POLITIK
09/02/2017 10:30 CET | Aktualisiert 12/02/2017 12:16 CET

Ein Arzt wehrt sich gegen Abtreibung in seiner Klinik - wie viele konservative Christen in Deutschland

Pro-life activists gather for the National March for Life rally in Washington January 27, 2017.  REUTERS/Aaron P. Bernstein
Aaron Bernstein / Reuters
Pro-life activists gather for the National March for Life rally in Washington January 27, 2017. REUTERS/Aaron P. Bernstein

Thomas Börner sagt jetzt nichts mehr öffentlich, er darf nicht.

Börner ist Arzt, Chef der Gynäkologie der Klinik im niedersächsischen Dannenberg. An seiner Stelle spricht jetzt Martin Reitz, Geschäftsführer des privaten Capio-Klinik-Konzerns, zu dem das Haus gehört. Und Reitz musste in den vergangenen Tagen viel erklären.

Denn Börner weigert sich als freikirchlich evangelischer Christ, so hat es der NDR berichtet, Abtreibungen in seiner Klinik vorzunehmen.

Der Fall löste deutschlandweit Empörung aus.

Und er wirft ein Schlaglicht auf eine Gruppe, von der kaum je in Deutschland die Rede ist: radikale Christen. Zu ihnen gehören Evangelikale ebenso wie fundamentalistische Katholiken. Man kennt sie eher aus den USA wo sie die Politik prägen und Wahlen entscheiden - aber auch in Deutschland haben die Konservativen mehr Macht, als vielen bekannt ist.

Rechtlich hat Börner sich nichts zuschulden kommen lassen.

Kein Arzt kann dazu gezwungen werden Abtreibungen vorzunehmen. Aber, und da wird es heikel, Börner hatte es auch seinem Team verboten – außer etwa in Fällen von Vergewaltigung.

Klinik-Konzern hebt Weisung auf

Reitz erklärt jetzt mehrmals täglich: Bei der Einstellung Börners im Dezember sei dessen Haltung bekannt gewesen, man akzeptiere diese nach wie vor. Aber nicht als Direktive an die ganze Abteilung, wie Reitz der Huffington Post sagte.

Der Chef der Dannenberger Klinik, Markus Fröhling, hätte Börner machen lassen, ist in den Medien zu lesen. Aber der Konzern fühlt sich der politischen und religiösen Neutralität verpflichtet.

Wie die Reaktion der anderen Ärzte in Dannenberg ausgefallen ist, will Reitz nicht sagen. Es gebe persönliche Gespräche. Übrigens auch mit Börner, es werde sich zeigen, ob eine weitere Zusammenarbeit möglich sei. Die Klinik nimmt aktuell weiter Abtreibungen vor.

Konservative christliche Szene in Deutschland

Die Entscheidung der Klinikleitung beruhigt Uta Engelhardt. Die Geschäftsführerin der Beratungsorganisation Pro Familia in Niedersachsen (die Frauen bei Abtreibungen berät) hatte Anfang der Woche noch befürchtet, dass Ärzte in anderen Kliniken dem Beispiel Börner folgen würden und Abtreibungen untersagen.

Entwarnung bedeutet das aber nicht.

Denn Experten beobachten ein Erstarken konservativer christlicher Strömungen in Deutschland, seien sie nun katholisch oder evangelisch geprägt. Darunter sind viele Abtreibungsgegner. Sie beobachten, dass Vertreter kleiner rückwärtsgewandter Gruppen sich heute teilweise offener zu ihrer Position bekennen als früher. Und zwar in dem Maß, wie die großen Kirchen ihre Deutungshoheit verloren haben.

Heikles Terrain mit fließenden Übergängen

Allerdings ist die Diskussion über das Thema schwierig. Weil die Übergänge zwischen konservativ und radikal fließend sind.

Die katholische Kirche etwa verurteilt die Abtreibung entschieden als Tötung, hat sich auch aus der Beratung zurückgezogen, die eine straffreie Abtreibung ermöglichte. Das prägt auch die Arbeit kirchlich geführter Kliniken wie in Schaumburg – dort führten laut "Ärzte Zeitung" aber niedergelassene Ärzte den Schwangerschaftsabbruch in Räumen der Klinik durch.

Die Position der Kirche ist auch unter Katholiken umstritten, viele leiten dafür höchstens eine Maxime für sich selbst ab, nicht aber das Gebot, andere davon zu überzeugen.

Dagegen machen immer wieder radikale Abtreibungsgegner etwa von "Pro Life" von sich reden. Vor vier Jahren berichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" über eine generalstabsmäßig geplante Bespitzelungsaktion, in der die Aktivisten Ärzte an katholischen Klinken überführen wollten.

Große Kirchen sind sich nicht einig

In Berlin gibt es jedes Jahr einen "Marsch für das Leben", der im vergangenen Jahr von der katholischen Kirche und auch von der AfD unterstützt wurde. Die evangelische Kirche dagegen war nicht dabei.

Engelhardt von Pro Familia hat nicht den Eindruck, dass die von Religionsexperten beobachteten Veränderungen auch dazu geführt haben, dass mehr Ärzte sich weigern, Abtreibungen vorzunehmen. Sie hält die Fälle in ihrer Region für konstant.

Trotzdem appelliert sie an die Öffentlichkeit: "Für Frauen ist das ein sehr schwerer Gang", sagt sie der Huffington Post. "Keine Frau entscheidet leichtfertig über eine Abtreibung. Sie brauchen Unterstützung."

#

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

(ks)