POLITIK
10/10/2017 02:13 CEST | Aktualisiert 10/10/2017 05:47 CEST

Bei "Hart aber Fair" berichtet Samuel Koch, wie ihn die Pflege-Misere in Deutschland fast das Leben kostete

Bei "Hart aber Fair" berichtet Samuel Koch, wie ihm die Pflege-Misere in Deutschland fast das Leben kostete
Screenshot
Bei "Hart aber Fair" berichtet Samuel Koch, wie ihm die Pflege-Misere in Deutschland fast das Leben kostete

  • Bei "Hart aber Fair " klagen Pfleger und Pflegebedürftige über die katastrophalen Zustände in Deutschland

  • Mehrere Geschichte aus den Pflegeheimen zeigen, wie groß der Notstand ist

  • Der Querschnittsgelähmte Samuel Koch berichtet, wie ihn die Engpässe fast das Leben kosteten

Er hatte für einen der erinnerungswürdigsten Momente des Wahlkampfes gesorgt.

Der erst 21-jährige Azubi Alexander Jorde hatte Kanzlerin Angela Merkel in der ARD-Wahlarena mit der desaströsen Situation in deutschen Pflegeheimen konfrontiert – und viel Zuspruch für seinen couragierten Auftritt geerntet.

Nun war Jorde bei "Hart aber Fair" zu Gast.

21- jähriger Krankenpfleger greift Merkel im TV erneut scharf an und erntet Applaus

Neben dem jungen Pfleger hat Moderator Frank Plasberg unter anderem Samuel Koch, seit seinem Unfall bei "Wetten, dass...?" querschnittsgelähmt, und SPD-Abgeordnete und Pflegefachkraft Claudia Moll geladen.

Dem "Notruf aus dem Pflegealltag", wie die ARD die Sendung genannt hat, folgt dagegen kein zukünftiger Regierungspolitiker.

Den brauchte Jorde auch nicht, um auf Angriff zu schalten. Der Azubi zeigt sich auch bei Plasberg wieder angriffslustig und setzt gleich zu Beginn einmal den Ton für die Sendung: "Die Kanzlerin regiert seit zwölf Jahren, sie hätte schon längst reagieren müssen!"

Wie schon im September in der Runde mit Merkel hat der junge Pfleger den Applaus des Studiopublikums auf seiner Seite. "Es ist auch wichtig, dass man laut sagt, was scheiße ist", erklärt Jorde.

Genau den Faden nehmen die Gäste dann auch auf.

Beklemmende Innenansicht der Pflegestationen

SPD-Frau Moll erzählt eine besonders eindringliche Geschichte aus ihrem Alltag als Pflegerin. Sie zeigt, wie viele Pflegekräfte aufgrund personeller Engpässe vollkommen überfordert sind.

Moll: "Ich war allein, die Putzfrau musste mir helfen"

"Wir hatten da einen Norovirus, ich war ganz alleine, der Nachtdienst hat mir vor die Füße gebrochen und ist gegangen. Dann ist mir einer kollabiert, und da habe ich die Putzfrau hinzugezogen", schildert Moll.

Es ist nicht die einzige Anekdote der 48-Jährigen, die nachdenklich macht. Die SPD-Abgeordnete erzählt, dass sie in manchen Nachtschichten alleine für über 50 Patienten zuständig gewesen sei. Auf dem Nachhauseweg nach zahlreichen Überstunden habe sie auf einer Raststätte anhalten müssen, um nicht am Steuer einzuschlafen.

"Es war nicht das einzige Mal, das ging immer so."

Zahlen sind Armutszeugnis für Deutschland

Moderator Plasberg liefert die passenden Zahlen: In Krankenhäusern sei eine Pflegefachkraft in Deutschland im Schnitt für 13 Patienten zuständig. In Norwegen oder den USA sei die Belastung im Vergleich weniger als halb so groß. In Pflegeheimen seien es während Nachtschichten durchschnittlich gar über 50 Patienten pro Pfleger.

Das Problem bringt Azubi Jorde auf den Punkt. Es gebe zwar genug Personal, viele würden den Job aber nach kurzer Zeit aufgeben. "Es gibt keinen Beruf, in dem die Leute so schnell wieder raus sind aus der Praxis. (...) Ganz einfach weil der Job zu stressig ist und zu wenig honoriert wird", poltert der 21-Jährige.

Der junge Mann ist es auch, der sich immer wieder vehement für die Würde alter Menschen einsetzt. "Wer hat denn unseren Wohlstand erwirtschaftet?" Heute würden ja alle in Gleitzeit arbeiten, maximal 40 Stunden pro Woche. "Alle fahren gute deutsche Mittelklassewagen", regt sich Jorde auf.

"Wer hat das erwirtschaftet? Das sind die, die jetzt in der Scheiße liegen!"

Koch: "Mein Vater musste mir das Leben retten"

Auch Samuel Koch kann von dem Problem völliger Überforderung auf den Stationen berichten. Er sei fast gestorben, als er einmal in Atemnot geriet – und auf sein Klingeln kein Pfleger reagierte: "Mein Vater hat mir dann mit dem Beatmungsbeutel das Leben gerettet.“

Koch habe sich später privat Betreuer gesorgt – sogar über Anzeigen bei Facebook. Gelernte Fachkräfte seien die in den seltensten Fällen: "Ich hatte einen Schreiner und eine Mathematik- und Theologielehrerin dabei... Einen Filmproduzenten. Ganz wenige sind wirklich examiniert."

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg