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14/09/2017 14:23 CEST | Aktualisiert 14/09/2017 16:29 CEST

"Ich erwarte nichts mehr vom Leben" - so ergeht es einem Obdachlosen in New York

  • Harry ist seit zwei Jahren obdachlos

  • Die Krebs-Erkrankung seiner Frau hat ihn in die Pleite getrieben

  • Jetzt bettelt er jeden Tag mit seinem Hund am Times Square und schläft in einem Auto

Die Passanten am New Yorker Times Square lachen, wenn sie Lucy sehen. Sie trägt ein pinkfarbenes T-Shirt zu einer pinkfarbenen Plastikbrille, bunten Schmuck und ein Prinzessinnen-Krönchen. Lucy ist ein Hund.

Ihr Besitzer Harry sitzt hinter ihr auf einem Plastikstuhl. Neben den beiden steht ein Eimer mit der Aufschrift "Bitte lasst ein bisschen Kleingeld da". Immer dann, wenn Lucy sich hinlegen will, zieht Harry an ihrer Leine.

"Beweg dich, Idiotin!", ruft er. "Die Leute müssen dein Gesicht sehen!"

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Gleich darauf beugt er sich zu ihr herunter, streichelt und küsst sie. Wenn die Passanten Lucys Gesicht sehen, verdient Harry mehr. Immer wieder kommen Menschen und fotografieren die Hündin.

Harrys Ehefrau bekam Brustkrebs - seitdem ist er pleite

"Oh mein Gott, ist sie süß! Wie lustig sie aussieht!", sagt eine Frau, stellt ihre große Shopping-Tasche von dem Designer-Kaufhaus Bloomingdales neben Lucy ab und bittet ihre Freundin, ein Foto von ihr und dem Hund zu schießen. Danach wirft sie einen Ein-Dollar-Schein in Harrys Eimer.

Nach zwanzig Minuten hat Harry etwa vier Dollar eingenommen. Einen Job hat er nicht. Seine Frau verkauft Rosen am Times Square.

"Ich erwarte nichts mehr vom Leben", sagt Harry, der so alt ist wie ein Kartensatz, wie er sagt: 52. Kurz nimmt er seine abgewetzte Kappe ab, die eine Halbglatze versteckt, lässt sie in den Händen kreisen und setzt sie wieder auf.

Vor zwei Jahren hat Harrys Ehefrau Brustkrebs bekommen. Sie brauchte eine Chemotherapie, Medikamente und psychische Unterstützung.

"Ihr sind nicht nur alle Haare ausgefallen", sagt Harry. "Sondern der Krebs hat sie komplett zerstört. Das ist es, was Krebs mit dir macht: Er zerstört dich."

Harry hatte keine Krankenversicherung

Harry sagt, sie hätten keine Krankenversicherung gehabt. In den USA steht eine Krankenversicherung anders als in Deutschland nicht im Gesetz.

Erst seitdem es Obamacare gibt, können sich viele Amerikaner überhaupt eine Krankenversicherung leisten. Doch Harry hält nicht viel von Obama, sagt, Obamacare hätte auch nicht alle Untersuchungen übernommen.

Mehr zum Thema: "Niemand sollte pleite gehen, weil er überleben will": Ohne Obamacare wäre ich heute tot

Tatsächlich hatten 2015 trotz Obamacare immer noch 9,1 Prozent der US-Amerikaner keine Krankenversicherung.

Also, sagt Harry, hätte er alle Untersuchungen und Medikamente für seine Frau selbst bezahlt. Eine Chemo-Einheit hätte bis zu 40.000 Dollar gekostet. Danach sei er pleite gewesen.

Seine zwei Kinder sind zwar mittlerweile schon 22 und 23 Jahre alt, brauchen aber selbst noch Geld von ihm. Sein Sohn verdient sein Geld als Uber-Fahrer, seine Tochter ist Hausfrau. Zu ihr hat er keinen Kontakt mehr, wie zu den meisten seiner Verwandten.

"Meine Tochter hat uns im Stich gelassen"

"Sie hat einen Mann auf Instagram kennen gelernt und ist sofort zu ihm nach Florida gezogen. Er ist ein Vollidiot", sagt Harry. Seitdem hätten sie keinen Kontakt mehr.

"Ich verstehe einfach nicht, wie eine junge Frau nach Florida durchbrennen kann, deren Mutter gerade Krebs hat", sagt er. "Wenn es eine Zeit im Leben gibt, in der ihre Mutter sie wirklich gebraucht hätte, dann ist es diese gewesen. Aber sie hat uns im Stich gelassen."

Harry zieht die buschigen Augenbrauen wütend zusammen und blickt auf Lucy hinab, die sich wieder hingelegt hat. "Steh auf, du Hurensohn!", brüllt er und zerrt an der Leine. Lucy rührt sich nicht. Harry nimmt eine leere Plastik-Wasserflasche und knallt sie gegen die Mauer hinter ihm. Erschrocken setzt Lucy sich auf.

"Es war die Idee meiner Tochter, Lucy so anzuziehen", sagt Harry. "Da war sie etwa 17 und wir haben noch in einem Haus gelebt. Sie, meine Frau, mein Sohn und ich. Immer wenn sie mit Lucy gespielt hat, hat sie ihr pinke Outfits angezogen. Lucy hat das nichts ausgemacht und meine Tochter hatte so viel Spaß."

Jetzt streichelt Harry Lucy wieder über den Kopf.

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"Ich schlafe den halben Tag, was soll ich denn sonst machen?"

"Mein Tag verläuft immer gleich. Ich sitze hier für vier oder fünf Stunden. Dann gehe ich in mein Auto und schlafe. Was soll ich denn sonst machen?", fragt Harry.

Sich für Jobs zu bewerben hat er aufgegeben, nachdem er nur Absagen bekommen hat. 28 Jahre lang säuberte er die Straßen von New York.

"Aber wenn du 28 Jahre lang Straßen gesäubert hast und deine Frau dann Krebs kriegt und du den Job verlierst, dann kannst du einfach nicht wieder Straßen säubern", sagt Harry. Doch einen anderen Job findet er nicht. Also bettelt er oder verbringt die Zeit in seinem Auto.

"Lucy mag es nicht, im Auto zu sein. Sie quengelt dann, sie will raus", sagt Harry. "Also muss ich mit ihr raus gehen. Dann schlafe ich wieder. Und hoffentlich kommt dann der nächste Tag. Dann sitze ich wieder hier."

In seiner Freizeit beobachtet er erfolgreiche Männer

Harry sagt, es gefalle ihm, am Times Square zu sitzen. Er ist in New York geboren und aufgewachsen und der Times Square sei "der verdammt noch mal beste Ort in New York City", denn hier verdiene er am meisten Geld. Außerdem kann Harry hier am besten seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen: Menschen beobachten.

"Dieser Mann da!" - Harry zeigt auf einen gut gekleideten Mann mit schulterlangem braunen Haar, der mit energischen Schritten an ihm vorüber eilt.

"Sieht er nicht aus wie Gottes Sohn? Eine neun würde ich sagen! Jesus! Was für eine neun!"

Harry verteilt den Männern, die er sieht, Nummern auf einer Skala von 1-10.

"Was soll ich denn sonst machen?", fragt er. "Erfolgreiche Männer finde ich interessant. Ich bin ehrlich, was habe ich zu verlieren? Ich wäre auch gerne erfolgreich."

"Trump ist ein Genie!", sagt der Obdachlose

"Trump zum Beispiel, er ist ein Genie", sagt Harry. "Ich bin nicht blöd, natürlich ist er auch ein Idiot. Und ein Clown. Und lächerlich. Aber trotzdem ist er ein Genie. Alles, was er anfasst, wird zu Gold. Ich bin ganz ehrlich, ich wäre auch gerne so wie er.

Ich wünschte bei mir wäre es so, dass alles, was ich anfasse, zu Gold wird. Und was ist? Stattdessen sitze ich hier. Ich sitze hier mit diesem Scheiß-Hund und bitte darum, dass mir jemand Geld gibt."

"Ich will kein Mitleid, aber irgendwie muss ich Geld verdienen"

Ein Mann im Anzug kommt auf Harry zu. Er kniet sich neben Lucy und streichelt sie. Harry sieht ihn bewundernd an.

"Hey, wie geht's?", fragt Harry. "Ihr Name ist Lucy."

"Hi, Lucy", sagt der Mann. "Danke gut. Wie läuft es bei dir?"

"Wie jeden Tag", sagt Harry.

Der Mann steckt einen Dollar-Schein in den Eimer.

"Danke, hab einen schönen Tag."

"Du auch."

Harry streichelt Lucy zufrieden.

"Die Menschen mögen Lucy", sagt er. "Sie bringt sie zum Lachen. Ich will kein Mitleid. Sonst würde ich ja auf mein Schild schreiben, dass meine Frau Krebs hatte. Aber das will ich nicht. Bloß muss ich irgendwie Geld verdienen. Also versuche ich die Leute zum Lachen zu bringen."

"Wenn der Krebs zurückkehrt, würden wir das nicht überleben"

Mittlerweile ist Harrys Frau wieder gesund.

"Sie muss eigentlich regelmäßig zu Untersuchungen gehen, um sicherzugehen, dass der Krebs nicht zurück ist", sagt er. "Aber das macht sie jetzt nicht mehr. Wir wollen das nicht mehr. Es ist mir auch ganz egal, ob das Menschen verstehen oder nicht.

Wir würden das sowieso kein zweites Mal durchstehen. Und wir erwarten sowieso nichts mehr vom Leben. Deshalb lassen wir es mit den Untersuchungen einfach bleiben. Ja, fast niemand versteht es. Weil fast niemand in dieser Scheiß-Lage ist."

Harry sieht auf die Uhr.

"Noch ein paar Stunden. Dann kann ich wieder schlafen."

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(lk)