LIFE
09/02/2017 12:21 CET

Kaum jemand weiß von dieser Atom-Katastrophe - jetzt bedrohen ihre Folgen einen ganzen Erdteil

Noch heute überschreiten die Cäsium-Werte in Majak das Hundertfache der Normalwerte.
Greenpeace
Noch heute überschreiten die Cäsium-Werte in Majak das Hundertfache der Normalwerte.

Der "Kyschtym-Unfall“ zählt zu den schlimmsten Atom-Katastrophen aller Zeiten.

Dabei soll mehr Radioaktivität freigesetzt worden sein, als beim Atomunglück von Tschernobyl. Über 30 Jahre lang wurde die Katastrophe vertuscht. Bis heute ist das verheerende Atom-Unglück kaum bekannt.

Doch das radioaktive Vermächtnis der Todeszone im Ural könnte schon bald zu einem Problem globalen Ausmaßes werden.

Eine Katastrophe schlimmer als Tschernobyl

Der Super-Gau ereignete sich am 29. September 1957 in der kerntechnischen Wiederaufbereitungsanlage Majak im südöstlichen Ural.

Ein kleiner Funke, ausgelöst von einem elektronischen Kontrollgerät, ließ einen riesigen Betontank voll mit hochradioaktiver Flüssigkeit explodieren.

Die freigesetzte Giftwolke verseuchte einen etwa acht Kilometer breiten und 110 Kilometer langen Streifen Land und setzte große Mengen radioaktiver Stoffe frei.

Darunter langlebige Isotope wie beispielsweise Strontium 90 (Halbwertszeit 29 Jahre), Cäsium-137 (30 Jahre) und Plutonium-239 (24.110 Jahre). Laut Augenzeugenberichten soll die Explosion als "leuchtender Schein“ noch hunderte Kilometer entfernt sichtbar gewesen sein.

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Die Idylle trügt: Blick auf den kontaminierten Karatchai-Stausee im Ural. Credit: Getty Images

Insgesamt wurde durch die Detonation schlagartig 80 Tonnen Atommüll mit einer Radioaktivität von 740 Millionen Gigabecquerel freigesetzt – erheblich mehr als ebeim Tschernobyl-Unfall vom April 1986.

Die Radioaktivität breitete sich über eine Fläche von etwa 20.000 Quadratkilometern aus und vergiftete Dörfer, Wälder, Flüsse und Seen.

Das absurde Lügenkonstrukt der Sowjetunion

Die Sowjets konnten den verheerenden Atom-Unfall 30 Jahre lang vertuschen. Denn die Kontamination beschränkte sich regional nur auf den Ural.

In Westeuropa konnte man keine Effekte durch radioaktiven Niederschlag feststellen. Sowjetische Zeitungen verklärten die Explosion der Katastrophe als "Wetterleuchten“ und "Polarlichter“.

Die ersten Informationen über den Zwischenfall gelangten erst 1976 durch einen Artikel des sowjetischen Journalisten und Dissidenten Scores Alexandrowitsch Medwedew in der Zeitung "New Scientist“ an die westliche Öffentlichkeit.

Nach der Katastrophe leitete man jahrelang flüssige radioaktive Abfälle in das nahegelegene Flüsschen Tetscha. Dieser speist unter anderem auch den Karatchai-Stausee, der in unmittelbarer Nähe des Katastrophenortes liegt.

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Noch heute überschreiten hier die Cäsium-Werte das Hundertfache der Normalwerte. Nach offiziellen Angaben gelangten allein im Jahr 2000 mehr als 250 Millionen Kubikmeter Wasser in die Tetscha, das tausende Curie von Tritium, Strontium und Cäsium enthielt.

Nach Meinungen von Experten der Organisation Greenworld Russia, überschreitet schon allein die Tritium-Konzentration im Fluss den Grenzwert um das Dreißigfache.

Anonyme Schreiben warnen vor einem „Atom-Armageddon“

Im April 2011 veröffentlichte die Internet-Zeitung "Russland-Aktuell" mehrere anonyme Briefe, in denen sich die AutorInnen besorgt über die desolaten Zustände der Anlage und des Damms äußerten. Den Schreiben zufolge befinden sich Kühlsysteme und die Spezialkanalisation mehrerer atomarer Anlagen in Majak am Rande des Zusammenbruchs.

Bei Reparaturarbeiten 2009 seien gefälschte Spezialrohre aus China verwendet worden, die man "nicht nur nicht in Atomanlagen, sondern nicht einmal im Wohnungsbau“ einsetzen dürfe. Die Verfasser des Texts sprechen bereits von einem drohenden "Atom-Armageddon“.

Massive Gefahr für das Polarmeer

Jährlich gelangen durch den desolaten Zustand der maroden Dämme und Talsperren geschätzt. 10 Millionen Kubikmeter flüssige radioaktive Abfälle ins Wasser.

Die lebensgefährliche Umweltkontamination ist nicht nur für die Bevölkerung der Region Tcheljabinsk eine Gefahr. Das verseuchte Wasser könnte durch die Flüsse in den arktischen Ozean gelangen.

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Das Gelände um die Anlage ist weitläufig abgeriegelt. Credit: Greenpeace

Die Regierung hingegen äußert sich nur selten zu der Bedrohung aus der Todeszone. Man möchte, so scheint es, das strahlende Erbe einer längst vergessenen Ära weiterhin unter einem bleiernen Deckmantel des Schweigens verbergen.

In Muslyumovo stirbt man jung

Der Kyschtym-Unfall ist eine stille Tragödie, über die niemand spricht und von der man nichts hört. Nur die zahlreichen Holzkreuze auf den Friedhöfen in der Region sind stumme Zeugen einer Absurdität, die täglich Menschen und Tiere dahinrafft.

Alt wird in Muslyumovo kaum jemand. Magen- und Lungenkrebs, Leukämie oder Gehirntumore dezimieren die Bevölkerung still und schleichend.

"Wir sind oft krank; auch die Kinder. Wir haben oft Kopfschmerzen“, sagt eine im Dorf lebende Bäuerin im Interview mit dem deutsch-französischen Kultursender Arte.

"Gemeinde und Bezirksregierung geben uns kein Wasser, also gehen wir zum Fluss“, sagt Midfach Mordaschew, Alteinwohner des Dorfes Muslyumovo im selben Interview. "Was soll man machen? Man will ja nicht hungern“, erklärt er verzweifelt. Auch das Vieh wird von den Bauern an den giftigen Fluss geführt. Ein tödlicher Kreislauf entsteht.

Der Tod als treuer Begleiter

Die Einwohner in der Region erhalten vom Staat beschämende Entschädigungen: Arbeitslose, Kinder und Rentner erhalten umgerechnet einen Euro pro Monat, Berufstätige vier.

Die Menschen, die aus Muslyumovo wegziehen, verlieren ihr Recht auf Entschädigungen vollständig, während ihre Gesundheit weiter durch die Strahlung geschädigt wird. Der Tod verfolgt die Menschen von Majak auf Schritt und Tritt.

Die Warnungen der Experten sind extrem alarmierend

Westliche Experten warnen bereits seit Jahren, dass ein Dammbruch zu einer Katastrophe führen könnte, dessen Ausmaß nur schwer vorstellbar ist. 400 Millionen Kubikmeter radioaktives Wasser und Sedimente könnten die Dörfer stromabwärts überfluten.

Über das Wassernetz Tobol-Irtysch-Ob könnten die verstrahlten Wassermassen in nur wenigen Tagen bis in das Nordpolarmeer vordringen.

Mit einer Verzögerung von 20 bis 30 Jahren würden die Menschen in Norwegen und den vorgelagerten Inselgruppen Radionuklide in ihren Fischen und Krabben vorfinden.

Doch das ist nur ein Teil des Problems. Das kontaminierte Wasser könnte die Landstriche bis zum Polarmeer verseuchen und nicht nur Menschen und Tiere bedrohen, sondern einen nachhaltigen schweren Schaden des gesamten Ökosystems verursachen.

Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

(lk)