NACHRICHTEN
10/02/2017 07:56 CET

Ein junger Thüringer verschwand spurlos - dann ermittelten die Eltern auf eigene Faust

Manche Kriminalfälle sind so ungeheuerlich, dass sie fast so klingen, als hätte sie jemand erfunden. Als seien sie gar nicht wirklich geschehen.

Die Eltern von Raven Vollrath würden sich bestimmt noch immer gerne einreden, ihr Sohn sei gar nicht tot, sei nicht einem Mörder zum Opfer gefallen.

Bis heute quält sie die Frage nach dem "Warum". Warum es genau ihren Sohn treffen musste. Warum die Behörden ihnen nicht glaubten.

Das wird jedem deutlich, der die Geschichte der Familie kennt, die das Magazin "Stern Crime" in seiner aktuellen Ausgabe nun noch einmal genauer beleuchtet hat.

Diese Geschichte geht so: Raven Vollrath ist 25 Jahre alt. Um dem Hartz-4-Alltag zu entkommen, geht der Thüringer nach Tirol - er will es seinem besten Freund Markus gleichtun. Endlich auf eigenen Beinen stehen. Unabhängig vom Staat und den Eltern sein.

Raven Vollrath verschwand in Österreich spurlos

Seine Eltern Maryon und Günter sind stolz auf ihren Sohn. Am 2. Dezember 2005 ist es soweit: Raven macht sich auf den Weg nach Österreich. Einen Monat später ist der junge Mann spurlos verschwunden. Seine Eltern ermitteln auf eigene Faust, vermuten das Schlimmste.

Heiligabend 2005. Was eigentlich das Fest der Liebe werden sollte, wird für Familie Vollrath zur Qual. Seit Tagen gibt es kein Lebenszeichen mehr von Sohn Raven. Am 28. Dezember kontaktieren seine Eltern die österreichische Polizei. Die Reaktion ist ernüchternd: Raven sei 25 Jahre alt und es gebe keinen Grund zu der Annahme, dass ihm etwas passiert sei.

Immerhin: Die Beamten fahnden nach dem Auto des Mannes, das auf den Namen der Mutter angemeldet ist. Sie finden den Opel Corsa an einem Skilift - unverschlossen. Die Eltern sind fassungslos und fahren nach Österreich. Sie wollen ihren Sohn unbedingt finden.

Das müssen sie allerdings auf eigene Faust: Die Behörden nehmen ihre Ängste nicht ernst. Auch die Dorfbewohner wollen nichts mit dem Fall zutun haben. Wo immer Maryon und Günter hingehen, stoßen sie auf verschlossene Münder.

Als der Schnee schmilzt, kommt die traurige Wahrheit ans Licht

Am 12. Juni 2006, Monate nach Ravens Verschwinden, beginnt der Schnee zu schmelzen. Ein Ehepaar aus Jülich in NRW unternimmt an diesem Tag eine Wanderung - vom deutschen Oberjoch aus ins österreichische Schattwald.

Plötzlich macht das Paar eine schreckliche Entdeckung. Die Beiden finden den stark entstellten Körper von Raven. Seine Klamotten sind zerrissen. Er ist barfuß, neben ihm liegt eine Matratze.

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Die Ermittler glauben nicht an ein Verbrechen. Die Eltern hingegen wollen Gewissheit. Sie schalten einen Anwalt aus Nürnberg ein, der erschüttert über das mangelnde Vorgehen der Polizisten ist.

Auch ein ORF-Reporter schließt sich dem Team an und gibt nicht auf - nichtmal, als ihm mit einer Klage gedroht wird. Der bekannte Kriminalbiologe Mark Benecke rät dazu, Raven exhumieren zu lassen. Die verzweifelten Eltern stimmen zu. Und bekommen so endlich den Beweis, dass ihr Sohn ermordet wurde.

Darum musste der junge Mann sterben

Irgendwann können die Beamten nicht anders: Sie nehmen die Ermittlungen wieder auf. Und verhören die Mutter von Ravens bestem Freund Markus, die im Allgäu lebt.

Dann die Wende: Markus' Mutter, Gabriele S., sagt aus, ihr Sohn habe Raven getötet. In der Nacht zu Heiligabend sei der Mord geschehen. Grund sei Eifersucht gewesen: Raven hatte von Markus Arbeitgeber ein verlockendes Angebot erhalten.

Er sollte in die Schweiz und dort bei einem Holzgroßhandel arbeiten. Markus sei außer sich gewesen, sagt die Mutter. Er habe nie ein derartiges Job-Angebot erhalten. Also habe Markus ein Messer gezogen und auf Raven eingestochen.

Markus S. wird zu acht Jahren Jugendstrafe verurteilt.

Heute ist er wieder auf freiem Fuß. Ravens Eltern haben Antworten bekommen. Aber die eine Frage nach dem "Warum?" wird ihnen wohl niemand mehr beantworten.

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(lk)