalist Robin Alexander sich nun in der “Welt” fragte: Wo bleibt eigentlich die Gegenstimme?

Tatsächlich: In der Debatte hatten sich die Unterstützer des umstrittenen Paragraphen 219a bisweilen eher bedeckt gehalten. Alexander, sonst eher um die Gemütslage der Bundeskanzlerin Angela Merkel besorgt, gerierte sich deshalb – um Gerechtigkeit bemüht – als Abtreibungsgegner.

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Besonders ein Argument Alexanders geriet dabei so krude, dass man sich fast wünschen würde, niemand hätte die Anwaltschaft für den Paragraph 219a übernommen.

"Behinderte Kinder sieht man nur noch bei Ausländern"

“Behinderte Kinder sieht man in den Großstädten schon jetzt fast nur noch bei ausländischen Familien”, beginnt der Journalist seine These. Eine Beobachtung, die schon an und für sich befremdlich ist. Studien führt Alexander dafür nicht an.

Man könnte kurz den Eindruck gewinnen, als wolle die "Welt" ausländische Familien beim Thema Abtreibung als moralisches Vorbild hinstellen.

Doch Alexanders Punkt ist ein anderer: “Im neuen völkischen Diskurs” werde das heute bereits als Beweis für eine angebliche genetische Überlegenheit der Deutschen gehandelt.

Was der Journalist offenbar meint: Wenn deutsche Mütter ihre Kinder abtreiben, weil die Gefahr besteht, dass sie behindert auf die Welt kommen, geben sie Rechtsradikalen ein Argument für ihre Propaganda.

Zugespitzt: Wer abtreibt, stärkt die AfD.

Die Abtreibungsdebatte auf dem Polit-Schachbrett

Die Entscheidung einer Mutter, ob sie für ein behindertes Kind sorgen kann, wird für den Polit-Korrespondent zur ideologischen Links-Rechts-Streiterei.

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Die Mühe, sich in eine Frau hineinzuversetzen, die sich in einem Schwangerschaftskonflikt befindet, macht die "Welt" sich derweil nicht. Stattdessen übersteigert der Redakteur vage Expertenschätzungen zum wissenschaftlichen Beweis: “Neun von zehn Menschen mit Trisomie 21 werden in unserem Land vor der Geburt getötet”.

Am Ende bleibt für die “Welt” nur eine Frage: Warum bleibt die Union so still? “Ist hier noch jemand zuhause?”

Die AfD macht es vor

Die Antwort gibt Alexander dann der Einfachheit halber selbst: Kanzlerin Angela Merkel hat viel mit der Regierungsbildung zu tun, Generalsekretär Peter Tauber ist krank, Peter Altmaier in der Europapolitik eingebunden.

Wen er auslässt: Bayerns Justizminister Winfried Bausback (CSU), der eine Lockerung des Paragraphen vehement ablehnt.

Oder auch die Vorsitzende der Frauenunion, Annette Widmann-Mauz, die sogar ausgerechnet in der “Welt” offensiv für den “Schutz des ungeborenes Lebens” wirbt.

Und auch die Stimmen aus der AfD, die die Abtreibungen angeblich stärkt, kommen bei Alexander nicht vor.

Das sind vergleichsweise viele Gegenstimmen - Alexanders abenteuerliche Argumentation hätte also nicht das Licht der Welt entdecken müssen.

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