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13/02/2017 14:32 CET

Unaufhaltsamer Aufstieg der Rechtspopulisten? Forscher haben eine gute Nachricht für Deutschland

dpa
Unaufhaltsamer Aufstieg der Rechtspopulisten der AfD? Forscher haben eine gute Nachricht für Deutschland

  • Eine neue Studie zeigt, dass ein geringes Einkommen für eine Wahlentscheidung zugunsten der AfD keine Rolle spielt

  • Damit nimmt Deutschland eine Sonderrolle in Europa ein

  • Viel deutet darauf hin: Die AfD ist weiter vor allem eine Protestpartei

  • Die Gegner der Petry-Partei könnten sich dieses Wissen zu Nutzen machen

Ungebildete und Geringverdiener sind AfD-Wähler, so ein gängiges Vorurteil. Die Realität sieht in vielen Fällen hingegen ganz anders aus. Insbesondere im Vergleich mit dem Wahlverhalten in den Nachbarländern nimmt Deutschland eine Sonderrolle ein. Das ist eine gute Nachricht.

Denn ein geringes Einkommen spielt für eine Wahlentscheidung zugunsten der AfD praktisch keine Rolle. Das geht aus einer noch unveröffentlichten Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor, die der Huffington Post vorliegt. Die Auswertung von Wählerdaten zeige, dass "die AfD von Unterstützern der staatlichen Umverteilungspolitik nicht häufiger gewählt wird, als von deren Kritikern".

AfD-Wähler entscheiden sich also nicht aufgrund ihres sozialen Status für das Kreuz bei der Partei, sondern aus Protest gegen das Establishment. Die etablierten Parteien könnten sich diese Erkenntnis zu Nutzen machen.

In anderen westeuropäischen Ländern ist das ganz anders. Dort entscheiden sich Wähler mit geringem Einkommen deutlich häufiger für eine rechtspopulistische Partei.

AfD als klassische Protestpartei

Woran liegt das?

studie

Die Autorinnen der IW-Studie schreiben, dass die AfD "viel häufiger aus Protest gegen die nationale Regierung gewählt wird als in Europa". Dies gelte "unabhängig vom Einkommen und vom Bildungsstand".

Diese Einschätzung bestätigt ebenso IW-Wissenschaftler Knut Bergmann gegenüber der Huffington Post. Er war nicht an der aktuellen aber an vergangenen Studien zur AfD beteiligt.

Bergmann sagt: "Die AfD scheint einen hohen Anteil von Protestwählern aufzuweisen, die nicht nur von den Rändern Gesellschaft stammen." Die AfD werde durch alle Gesellschaftsschichten hindurch gewählt. "Sie ist nicht die Partei der Abgehängten, sondern soziodemografisch eher eine Volkspartei", erklärt der Politikwissenschaftler.

Vermischung der Milieus

Die aktuelle Studie deckt sich mit den Erkenntnissen vergangener Befragungen.

"Unsere Ergebnisse gehen tendenziell in die gleiche Richtung", sagt Ralf Melzer der Huffington Post, der die sogenannte Mitte Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) leitet.

"Auch wir sehen eine Vermischung der Milieus bei potentiellen AfD-Wählern zwischen denjenigen, die tatsächlich in sozial prekären Verhältnissen leben, mit denjenigen, die Angst vor dem sozialen Abstieg haben."

Melzer zufolge finden sich auch bei Personen mit höherem Einkommen beziehungsweise bei solchen, welche die eigene wirtschaftliche Lage positiv einschätzen, Affinitäten zu rechtspopulistischen Haltungen. "Jedoch weniger stark ausgeprägt als in den niedrigen und mittleren Einkommensgruppen", fügt Melzer hinzu.

Bereits im November hatte eine Forsa-Umfrage gezeigt: Nur 28 Prozent der AfD-Anhänger habe ein Haushaltsnettoeinkommen von unter 2.000 Euro im Monat hat. Das ist ein geringerer Anteil als bei der SPD (32 Prozent) und der Linkspartei (37 Prozent).

Zielgruppen der AfD sind so heterogen wie die Partei selbst

Das beweist auch das Strategiepapier des AfD-Bundesvorstands. "Dieses zeigt, dass die Partei erkannt hat, wie heterogen ihre Zielgruppen sind - genau wie es die Partei auch selbst ist", erklärt Bergmann vom IW.

Das könnte die gute Nachricht für alle anderen Parteien sein. Schafft es die politische Konkurrenz, sich glaubhaft den Protestwählern - die zuvor häufig Nicht-Wähler waren - zuzuwenden, dann würde das der AfD die Basis entziehen.

Noch bei den Landtagswahlen im vergangenen Jahr erhielt die Partei den größten Zulauf aus dem Lager dieser Nicht-Wähler.

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Rückgang der Nicht-Wähler

Doch deren Anteil ging bei den aktuellen AfD-Unterstützern allein in den letzten 14 Tagen um etwa 40 Prozent zurück. Genau aus diesem Teil der Gesellschaft konnte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz viele Unterstützer mobilisieren.

Dennoch geht das IW davon aus, dass die AfD vorerst eine feste politische Größe bleibt. Die Experten des Instituts warnen in einem erst am Montag veröffentlichten Beitrag vor dem Vormarsch populistischer Parteien in Europa. Auch in Deutschland sei mit einer weiterem Erstarken der Populisten zu rechnen.

Ihre Gegner haben nun zumindest einen Ansatzpunkt, wie sie die AfD besiegen können.