WIRTSCHAFT
25/10/2017 11:49 CEST | Aktualisiert 25/10/2017 12:01 CEST

Die Chips-Krise: Wie die britische Lebensmittelindustrie schon jetzt unter dem Brexit leidet

Die Brexit-Folgen könnten die Briten dort treffen, wo es richtig weh tut: im Supermarkt
Oktay Ortakcioglu via Getty Images
Die Brexit-Folgen könnten die Briten dort treffen, wo es richtig weh tut: im Supermarkt

  • Seit dem Brexit-Referendum haben es britische Lebensmittelbetriebe schwer, Arbeitskräfte zu finden

  • Ausgerechnet der Lieblingssnack der Briten wird deshalb immer teurer

  • Nun hat der Vorsitzende der Gewerkschaft für Essen und Trinken eine Botschaft an Premierministerin Theresa May

In Großbritannien sind Kartoffelchips fast so etwas wie ein Eckpfeiler der Kultur.

Sie dürfen in keinem Lunchpaket fehlen, dienen als Beilage zum Sandwich und sind an jedem Kiosk in schier unzähligen Geschmacksrichtungen erhältlich. Das würzige Genussmittel macht sogar 10% des gesamten Snack-Konsums der Briten aus. Sechs Milliarden Chipstüten leeren die Briten pro Jahr. Doch die Hersteller stecken in der Krise.

Denn Großbritanniens bevorstehender EU-Austritt hat zu einem Rückgang der Arbeitskräfte geführt. “Was wir aktuell beobachten, ist eine drastische Abwanderung von europäischen Arbeitskräften”, sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft für Essen und Trinken, Ian Wright der britischen HuffPost. “Und immer weniger Migranten kommen nach Großbritannien, um in unserem Sektor zu arbeiten.”

Jüngste Statistiken zeigen, dass zwischen März 2016 und März 2017 19.000 EU-Bürger weniger zum Arbeiten nach Großbritannien gekommen sind, als in der selben Periode des Vorjahres. Gleichzeitig haben 33.000 Personen mehr als im Vorjahr das Land verlassen.

Zu wenig Fabrikarbeiter, zu wenig Erntehelfer

Der Inhaber einer mittelgroßen Chips-Manufaktur habe Wright berichtet, dass er dieses Jahr mit 10% weniger Arbeitskräften auskommen müsse. “Er sagte, dass sich der Mangel an Arbeitskräften bereits auf die Produktivität des Betriebs auswirkt”, erzählt er.

Ein Einbruch der Lebensmittelproduktion hätte drastische Folgen für die gesamte Wirtschaft des Landes, denn mit einem jährlichen Ertrag von 28,2 Milliarden Pfund ist sie der größte Gewerbesektor.

Und nicht nur bei der Verarbeitung, sondern auch bei der Ernte hakt es: Im Juni beklagte die Gewerkschaft der Landwirte bereits einen Rückgang von 17 Prozent bei den Erntehelfern. Viel schlimmer ist jedoch, dass die Anzahl der wiederkehrenden Gastarbeiter, die aufgrund ihrer Erfahrung keiner Einarbeitung bedürfen, um 50 Prozent gesunken ist.

Produzieren Chips-Hersteller bald im Ausland?

Unterdessen überlegt der Chips-Hersteller Kettle, seine Produktion ins EU-Ausland zu verlagern. Denn: Sollten sich Großbritannien und die Europäische Union nicht einigen, könnten sich die Handelsbedingungen für Lebensmittel verschlechtern. Darüber hinaus sagte Geschäftsführer Ashley Hicks gegenüber der “Eastern Daily Press”, dass Kettles Produktionskosten seit dem Referendum gestiegen sind.

Wie die meisten Chips-Hersteller importiert Kettle sein Frittieröl wie auch die Verpackungsmaterialien aus der EU. Weil der britische Pfund angesichts des Brexit an Wert verloren hat, ist die Herstellung von Kartoffelchips um rund eine Million Pfund teurer geworden.

Die Auswirkungen der Krise waren bereits im November 2016 für den Verbraucher zu spüren: Kettles Konkurrent Walkers, wie auch die Firma Marmite – die den gewöhnungsbedürftigen Frühstücksaufstrich herstellt – sahen sich gezwungen, die Verkaufspreise um zehn Prozent anzuheben, um so den Währungsabfall auszugleichen.

May will Migranten Mut zu machen

Die schwache Währung ist ein weiterer Grund, warum weniger Migranten zum Arbeiten nach Großbritannien kommen. “Wenn ein Erntehelfer hierzulande 16 Prozent weniger verdient als in Deutschland, Frankreich, oder Spanien, geht er natürlich lieber in eines dieser Länder”, erklärt Ian Wright.

Zudem ist immer noch unklar, wie das Einwanderungssystem aussehen wird, wenn Großbritannien erst einmal die Zollunion und den Binnenmarkt verlassen hat.

Premierministerin Theresa May hatte am 19. Oktober in einem offenen Brief versichert, dass EU-Bürger keine Ausweisung befürchten müssen. “Ich möchte eines klarstellen: EU-Bürger, die legal in Großbritannien leben, dürfen hier bleiben” schrieb die Regierungschefin.

Aber durch das Ende der Freizügigkeit, die innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten herrscht, werden weitere Arbeitskräfte wegfallen. “Bisher gibt es keine Antwort darauf, wie man diesen Verlust kompensieren will”, kritisiert Wright.

Dieser Text erschien zuerst bei der britischen Ausgabe der HuffPost und wurde übersetzt und editiert von Anna Rinderspacher.

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(lp)