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10/02/2017 07:04 CET | Aktualisiert 11/02/2017 06:28 CET

Presseschau zur Bundespräsidentenwahl: "Selbstverliebtheit statt Größe"

Tobias Schwarz / Reuters
Parliamentary group leader of Germany's opposition Social Democrats Party SPD Frank-Walter Steinmeier and Joachim Gauck, German presidential candidate, arrive for a parliamentary group meeting in Berlin, June 8, 2010. REUTERS/Tobias Schwarz (GERMANY - Tags: POLITICS)

  • Am Sonntag wählt die Bundesversammlung Deutschlands nächsten Bundespräsidenten

  • Frank-Walter Steinmeier wird wahrscheinlich Joachim Gauck in dem Amt beerben

  • In der Presse ernten beide Lob für ihre staatsmännisches Auftreten - aber im Falle von Gauck auch überraschende Kritik

Am Sonntag wählt die Bundesversammlung den nächsten Bundespräsidenten. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird dann Frank-Walter Steinmeier, gemeinsamer Kandidat von SPD und Union, den bisherigen Bundespräsidenten Joachim Gauck ablösen.

Als guter Redner und Verfechter von Demokratie und Menschenrechten erfuhr Gauck in den letzten Jahren viel Unterstützung. Und auch der SPD-Politiker und ehemalige Außenminister Steinmeier kann auf diese hoffen: Seine Kandidatur wird von Union, SPD und FDP unterstützt und kann auch auf Stimmen der Grünen setzen.

Außerdem ist Steinmeier auch in der Bevölkerung sehr beliebt. Doch das Amt birgt auch Herausforderungen für den Spitzenpolitiker.

Was die deutsche Presse zur Wahl des neuen Bundespräsidenten, erfahrt ihr hier.

"Gauck war die Anerkennung lieber, als unbequeme Fragen zu stellen"

"Die Zeit" reflektiert die Amtszeit des amtierenden Bundespräsidenten Joachim Gauck durchaus kritisch. Unter dem Titel "Selbstverliebtheit statt Größe" schreibt die Zeitung:

"Joachim Gauck hat weltweit Menschenrechte verteidigt, im Inland aber blieb er blass." Gauck sei zwar international für Menschenrechte und den Rechtsstaat eingestanden - so zum Beispiel gegenüber der Türkei, China und Russland.

Er sei aber seiner Aufgabe, "auf politische Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen, die politische Elite aus ihrer Selbstgefälligkeit zu rütteln", nicht gerecht geworden, schreibt die Zeitung. "Es wäre aber wichtig gewesen, den Hauruck-Stil der Kanzlerin, ihre Politik der vollendeten Tatsachen deutlicher unter die Lupe zu nehmen."

Auch auf den Rechtsruck im Land - auf die AfD und Pegida - habe Gauck nicht reagiert, kritisiert die "Zeit". "Darüber wäre eine Debatte zu führen, frei von Tabuisierungen, aber klar in den Positionen. Gauck hat sie nicht geführt".

Das Fazit des Autors Stephan Hilsberg fällt ernüchternd aus: "Gauck wird in die Geschichte eingehen als erster ostdeutscher Bundespräsident, dem die Anerkennung lieber war, als unangenehme Fragen zu stellen".

"Gauck war für die Deutschen eine Vaterfigur im besten Sinne des Wortes"

Wesentlich positiver fällt eine Analyse in der "Welt" aus.

Autor Jacques Schuster schreibt dort über Gauck, er sei nicht nur ein großer Rhetoriker, sondern gar eine "Vaterfigur im besten Sinne des Wortes; eine Vaterfigur für eine Nation, die lange eine 'vaterlose Gesellschaft'" gewesen sei.

"In kurzer Zeit gab Joachim Gauck den meisten Deutschen den Glauben an die Bedeutung des Bundespräsidenten zurück – Umfragen belegen es", schreibt die "Welt" weiter.

Auch diese Analyse lobt Gaucks Einsatz für Menschenrechte weltweit. "Wenn es um das Ideal der Freiheit und der Westorientierung geht, bleibt Gauck standhaft und unbeirrbar. Beide Größen sind ihm mehr als ferne Ideale", heißt es da.

Als herausragenden Redner und Verfechter demokratischer Werte ehrt auch die "FAZ" den scheidenden Bundespräsidenten.

"Schon vor dem Brexit, vor der Wahl Donald Trumps und bevor Recep Tayyip Erdogan die letzten Schritte ging, um sich die Türkei als übermächtiger Präsident vollends zu unterwerfen, hielt der Bundespräsident Joachim Gauck Reden, die eine einfache und sehr grundsätzliche Botschaft hatten: Freiheit und Demokratie sind die entscheidenden politischen Werte unserer Zeit", schreibt die Zeitung.

"Die schwierigen Regionen muss Steinmeier neu studieren"

Die "Süddeutsche Zeitung" hingegen sieht in die Zukunft - und sieht Herausforderungen auf den wahrscheinlich nächsten Bundespräsidenten am Horizont.

In einem Kommentar zu Frank-Walter Steinmeier schreibt die Zeitung: "Steinmeier wird künftig mehr als ein guter Redner sein müssen". Er müsse lernen, den Menschen jenseits der Politik und der protokollarischen Pflichten zu begegnen - auch abseits der ihm bekannten Regionen.

"Auch die schwierigen (Regionen), wo die Zuwanderung den Leuten viel abverlangt oder wo Rechtsradikale um die Vorherrschaft im öffentlichen Raum kämpfen, muss Steinmeier neu studieren. Nicht als Jurist (...) sondern als Mensch, zugewandt, mit Zeit, geduldig, ohne die Brille des Politikers, der die Welt stets auf pragmatische Möglichkeiten hin vorsortiert hat", schreibt die "SZ".

Darin müsse sich Steinmeier, der in den letzten Jahren, auch in seinem Amt als Außenminister, mehr Zeit in elitären Kreisen verbracht habe, erst üben.

"Wie langweilig Steinmeiers (...) Präsidentschaft wird, hat er vor allem selbst in der Hand"

"Spiegel Online" sieht Steinmeier "als verlässlichen Garant der Republik und als überzeugte(n) Europäer in bewegten politischen Zeiten, da der Kontinent durch Populisten und die transatlantischen Beziehungen durch den neuen US-Präsidenten Donald Trump einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt sind".

Steinmeier würde Deutschland mit seiner Erfahrung als langjähriger Außenminister und Chef des Kanzleramts unter Gerhard Schröder angemessen repräsentieren - daran gäbe es wenig Zweifel.

"Spannender ist die Frage, wie er seine Rolle als Erster Mann im Staat politisch ausfüllen wird. Wie langweilig Steinmeiers wahrscheinliche Präsidentschaft wird, hat er vor allem selbst in der Hand", schreibt die Nachrichtenseite.

Dass Steinmeier seinen Fokus zunächst auf die Bürger im Inland legen wird, liegt auch für SPON nahe: "In seinem Umfeld gibt es Überlegungen, der Neue im Schloss, den viele Präsidenten und Regierungschefs im Ausland durch seine frühere Tätigkeit ohnehin kennen, sollte sich zunächst einmal hierzulande umsehen, zuhören und mit den Bürgern ins Gespräch kommen."

"Auch dort, wo nicht alles zum Besten steht, wo Menschen sich abwenden vom Staat und der Politik," schreibt die Nachrichtenseite.

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(jg)