POLITIK
12/02/2017 15:05 CET | Aktualisiert 12/02/2017 16:48 CET

Schmeißt die Autos aus der City: Es wird Zeit für den radikalsten Umbau unserer Städte seit 1945

Gettystock

Nein, es ist nicht alles grau in Hannover. Aber damit wäre dem Zentrum der niedersächsischen Landeshauptstadt auch schon das größte Kompliment gemacht. Aus der einst von kleinen Gassen durchzogenen Metropole, die sowohl für ihre Fachwerkhäuser als auch für die Backsteinarchitektur bekannt war, ist durch den Wiederaufbau nach 1945 eine Stadt ohne Eigenschaften geworden, deren einstiger Charme unter riesigen Schnellstraßen kaputt asphaltiert wurde.

Oder Stuttgart: Dort pflügen die Hauptverkehrsachsen derart brutal durch die City, dass sie ganze Stadtviertel und selbst die Fußgängerzone zerschneiden. In Magdeburg liegen die Dinge übrigens ähnlich.

Ein einziger kafkaesker Alptraum sind jene Städte, die von vorne herein für den Autoverkehr konzipiert wurden: Im nordhessischen Baunatal zum Beispiel gibt es entlang der Hauptstraßen noch nicht einmal Bürgersteige. Ganze Teile des Zentrums wurden ganz und gar den Fahrzeugen überlassen.

Wenn man diese Städte heute betrachtet, merkt man: Wir müssen grundlegend umdenken. Denn unsere Art zu leben hat sich geändert – und so müssen sich auch unsere Städte ändern. Die Entwicklung dahin hat bereits begonnen, doch sie ist lange noch nicht am Ende.

Menschen, so glaubte man in der Nachkriegszeit, lebten in Wohnsiedlungen und benutzten für alle nötigen Wege ein Auto. Dass einmal Leute in die VW-Stadt Baunatal ziehen könnten, die nicht über ein eigenes Fahrzeug verfügen, kam den Stadtplanern wohl nicht in den Sinn.

Städte auf Jahrhunderte verunstaltet

Es ist im Nachhinein kaum zu fassen, wie leichtfertig die Stadtplaner nach dem Krieg unsere Städte auf Jahrzehnte und womöglich sogar Jahrhunderte verunstaltet haben. Der größte Schaden ist dabei aber nicht durch moderne Architektur entstanden, sondern durch den blinden Glauben an die Zukunft des Autos.

Er hat den Grundriss unserer Städte verändert. Nicht nur räumlich oder ästhetisch, wenn etwa durch die Neuplanung von Stadtautobahnen, Tangenten und Zubringern die historisch gewachsenen Bezüge einer Stadt kaputt gerissen wurden. Es geht auch um die Prioritätensetzeung an sich. Denn wo für Autos geplant wurde, war der Mensch stets an vierter oder fünfter Stelle.

Wem das zu abstrakt ist, der versuche mal, zu Fuß entlang des westfälischen Hellwegs von Dortmund nach Duisburg zu gehen. Ein historischer Handelsweg, der vor 200 Jahren durch eine durchaus reizvolle Landschaft führte - in diesem Abschnitt von den letzten Ausläufern des Haarstrangs bis zur Mündung der Ruhr in den Rhein.

Es ist Zeit zum Umdenken

Der Pott mag einen Großteil seiner Industrie verloren haben, den Bergbau sowieso. Die Luft ist heute viel sauberer als früher, und an vielen Stellen ist es tatsächlich grün geworden, dank neuer Parks und anderer Renaturierungsmaßnahmen. Und die Menschen hier sind sowieso einmalig.

Aber wie sehr sich die Kommunen auch anstrengen: So lange Autobahnen, Autostraßen, Schnellwege, sechsspurige Bundesstraßen und bis ins Gigantische aufgeblasene Hauptstraßen die Stadtbilder zerstückeln, hat die Region ein Problem mit ihrer Lebensqualität.

Jahrelang hatte man die Sanierung und Pflege der Hauptverkehrstrassen verteidigt. Sie seien ein Stück der in Deutschland so wertvollen "Verkehrsinfrastruktur“, die letztlich auch einen "Standortvorteil“ ausmache. Doch die Zeiten ändern sich gerade rasant. Es wäre gerade jetzt an der Zeit, neue Prioritäten zu setzen.

Schmeißt die Autos aus den Stadtzentren!

Deutsche Kommunen sollten alle Autos mit Verbrennungsmotoren aus den Stadtzentren rauswerfen. Die technischen Alternativen zum klassischen Autoverkehr entstehen gerade.

In gut einem Jahrzehnt könnte es selbstfahrende Taxis geben, die Passanten auf Knopfdruck zu jedem beliebigen Punkt der Stadt bringen könnten. Zu jeder Zeit. Ein selbstfahrendes Taxi braucht keine Nachtruhe, ist daher viel effizienter. Und weil der Lohnanteil des Fahrers wegfällt, könnte der Fahrpreis sogar recht günstig ausfallen.

Parkplätze brauchen diese Taxis auch seltener, weil sie im Optimalfall ständig in Bewegung sind. Und dank kluger Algorithmen gäbe es auch keine Leerfahrten mehr, keine Sinnlos-Strecken und kein Imponierverhalten mit quietschenden Reifen. Und Lieferfahrten wären mit selbstfahrenden Lastwagen selbstverständlich auch möglich.

Es gibt bereits Alternativen

Schon jetzt gibt es Elektromobile, deren Marktanteil nach dem Willen der Bundesregierung stark ansteigen soll. Sie könnten helfen, die Luft sauberer zu halten und den CO2-Ausstoß zu senken. Zudem wären sie durch ihre geringere Motorenkraft eine kleinere Gefahr im Stadtverkehr als die hoffnungslos übermotorisierten SUVs.

Auch der Anteil der Fahrradfahrer steigt stetig in den Städten. In Berlin etwa hat die neue Rot-Rot-Grüne Regierung es sich zur Aufgabe gemacht, das Radweg-Netz auszubauen, weil es derzeit aus allen Nähten platzt.

Und Städte wie Leipzig und Dresden machen vor, wie man den Nahverkehr so fördert, dass er für die Bürger eine echte Alternative ist.

Lasst uns Teil einer Revolution sein

Denkt man den Wandel in den Innenstädten zu Ende, ergeben sich dadurch gigantische Entwicklungsmöglichkeiten: Man bräuchte viel weniger Parkplätze in den Zentren, und auch ein Teil der alten Verkehrsmagistralen könnte umgewidmet werden. Wo heute noch Autos fahren, könnten bald schon Plätze, Parks und Radwege sein. So könnten alte Verbindungslinien in den Städten wieder hergestellt werden, wo jetzt noch der donnernde Autoverkehr alles trennt.

Wo Wohnungsnot herrscht, würden auf einmal gigantische Mengen an Baufläche frei. Zum Beispiel in Städten wie Hamburg, wo einst ebenfalls autofreundlich gebaut wurde. Oder in Köln.

Letztlich geht es beim dringend nötigen Umbau unserer Städte aber nicht nur um Zahlen. Es geht vor allem darum, den Menschen die Innenstädte wieder zurückzugeben.

In Paris gibt es schon Pläne, Autos mit Verbrennungsmotoren aus dem Stadtzentrum zu verbannen. Und im Rahmen des Paris-Plage-Festivals kann man jedes Jahr sehen, wie lebenswert eine Stadt werden kann, wenn eine vierspurige Schnellstraße zu einem Stadtstrand umgewandelt wird.

Dieser Revolution sollten wie uns schnellstens anschließen.

(lp)