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26/06/2017 13:49 CEST | Aktualisiert 27/06/2017 11:25 CEST

9 Beweise, dass die 40-Stunden-Woche die grausamste Erfindung aller Zeiten ist

Arbeit kann krank machen - insbesondere bei über 40 Stunden pro Woche.
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Arbeit kann krank machen - insbesondere bei über 40 Stunden pro Woche.

  • Der starre "Acht-Stunden-Job“ ist nach wie vor in Deutschland die Norm

  • Dabei haben zahlreiche Studien die schädlichen Effekte eines Vollzeitjobs belegt

  • Wir brauchen endlich eine ernstzunehmende Diskussion über Arbeitszeit

Seien wir mal ehrlich: Kein normaler Mensch würde sich freiwillig aussuchen, den Großteil seines Lebens in der Arbeit zu verbringen - um dann in der wenigen Freizeit, die noch bleibt, hektisch alles unterzubringen, was es sonst noch so gibt.

Denn statt uns an den Wochenenden vom Stress und den Strapazen der Arbeitswoche auszuruhen, machen wir genau das Gegenteil. Fast schon zwangsneurotisch quetschen wir sämtliche Freizeitaktivitäten in die wenigen Stunden, die uns bei einer Vollzeit-Woche noch übrig bleiben.

Das nervt - und trotzdem haben die allermeisten Menschen einen 40-Stunden-Job. Obwohl inzwischen bekannt ist, dass Arbeitszeiten von 40 Stunden und mehr sowohl der Gesundheit als auch der Arbeitssicherheit schaden.

Hier sind 9 Beweise, dass ein Vollzeitjob das Grausamste ist, was wir uns antun können.

1. Die 40-Stunden-Woche ist ineffizient

In Deutschland scheint die 40-Stunden-Woche nach wie vor das Maß der Dinge zu sein. Als Grund dafür nennen viele Unternehmen Wirtschaftlichkeit und gesteigerte Produktivität.

"In vielen Unternehmen wird deshalb Teilzeit nicht gerne gesehen oder gar komplett unterbunden", schreibt Arbeitszeitexperte Guido Zander in einem Blogbeitrag für die HuffPost.

"Dies liegt daran, dass Teilzeitmodelle oft einseitig an den Bedürfnissen der Mitarbeiter ausgerichtet oder schlichtweg nicht passend zum Bedarf definiert werden", erklärt er. "Dabei ist Teilzeit einer der zentralen Schlüssel zu mehr Flexibilität."

Das bedeutet: Wer weniger arbeitet, ist in kürzerer Zeit produktiver und gleichzeitig motivierter. Die 40-Stunden-Woche als Garant für Produktivität sei längst nicht mehr zeitgemäß, sagt Zander.

2. Die Arbeitnehmer sind häufiger krank

Mehr Freizeit sorgt für mehr Erholung - und das schützt Arbeitnehmer vor psychischen Erkrankungen. Vielen Unternehmen ist dieser Faktor nach wie vor nicht bewusst oder sie ignorieren ihn.

Langzeitkrankenstände sind jedoch mit enormen Kosten verbunden. Laut einer Studie der DAK erreichte die Zahl der Ausfälle aufgrund psychischer Belastung im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand.

Auch die Dauer der Ausfälle nahm zu: Ein einzelner Krankheitsfall dieser Art dauerte im Durchschnitt 38 Tage, heißt es in der Studie.

Mehr zum Thema: Die Deutschen sind im Job so gestresst wie noch nie

"Der Großteil der Menschen arbeitet zwar 35 oder sogar mehr als 40 Stunden, ohne dass die Gesundheit darunter leidet", sagte Monika Rieger vom Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Tübingen, "Spiegel Online".

"Aber wenn es viel mehr als 40 werden, kann das doch schnell zu einer gesundheitlichen Belastung werden."

Die Unterschiede seien oft auch von Faktoren aus dem Privatleben beeinflusst, sagt Rieger. Woher die Mehrbelastung auch kommt - fest steht: Wer besonders viel arbeitet, wird offensichtlich schneller krank.

Auch Arbeitsmediziner weltweit sind sich einig: Wer längeren Belastungen ausgesetzt ist, benötige einen entsprechenden Freizeitausgleich. Zwei Tage Ausgleich bei fünf Tagen Arbeit reichen hierbei aber nicht aus.

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Arbeiten bis zum völligen zum Stillstand: "Menschen funktionieren nicht wie Maschinen." / Credit: iStock

3. Bei den vereinbarten 40 Stunden bleibt es oft nicht

Eine Untersuchung der Vergütungsberatung "Compensation Partner“, bei der mehr als 220.000 Vergütungsdaten aus den vergangenen zwölf Jahren analysiert wurden, deckte kürzlich auf: Für mehr als die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer sind Überstunden der Normalfall.

So bleiben die meisten Arbeitnehmer durchschnittlich fünf Stunden länger pro Woche in der Arbeit. Lediglich Menschen mit einem Einkommen unter 30.000 Euro pro Jahr machen demnach weniger Überstanden, nämlich durchschnittlich 2,1 Überstunden pro Woche.

De facto ergibt sich daraus mindestens eine 45- bis 50-Stunden Woche. Vergütet oder gar ausgeglichen werden die geleisteten Überstunden oft nicht. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kam im Jahr 2016 zu dem Ergebnis, dass nicht einmal jeder zweite Beschäftigte in Deutschland seine Überstunden ausgeglichen bekomme.

Mehr zum Thema: Burnout am Arbeitsplatz: Diese Zahlen sollten alle Chefs kennen

Schuld daran sind auch die inzwischen zu vertraglichen Normen avancierten Klauseln der "Vertrauensarbeitszeit“, bei der die geleisteten Überstunden in der Regel "mit dem Gehalt abgegolten“ sind.

4. Das Stresslevel steigt massiv

Doch die Mehrarbeitszeit ist ein für die Unternehmen kein Vorteil: Denn auf Dauer macht ein zu großer Arbeitsdruck die Mitarbeiter krank. In einer repräsentativen Umfrage von "Zeit Online" gab jeder Dritte an, dauerhaft unter Stress zu leiden. Die am häufigsten genannte Ursache war ein zu hohes Arbeitspensum.

5. Eine Work-Life-Balance gibt es nicht

Das bisschen Zeit, das von der Arbeitswoche noch übrig bleibt, verwenden wir für all das, wofür wir von Montag bis Freitag weder Zeit noch Nerven haben. Ob Abwasch, Wohnungsputz oder intakte zwischenmenschliche Beziehungen außerhalb des Büros: Mit einem 40-Stunden-Job sind diese Dinge oft nur schwer vereinbar.

Bei 40-Stunden-Jobs gibt es keine Work-Life-Balance mehr. Doch gerade das ist extrem wichtig, sagt Dagmar Terbenznik.

Die Berlinerin arbeitet als Coach für Unternehmen und berät Mitarbeiter in Karrierefragen. Sie kennt das Problem des gegenwärtigen Arbeitspensums.

"Wir hängen noch in alten Strukturen und Systemen fest, die zu dem, was jetzt ist, nicht mehr passen“, sagte sie in einem Interview mit der Karriereplattform "Audimax“.

Terbenznik ist überzeugt: Die Taktfrequenz unseres Lebens und die Arbeitsdichte hat sich erhöht. Das habe zur Folge, dass sich viele Menschen von der Arbeit "aufgefressen“ fühlen - und irgendwann nicht mehr "funktionieren“, wie sie sagt.

Für Unternehmen ist dies eine betriebswirtschaftliche Zeitbombe: In Deutschland müssen Arbeitgeber sechs Wochen Lohnfortzahlung bei Krankheit leisten. Und bei stressbedingten Erkrankungen kommt es häufig zu viel längeren Ausfallzeiten.

6. Die Belange älterer Mitarbeiter sind mit den 40-Stunden-Woche nicht kompatibel

Aufgrund des demografischen Wandels unserer Gesellschaft gibt es in den Unternehmen immer mehr Mitarbeiter jenseits der 50. Dadurch steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass viele der regulären Arbeitsbelastung nicht mehr gewachsen sind.

Darüber hinaus würde eine Reduktion der Arbeitszeit in der Regel zu Gehaltsabzug und Einbußen bei der Rente führen, was sich viele nicht leisten könnten oder wollten, schreibt Arbeitszeitexperte Zander in seinem Beitrag für die HuffPost.

7. Das Risiko für Burnout steigt um das Sechsfache

Über die Frage, ab wann genau die Arbeit zu viel wird, gibt es zahlreiche Thesen und Studien. Arbeitsmediziner wie Soziologen streiten bereits seit Jahren darüber. Chefs und Unternehmen halten hingegen eisern an dem antiquierten 40-Stunden-Modell fest.

Bei einer Arbeitswoche von mehr als 40 Stunden steigt die Wahrscheinlichkeit, das Burnout-Syndrom zu entwickeln, gegenüber maximal 35 Stunden um das Sechsfache. Das will zumindest eine Studie des Aragon Institute of Health Sciences in Spanien herausgefunden haben.

Kommt Stress im Beruf hinzu, erhöht sich das Risiko demnach zusätzlich. Viele Arbeitnehmer sind bei einer 40-Stunden-Woche somit schon am obersten Limit. Dabei machten bereits wenige Stunden den Unterschied aus, heißt es in der Studie.

Eine nur geringfügig kürzere Arbeitszeit mindere das Risiko deutlich, vor Überlastung auszubrennen.

8. Eine 40-Stunden-Woche macht dumm

Eine Studie der Universität Melbourne hat herausgefunden, dass bei Mitarbeitern, die mehr als 25 Stunden pro Woche arbeiten, die kognitiven Fähigkeiten nachlassen.

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Das Ergebnis: Unaufmerksamkeit, verminderte Auffassungsgabe und Konzentrationsschwierigkeiten. Für ihre Studie werteten die Forscher Daten australischer Erwerbstätiger über 40 Jahren aus.

Ihr Fazit: "Arbeit kann die Hirnaktivitäten stimulieren, aber gleichzeitig können lange Arbeitszeiten und gewisse Anforderungen der Arbeit Müdigkeit und Stress hervorrufen, die die kognitiven Fähigkeiten potentiell beschädigen können,“ heißt es in der Studie.

9. Mit zunehmender Arbeitszeit sinkt die Leistung ab

Tarifexperte Reinhard Bispinck vom gewerkschaftsnahen Böckler-Institut hält die 40-Stunden-Woche für kontraproduktiv. Menschen könnten nicht wie Maschinen arbeiten, sagte der Experte in einem Interview mit "Der Westen“. Anders als Maschinen funktioniere der Mensch "nichtlinear".

Das bedeutet: Die Leistung sinke mit zunehmender Dauer der Arbeitszeit überproportional ab.

"Angesichts der gestiegenen Arbeitsbelastung und Leistungsverdichtung muss das Thema 'Arbeitszeitverkürzung' wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden“, sagt Bispinck.

Fazit: "Wenn es zu viel wird, macht der Körper schlapp"

Die Argumente zeigen: Wir brauchen endlich eine ernstzunehmende Debatte über flexible Arbeitszeiten.

"Arbeitszeit ist Lebenszeit“, heißt es in einem aktuellen IG-Metall-Report zur Arbeitssicherheit. "Wenn es zu viel wird, macht der Körper schlapp.“

Das sollten wir uns alle zu Herzen nehmen.

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(lk)