POLITIK
08/02/2017 17:19 CET | Aktualisiert 09/02/2017 09:08 CET

Die US-Tech-Elite bereitet sich auf den Weltuntergang vor – darum sollte uns das Sorgen machen

Die amerikanische Tech-Elite bereitet sich auf den Weltuntergang vor – darum sollte uns das Sorgen machen
Mark Blinch / Reuters
Die amerikanische Tech-Elite bereitet sich auf den Weltuntergang vor – darum sollte uns das Sorgen machen

  • Amerikanische Technik-Unternehmer bereiten sich auf den Weltuntergang vor

  • Auch viele Durchschnitts-Amerikaner treffen Vorbereitungen für den Fall eines Kollaps der Gesellschaft

  • Dahinter steckt Angst vor Anarchie, Chaos, politischen Revolten und Naturkatastrophen

Sie kaufen Bunker, Waffen, Helikopter und Lebensmittel. Sie bauen sich Verstecke, bringen Stromaggregate an, bereiten alles vor – für die große Flucht.

Die Rede ist nicht von realitätsfernen Fanatikern, Verschwörungstheoretikern, irgendwo im US-amerikanischen Hinterland. Die Rede ist von der Elite des Landes, den millionen- und milliardenschweren Visionären des Silicon Valley.

Viele erfolgreiche Technologieunternehmer bereiten sich in den USA derzeit offenbar auf den Untergang vor, das Auseinanderbrechen der Gesellschaft. Viele treibt in Zeiten politischer Grabenkämpfe die Angst vor sozialen Unruhen, die das Land ins Chaos stürzen könnten. Andere wollen sich auf Naturkatastrophen vorbereiten.

Reid Hoffman, Mitgründer der Karriereplattform LinkedIn sagte dem US-Magazin "New Yorker", mehr als die Hälfte der Silicon-Valley-Milliardäre habe sich solch einen oder einen anderen Zufluchtsort in den USA oder im Ausland geschaffen. Eine Vorsichtsmaßnahme, falls die Welt, wie wir sie kennen, zusammenbricht.

"Die Nachfrage nach Bunkern hat sich vervierfacht"

Die US-Firma Risings Bunker ist nach eigener Aussage der größte Hersteller unterirdischer Schutzräume. Ihr kleinstes Modell gibt es ab circa 40.000 Euro, größere Modelle kosten über eine Million. Ein Sprecher der Firma bestätigte der Huffington Post: "Die Nachfrage hat sich in den letzten zwei Monaten vervierfacht."

Ein bedrohliches Omen

Neben Hoffman hat der "New Yorker" auch mit erfolgreichen Unternehmern bei Yahoo, Facebook, Reddit, PayPal, Twitch und verschiedenen Investmentfirmen gesprochen. Sie alle sagen: Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor. Der Vorsitzende einer Investmentfirma erzählte: "Ich habe immer einen vollgetankten Helikopter und einen Untergrundbunker mit Sauerstofffilter."

So absurd der Survival-Fanatismus der Superreichen auf der einen Seite klingen mag, so beunruhigend ist er auf der anderen. Schließlich war es ihre Weitsicht, die viele der heutigen Technik-Milliardäre einmal erfolgreich machte. Sie alle hatten eine Vorstellung davon, wie sich die Welt in der Zukunft verändern würde. So ahnten sie mit ihren Ideen die Trends und Entwicklungen von morgen voraus.

Heute stellen sie uns vor die Frage: Ist ihr Survival-Tick ein Alarmsignal? Oder nur ein abgedrehtes, teures Hobby?

Antonio García Martínez, ehemals Produktmanager bei Facebook, kaufte so offenbar erst kürzlich eine Insel im Pazifischen Nordwesten. Er brachte Generatoren mit, Solarpanele – und: 100.000 Stück Munition. "Wenn die Gesellschaft ihren gesunden Gründungsmythos verliert, stürzt sie das ins Chaos", zitiert ihn der "New Yorker".

“Die Leute haben Angst vor Krieg, seit Trump Präsident ist“

Seine Prophezeiung klingt düster – und hochpolitisch. Auch bei Rising Bunkers glaubt man, die explodierende Nachfrage nach Schutzräumen habe politische Gründe. Ein Sprecher sagte der Huffington Post: "Wir hören von Kunden, es liegt auf der einen Seite an Barack Obama und den Flüchtlingen, die er ins Land gelassen hat."

Auf der anderen Seite hätten die Menschen seit Donald Trumps Amtsantritt Angst "vor einem großen Krieg, weil Trump vor nichts zurückschreckt".

"Die Menschen haben Angst, weil Donald Trump vor nichts zurückschreckt"

Es ist eine Angst, die längst nicht mehr nur in den Büros der Silicon-Valley-Führungsetagen schwelt. Eine Umfrage des Magazins "National Geographic" ergab bereits 2012, dass vier von zehn Amerikanern Vorratskäufe und den Bau eines Bombenschutzbunkers für eine sinnvollere Investition halten als Sparpläne zur Altersvorsorge.

bunker

Ein Bunker, wie sie Risings Bunkers herstellt

Die "Prepper"-Bewegung wächst

Selbst ernannte "Prepper" bereiten sich mit Vorräten, Bunkern und Waffen auf Katastrophen vor und teilen ihre Ideen in Facebook-Gruppen und Internetforen.

Auch der Verein American Preppers Network verzeichnet einen großen Mitgliederzuwachs. "Mehrere tausend neue Mitglieder" hätten sich in den vergangenen zwei Monaten registriert, sagte ein Sprecher der Huffington Post. Viele von ihnen als "Platinum-Member", eine Mitgliedschaft, die immerhin 500 US-Dollar kostet.

In Artikeln, die der Verein auf seiner Website veröffentlicht, geht es ums Jagen, um den Bau winterfester Unterschlüpfe und Überlebensstrategien in Katastrophensituationen. Es geht um Urängste der Menschen – und viele "Prepper", die sich in den entsprechenden Facebook-Gruppen tummeln, machen nicht den Eindruck, einer größeren Vision zu folgen.

Es ist ein recht einfach gestrickter Zirkel häufig konservativer Amerikaner, die sich auf Fotos in sozialen Netzwerken beim Jagen zeigen, beim Angeln, oder neben ihrem Pick-Up-Truck.

In einem Artikel in der US-Ausgabe der "Vice“ enthüllte ein Ghostwriter, der Bücher mit Survival-Tipps geschrieben hatte: "Mein Auftraggeber hatte nur eine Frage: 'Haben sie je für republikanische Männer mittleren Alters geschrieben?'"

Silicon-Valley-Visionäre verlieren sich in Dystopien

Umso befremdlicher mutet es an, dass auch viele von Amerikas brillanten Technik-Vordenkern sich als "Prepper" herausstellen. Die Plattitüde vom schmalen Grad zwischen Genie und Wahnsinn könnte sich hier bestätigen.

Roy Bahat, Vorsitzender des Venture-Capital-Unternehmens Bloomberg Beta, erklärte im "New Yorker", die Natur dieser Menschen sei es, die Welt verändern zu wollen: "Wenn man das tut, ist es ganz normal, dass man Dinge bis zum Ende weiterdenkt. Das führt dann zu Utopien – und eben zu Dystopien."

"Irgendwo zwischen Optimismus und blankem Terror""

Zwischen einer besseren Welt und der totalen Katastrophe scheint es für viele wenig zu geben. Ein Unternehmer gab so zu: "Mein jetziger Geisteszustand ist irgendwo zwischen Optimismus und blankem Terror."

Auch bei der New Yorker Elite gibt es diese Ängste. Angst vor einer "russischen Revolution" auf amerikanischem Boden etwa, wie Hedgefonds-Manager Robert H. Dugger dem US-Magazin erklärt.

Seine Kollegen zeigten zwei Verhaltensweisen, um mit dieser Furcht umzugehen, erklärt er. Zum einen spendeten sie viel Geld, um die Probleme der Welt zu lösen.

Zum anderen bereiteten sie ihre Flucht vor.

Forscher teilen die Bedenken der Elite-"Prepper“

Vollkommen fehlgeleitet sind sie wohl nicht. Denn einige der renommiertesten Wissenschaftler warnten im Zuge der Präsidentschaft Donald Trumps bereits vor der drohenden Apokalypse.

Das Fachmagazin "Bulletin of the Atomic Scientists", für das bereits 15 Nobelpreisträger geschrieben haben, hat seine berühmte "Doomsday-Uhr“ im Januar als Reaktion auf die Wahl Donald Trumps deutlich vorgedreht.

Die Welt ist nun aus Sicht der Atomwissenschaftler – bildlich gesprochen – nur noch zweieinhalb Minuten von der vollständigen Zerstörung entfernt.

Ihre Begründung: die "verstörenden Kommentare“ Trumps über die Benutzung nuklearer Waffen und seine Leugnung des Klimawandels. Die Welt steht nach Ansicht der Wissenschaftler so nah vor dem Untergang wie zuletzt in der Hochphase des Kalten Krieges 1953.

Im unwahrscheinlichen Fall, dass ihre schlimmsten Befürchtungen sich bewahrheiten, dürften auch die Vorbereitungen der Silicon-Valley-Größen zu kurz greifen.

Steve Huffman, Mitgründer der Online-Plattform Reddit, hatte sich zuletzt die Augen lasern lassen: "Wenn die Welt kurz vor dem Ende steht, wird es verdammt nervig, Brillen oder Kontaktlinsen zu besorgen. Dann bin ich am Arsch."

(ks)