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31/08/2017 07:32 CEST | Aktualisiert 31/08/2017 14:02 CEST

Sat.1 fragt Kipping, ob sie Lindner scharf findet - die Antwort muss Deutschland Sorgen machen

  • Bei der Sat.1-Wahlsendung "Wahl 2017" wurde viel über Christian Lindners Äußeres gesprochen - ob der wollte oder nicht

  • Als Moderator Claus Strunz die Linke Katja Kipping fragte, ob sie Lindner "scharf" finde, war die etwas überrumpelt

  • Nicht unbedingt wegen Lindners Aussehen - sondern vor allem, weil dieses überhaupt zum Thema gemacht wurde

  • Eine Zusammenfassung des Textes seht ihr im Video oben

Christian Lindner redet gerne über Politik. Über Digitalisierung, Steuersenkungen - und auch mal über Wladimir Putin.

Das ist nur richtig: Schließlich ist Christian Lindner Chef der FDP und Spitzenkandidat der Liberalen bei der kommenden Bundestagswahl. Als solcher sollte und muss er versuchen, mit politischen Inhalten zu überzeugen.

Doch scheinen diese viele Menschen momentan nicht sehr zu interessieren. Das dachte sich zumindest der Sender Sat.1, dessen Moderator Claus Strunz am Mittwoch in der Sendung "Wahl 2017" mehrfach Lindners Äußeres thematisierte.

Strunz fragte so ganz unverblümt die Linke-Politikerin Katja Kipping, ob sie Lindner "scharf" finde - und deren Antwort offenbarte, warum das ein großes Problem ist.

"Ich überlege, ob das die Gleichstellung ist, die ich wollte"

Denn auf die Frage hin, ob sie Lindner und seinen Dreitagebart nicht toll finde, sagte Kipping: "Ich verarbeite noch, dass zum ersten Mal bei einem Mann vor allem über das Äußere gesprochen wird. Früher haben wir uns immer beschwert, wenn das bei Frauen der Fall war."

Das sei zwar ein interessantes Phänomen, "doch ich überlege, ob das nun die Gleichstellung ist, die ich wollte." Denn diese wolle sie eigentlich über Inhalte erreichen. Kipping ließ sich dann doch noch zu dieser Aussage über Christian Lindner hinreißen: "Das Aussehen ist noch das, was ich am wenigsten zu kritisieren hab."

Darauf sprang der exzentrische Moderator Strunz natürlich sofort an: "Ah, sie finden ihn also scharf, ja?"

Das verneinte Kipping deutlich und betonte: Wenn sie etwas Positives über Lindner sagen müsse, dann wäre das vielleicht etwas über sein Aussehen. Nur um dann zu fragen: "Können wir auch noch über Politik reden?"

Fragen über Tinder, statt über Themen

Eine berechtigte Frage zum richtigen Zeitpunkt. Denn es war beinahe schon absurd, wie sehr Claus Strunz sich für Sat.1 bemühte, aus einer politischen Runde eine Sitcom zu machen.

Schon direkt zu Beginn der Sendung fragte er Lindner frei heraus, ob es bei diesem bei der Dating-App Tinder gut laufe. Ein Moment zum Fremdschämen - und einer, bei dem man dem FDP-Chef ansah, wie er um seine Beherrschung bemüht war.

Strunz legte sogar noch nach, indem er Lindner mit einer Umfrage konfrontierte, die zeigte, wie viele Menschen ihn eitel finden.

Lindner verwehrte sich all diesen Kommentaren zu seiner Person. "Ich finde, man sollte Politiker wählen, die ein Angebot machen, Probleme zu lösen", sagte er. Und beteuerte: "Ich beschäftige mich nicht so viel mit Images, sondern mit Themen."

Ein offensichtlicher und ein subtiler Sexismus

Auf den Punkt gebracht: Strunz persönliche Fragen, sein Fokus auf das Äußere eines seiner Studiogäste zu legen, ist sexistisch. Und das auf gleich zwei Weisen.

Zunächst auf die, von der Katja Kipping sprach: Die Reduzierung eines Menschen auf sein Äußeres, über die sich bei Frauen zurecht immer wieder beschwert wird - und die nun bei einem Mann stattfand.

Und dann auf eine zweite, subtilere Weise. Diese offenbart sich darin, dass der FDP-Mann Lindner geschickt mit seiner mutmaßlichen Attraktivität kokettiert - etwa auf den Wahlplakaten der FDP, die auch als Werbetafeln für ein aufschneiderisches Modelabel herhalten könnten. "Kreativ", nennt Lindner das.

So "kreativ" könnte eine Politikerin jedoch niemals sein. Eine aufreizende Pose - und die deutsche Gesellschaft würde gegen sie Sturm laufen, sie als nicht professionell brandmarken. Lindner hingegen schützt in dieser Hinsicht das Macho-Image, das mächtige Männer in Deutschland noch immer haben müssen und sollen.

Auch das ist Sexismus. Einer den man, wie es Katja Kipping sagte, erstmal verarbeiten muss.

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(ujo)