POLITIK
13/02/2017 13:55 CET | Aktualisiert 14/02/2017 02:41 CET

Liebe Fußballfans! Euer Irrsinn zeigt, dass ihr nicht verstanden habt, worum es in eurer Fan-Szene geht

Liebe Fußballfans! Euer Irrsinn zeigt, dass ihr nicht verstanden habt, worum es in eurer Fan-Szene geht
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Liebe Fußballfans! Euer Irrsinn zeigt, dass ihr nicht verstanden habt, worum es in eurer Fan-Szene geht

Liebe deutsche Fußballfans!

Eigentlich wissen wir schon länger, dass es in der deutschen Fußball-Szene ein Gewaltproblem gibt. Das sichtbarste Zeichen dafür waren die Krawalle während der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich, als rechtsradikale Gewaltkriminelle aus Sachsen erst mit einer Reichskriegsflagge vor dem Bahnhof von Lille posierten und später im Zentrum der nordfranzösischen Stadt randalierten. Damals haben viele Leute zu beschwichtigen versucht: Das alles sei nur eine kleine Minderheit, die sich auf Kosten der friedlichen Mehrheit in Szene setzen wolle. Was für ein Irrtum. Zwei Vorfälle zeigten uns in jüngster Zeit, dass Menschenverachtung in deutschen Fußballstadien keineswegs ein exklusives Problem von rechten Fans aus dem Osten der Republik ist. Der Virus hat den gesamten deutschen Fußball befallen. Und er droht, die deutsche Fußballkultur kaputt zu machen. Und mehr noch: Die jüngsten Vorfälle beim BVB und bei St. Pauli zeigen, dass es ein gesamtgesellschaftliches Problem gibt. Der FC St. Pauli - ein Verein, der so viel auf sein linkes Weltbild gibt: Der Kampf gegen Homophobie und Ausländerfeindlichkeit gehört zum Selbstverständnis des Hamburger Clubs. Schon seit Jahrzehnten sind dort Parolen gegen "schwule Schiedsrichter" oder die weit verbreiteten Affenlaute gegen Spieler afrikanischer Herkunft geächtet.

Menschenverachtung im St. Pauli-Block

Der Verein hat damit sehr früh ein wichtiges Zeichen gesetzt: Dass Demokratie und Menschenrechte nicht mit dem Gang durch das Stadiontor außer Kraft gesetzt sind. Der FC St. Pauli war die Utopie eines "besseren" Fußballvereins. Ausgerechnet im Fanblock der Hamburger tauchte am vergangenen Wochenende beim Auswärtsspiel gegen Dynamo Dresden ein geschmackloses Transparent auf: "Schon eure Groszeltern haben für Dresden gebrannt. Gegen den doitschen Opfermythos!". Getragen wurde es von Dutzenden mitgereisten Fans. Anders gesagt: Das war kein Ausfall eines einzelnen. Alles geschah unter den Augen und mit Hilfe der treuesten St. Pauli-Fans. Offenbar war es für die meisten vollkommen okay, einer gewissen Gruppe von Menschen die Würde abzusprechen. Der Verein merkte anschließend in einer offiziellen Entschuldigung an Dynamo Dresden an, dass "mit den Worten auf dem Spruchband" eine Grenze überschritten worden sei, damit würden "die Toten der Luftangriffe auf Dresden verhöhnt".

Hass auf der Dortmunder Südtribüne

Natürlich ist die Distanzierung des Clubs lobenswert. Das erklärt aber noch nicht, woher die Menschenverachtung der mitreisenden Fans gekommen ist. Das gleiche Bild zeigt sich bei Borussia Dortmund. Die Südtribüne gilt mit ihren 25.000 Stehplätzen normalerweise als einer der stimmungsvollsten Orte der Fußballwelt. Die Atmosphäre in Westfalenstadion ist legendär. Und die Fans des BVB galten einst als die kreativsten der Republik. Woher kam aber der Hass auf die Fans von RB Leipzig beim Heimspiel Anfang Februar? Auf dutzenden Transparenten waren teils harmlose, teils jedoch gewaltverherrlichende Parolen gegen den vermeintlichen "Brauseclub“ zu lesen. Einige Anhänger steigerten sich in Mordfantasien hinein. Auch hier hielten die umstehenden Stadionbesucher einfach die Klappe, kuschten vor der Menschenverachtung der Rädelsführer oder fanden die Aktion insgeheim sogar ziemlich toll.

Gewaltkriminelle in Borussia-Fanmontur

Vor dem Stadion griffen Gewaltkriminelle in Borussia-Fanmontur friedliche Fans des sächsischen Clubs an. Steine flogen, teils sogar auf Kinder. Dabei wurden mehrere Menschen verletzt. Der Club distanzierte sich scharf von diesen "Fans" und akzeptierte am Montag eine temporärer Sperre für die Südtribüne, die vom DFB beantragt wurde. Das entschuldigt aber keineswegs, wie es dazu kommen konnte. In einem sehr klugen Beitrag im BVB-Fanmagazin "Schwatzgelb" hieß es am Montag: "Die Wolfsburgs, Hoffenheims und Leipzigs sind da, und sie werden da bleiben. (…) Wenn uns der BVB wichtig ist, dann sollten wir tatsächlich wieder an den positiven Dingen arbeiten, die unseren Verein von einem reinen Wirtschaftskonzern unterscheiden.“ Richtig: Es geht um das Ganze. Vielleicht mag es auf St. Pauli und in Dortmund "Wut" gegen die rechten Umtriebe in Sachsen geben oder die Kommerzialisierung des Fußballs. Das alles ist Ausdruck eines Kulturkampfs, der von der Gesellschaft in die Stadien schwappt. Und eigentlich ist das auch nichts Schlimmes. Im Gegenteil, es wäre schlimm, wenn Fan-Kultur unpolitisch wäre und nicht gesamtgesellschaftliche Entwicklungen widerspiegeln würde. Dann würde Fußball in solch bewegten Zeiten erst recht zum Zirkus verkommen.

Es ist Zeit, gegen diesen Irrsinn aufzustehen

Aber Widerstand gegen identifizierte Missstände kann nicht durch Hass und Menschenverachtung beantwortet werden. Auch das zeigt der Text auf "Schwatzgelb“ klug auf: Vereine wie Leipzig hätten auch deswegen "Oberwasser", weil "sie sich als neuartig und frisch, als friedlich und erfolgreich darstellen" können. Wer zurückhasst, schadet damit der eigenen Sache. Dadurch geht kaputt, wofür Fans aus Dortmund und Pauli seit Jahren gearbeitet haben: Eine bessere Fußballwelt, in der Menschenverachtung keinen Platz hat und "echte Liebe" noch etwas zählt. Für die echten Fans ist es daher jetzt Zeit, gegen diesen Irrsinn aufzustehen: Dortmund-Ultras, die mit Hassparolen Politik auf der Tribüne machen wollen, sind in Wahrheit Verräter an der gemeinsamen Sache. Und St. Pauli-Ultras, für die es Menschen mit Würde gibt und solche, denen man die Würde kurzerhand absprechen kann, haben nie wirklich verstanden, worum es in ihrer eigenen Fanszene eigentlich geht. Im Grunde gilt das für alle Vereine dieser Republik: Menschenverachtung ist nichts, was in irgendeiner Form zu dulden wäre. Denn wenn es soweit ist, ist es nur ein kurzer Weg, bis sich die Verachtung eines Tages gegen einen selbst richtet.

Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..